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Der Kern der Krise Vertrauen

Ohne Vertrauen wäre Gesellschaft nicht möglich, weil sonst die Schrittfolge des Alltags nicht in Gang käme. Leider ist es vielfach verloren gegangen: Etwa zwischen Banken, zwischen Wirtschaft und Politik und zwischen Politik und Wähler.

© dapd Vergrößern Plastik und Papier selbst sind nicht sehr wertvoll.

Geld hat keinen eigenen Wert. Sein Wert entsteht erst durch Austausch und Gebrauch von Geld. Hierfür ist Vertrauen zentral, ja konstitutiv. Vertrauen ist das Wesen des Geldes. Aber was ist Vertrauen? Diese Frage führt zum Kern der Krise. Die Industrieländer kämpfen mit einer Bankenkrise, einer Schuldenkrise, einer Wirtschaftskrise, einer Krise des Finanzkapitalismus, einer Krise der Sozialsysteme in den schrumpfenden westlichen Demokratien. Aber was ist ihr Kern?

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Das Vertrauen. Es ist verlorengegangen. Zwischen den Banken, zwischen Bank und Kunde, zwischen Finanz- und Realwirtschaft, zwischen Wirtschaft und Politik, zwischen Politik und Wähler. Im Kern haben wir es mit einer Vertrauenskrise zu tun. Was also ist Vertrauen? Der amerikanische Philosoph Stanley Fish beschreibt das so: „Doing what comes naturally.“ Ganz natürlich erzeugt Vertrauen Vertrauen im Fortgang des alltäglichen Handelns. Vertrauen sei grundlos, aber nicht blind, sagt der Soziologe Heinz Bude. Vertrauen sei eine Haltung der Reflexität. Es ist das riskante Trotzdem, was einen vertrauensvollen von einem vertrauensseligen Menschen unterscheidet. Ohne Vertrauen wäre Gesellschaft nicht möglich, weil sonst die Schrittfolge des Alltags nicht in Gang käme. Man stünde, wie Kafka geschrieben hat, jedes Mal vor einer Tür, durch die man sich nicht getraute zu gehen, obwohl sie doch nur für einen geöffnet war.

Die Demokratie wird nicht in Zweifel gezogen - die Marktwirtschaft schon

Vertrauen wirkt ganzheitlich, speist sich aber aus unterschiedlichen Quellen. Bude unterscheidet das Systemvertrauen, das Sozialvertrauen und das Selbstvertrauen. Das Systemvertrauen richtet sich auf Institutionen und Verfahren und stellt die Legitimität eines gesellschaftlichen Systems her. Die Demokratie wird durch die Krisenjahre nicht in Zweifel gezogen, aber das Vertrauen in die Marktwirtschaft auf eine harte Probe gestellt. Der angelsächsische Finanzkapitalismus ist in Verruf geraten, anders als der produktive Industriekapitalismus.

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Durch das angeknackste Systemvertrauen erodiert das Sozialvertrauen. Es findet ein Rückzug auf vertraute Bezugsmilieus statt. Das ist auch eine Reaktion auf den Wandel im Zuge der Globalisierung. Die verschiedenen Milieus beginnen sich gegenseitig abzuschotten, es herrscht fast so etwas wie soziale Ansteckungsangst. Von den ersten beiden Quellen ist die dritte Form des Vertrauens, das Selbstvertrauen, relativ unabhängig.

Vertrauen hat in Deutschland nicht den Stellenwert, den es verdient

Wie Umfragen von Allensbach zeigen, hat das Thema Vertrauen in Deutschland nicht den Stellenwert, den es verdient. Eine überwältigende Mehrheit von 85 Prozent stimmt dem Lenin zugeschriebenen Satz zu: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ Dabei kann man die Bedeutung des Vertrauens für eine freiheitliche Gesellschaft kaum überschätzen. Denn letztlich sind alle Maßnahmen staatlicher Kontrolle oder sonstige Eingriffe in die Freiheit des Einzelnen auf Misstrauen gegründet. Hierzulande haben viele Institutionen das Vertrauen der Bevölkerung verloren. Der Anteil derjenigen, die in den Bundestag Vertrauen haben, fällt seit Jahren. In die Bundesregierung haben nur noch wenige viel oder ziemlich viel Vertrauen.

Mit der Finanzhilfe für Griechenland, die von zwei Dritteln der Bevölkerung abgelehnt wird, schwindet das Vertrauen in den Euro. Gleichzeitig wächst das Misstrauen gegenüber europäischen Institutionen. Jeder Zweite ist überzeugt, die EU habe zu großen Einfluss. Trotzdem wollen Politiker in der Euro-Krise die politische Integration vorantreiben, obwohl zwei von drei Deutschen gegen weitere Befugnisse für die EU sind. Ebenfalls zwei Drittel haben übrigens kein oder kaum Vertrauen in die Europäische Zentralbank.

Viele sehen im Euro nur noch buntes Papier, dem sie immer weniger vertrauen

Wie kann angesichts solcher Verwerfungen wieder so etwas wie eine gesamtgesellschaftliche Vertrauenskultur hergestellt werden? Das braucht Zeit und eine offene Debatte in einer offenen Gesellschaft. Sind wir noch bereit, eine solche Debatte zu führen? Man kann daran zweifeln, wenn man sieht, wie die Kritiker am Euro-Rettungskurs als Antieuropäer verunglimpft werden. Es ist das Gegenteil von Debatte, wenn die Währungsunion, die den Deutschen als eine Stabilitätsunion versprochen wurde, zu einer Transferunion nach italienischem Vorbild umgebaut wird, ohne dass darüber debattiert werden darf. Weil die Leute nicht gefragt werden, ob sie eine von Morgan Stanley so getaufte „italienische Ehe“ eingehen wollen, ballt der Steuerbürger die Faust in der Tasche.

Aber der Bürger handelt auch, und zwar wirtschaftlich. Viele sehen im Euro nur noch buntes Papier, dem sie immer weniger vertrauen. Manche horten Gold, auch wenn es keine Zinsen abwirft. Andere kaufen Wohnungen, Häuser, Kunst oder Oldtimer, um sich vor der Entwertung des Geldes durch Inflation zu schützen. Wenn Menschen das Vertrauen in die Währung und das Rechtssystem verlieren, flieht Geld wie ein scheues Reh in Sachwerte oder andere Länder. Das ist schlimm, denn ohne Vertrauen gibt es weder Wachstum noch Wohlstand. Die Debatte ist ein Prozess der Wahrheitsfindung. Deshalb liegt in der offenen Debatte der Schlüssel zum Wiederfinden des verlorenen Vertrauens.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 23.12.2012, 19:29 Uhr

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Von Markus Frühauf

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