03.02.2012 · Warum geben wir zu viel Geld aus? Warum sparen wir kaum fürs Alter? Solche Denkfehler behandelt eine neue Serie. Erster Teil: Oft ist es besser, auf die eigene Intuition zu vertrauen
Von Patrick Bernau und Winand von PetersdorffDenken Sie gerade darüber nach, beim Börsengang von Facebook mitzumachen? Sie wollen moderne Technik und kräftiges Wachstum in ihr Depot bringen? Natürlich ist die Facebook-Aktie riskant, denken Sie - aber Google und Apple, Microsoft und SAP haben ihren Aktionären viel Geld gebracht.
Wer so denkt, macht einen typischen Denkfehler, der teuer werden kann. Niemand weiß heute, ob die Facebook-Aktie in Zukunft mehr wert sein wird oder ob der Firma irgendwann die Puste ausgeht. Doch wer bei der Entscheidung über eine Facebook-Investition nur an Google und Apple denkt, der wird leicht von der Gier übermannt und kauft mehr Facebook-Aktien, als er eigentlich haben sollte. Die großen Erfolgsadressen verwirren die Sinne des Anlegers, die Psyche spielt Streiche.
Denn Google und Apple sind nicht die einzigen Technikfirmen, die die Börse gesehen hat. Da war auch Gigabell, ein gefeierter Internet-Anbieter aus Frankfurt, der am Tag der Sonnenfinsternis 1999 die ersten Aktien verkaufte und seinen Kurs binnen weniger Wochen vervierfachte. Ein Jahr später war Gigabell pleite. Heute spricht niemand mehr über die Firma, deshalb vergessen Anleger sie viel zu leicht und denken nur an die guten Unternehmen, die bis heute überlebt haben. Psychologen nennen das den „Survivorship Bias“.
Solche und andere Denkfehler stellt die Sonntagszeitung von heute an in einer Serie vor, jede Woche. All diese Denkfehler haben eines gemeinsam: Sie kosten uns Geld, manche sogar ein Vermögen. Wir machen diese Fehler, wenn wir Geld verdienen, wenn wir es anlegen und wenn wir es ausgeben. Doch wir müssen nicht alle Fehler hinnehmen. Wenn wir sie kennen, können wir gegensteuern. Manchmal.
Im Schatten der klassischen Ökonomie hat sich in den letzten 20 Jahren eine neue Disziplin entwickelt, die Verhaltensökonomik, die ökonomisches Verhalten der Akteure nicht voraussetzt, sondern empirisch ergründet. Wie verhalten sich die Akteure in wirtschaftlichen Entscheidungssituationen, warum verhalten sie sich so, und welche Logik steckt hinter ihrer gelegentlichen Irrationalität?
Warum zum Beispiel beschäftigt die Menschen ein Verlust von 10 Euro genauso so sehr wie ein Gewinn von 25 Euro? Das ist eine der ältesten Erkenntnisse in einer jungen Disziplin - erst 2002 vergab eine Jury aus Wirtschaftsforschern dafür einen Nobelpreis. Inzwischen ist das Wissen gewachsen. Forscher haben Thesen getestet und wieder verworfen, alte Ideen präzisiert und ergänzt. Jetzt ist die richtige Zeit, eine erste Zwischenbilanz zu ziehen, jetzt können Verbraucher und Anleger aus der Forschung richtig brauchbare Dinge lernen.
Zum Beispiel diejenigen, die eine neue Digitalkamera kaufen wollen. Noch vor einigen Jahren hätte der Ratschlag geheißen: Informiere dich gut, verstehe jedes Detail und lege dann eine Liste der Vor- und Nachteile der wichtigsten Kameras an. So kannst du dich für die Passende entscheiden. Selbst wenn diese Auswahl keinen Spaß macht - es ist am besten, wenn du deine Entscheidung mit möglichst vielen Informationen triffst. Heute würde das kaum noch ein guter Psychologe empfehlen. Wer diesem Muster folgt, gibt viel Geld aus und macht sich trotzdem selbst unglücklich.
Besser ist der Weg, den die Menschen intuitiv wählen. Viele lassen sich vom Verkäufer eine Kamera empfehlen - und für die meisten Hobbyfotografen ist das gar keine schlechte Methode. (Natürlich sollte man sich nie allein auf den Verkäufer verlassen. Auch dazu erklärt unsere Serie mehr.)
In Amerika haben der Psychologe Timothy Wilson und sein Kollege Jonathan Schooler herausgefunden: Wer sich schneller entscheidet, der ist nicht nur früher fertig. Sondern er ist mit der Entscheidung auch glücklicher als jener, der ewig zwischen Optionen abwägt.
Das testeten die beiden Forscher, indem sie ihren Studenten unterschiedliche Poster zur Auswahl gaben. Die Hälfte ihrer Versuchskaninchen sollte lange nachdenken, alle Argumente für und gegen die einzelnen Poster aufzählen und dann abwägen - erst dann sollten sie sich für eines entscheiden. Die anderen mussten spontan zugreifen. Alle durften das ausgewählte Poster mit nach Hause nehmen und dort aufhängen. Die große Frage: Wer entschied sich besser?
Einige Wochen später überprüften die beiden Psychologen das. Und sie stellten fest: Die Studenten, die ihr Poster nach reiflicher Überlegung ausgesucht hatten, konnten es schon ein paar Wochen später nicht mehr sehen. Wer sein Bild spontan ausgewählt hatte, war dagegen deutlich glücklicher damit- und ließ es länger an der Wand hängen.
Das funktioniert nicht nur mit Kunst. Wilson und Schooler haben ähnliche Effekte auch bei Marmelade gefunden, bei Autos, Ikea-Sesseln und sogar bei Wohnungen. Die Menschen scheinen ein bisschen so zu ticken wie Hans im Glück: Der dachte beim Tauschen nicht viel nach und verlor nach mathematischen Maßstäben immer mehr an Reichtum, aber er war dabei immer froh. Dass solche einfachen Entscheidungen besser sind, hat einen bestimmten Grund, glauben die Psychologen: Wer sich lange mit dem Für und Wider beschäftigt hat, der kennt die Nachteile seiner eigenen Wahl. Und er weiß, was er verpasst hat.
Solche Erkenntnisse haben sich inzwischen bei vielen Forschern durchgesetzt. Doch es ist heute auch klar, dass nicht jede Bauchentscheidung tatsächlich vorteilhaft ist. Es gibt genügend Denkfehler, die viel Geld kosten.
Ein wichtiger ist das sogenannte „Anchoring“, das „Verankern“. Es erlaubt Verkäufern im Laden, uns viel mehr Geld aus der Tasche zu ziehen, als wir anfangs ausgeben wollten. Zum Beispiel im Elektroladen, wenn wir einen Fernseher kaufen wollen. Die Verkäufer müssen uns nur am Anfang des Gesprächs zu einem besonders teuren Gerät führen („nur, damit Sie sich das mal angucken können“). Unwillkürlich misst das Gehirn später alle anderen Preise an dem des ersten Gerätes. Und plötzlich sehen selbst mittelmäßig günstige Fernseher aus wie das größte Sonderangebot des vergangenen Jahres.
Zum Glück gibt es ein Mittel, sich vor diesem Trick zu schützen. Wie, das erklären wir in Folge zwei der Serie, die sich mit dem Verankern beschäftigt.
Noch vor dem Anchoring kommt das Priming
Derk Hunne (D.H.H)
- 06.02.2012, 14:55 Uhr
Für solche Banalitätsdinge gibt es heute einen Nobelpreis??
Franz Munte (FranzMunte)
- 06.02.2012, 13:58 Uhr
Gefühle - Kognitionen
Rainer Egold (Humanitas)
- 05.02.2012, 10:47 Uhr
Intuitions-Tuning
Günter Blümel (guenterbluemel)
- 05.02.2012, 07:22 Uhr
Mein Tip: Die erste Frage bei jedem Kauf:
Reinhard Wolf (Pumuckel42)
- 04.02.2012, 23:33 Uhr
Winand von Petersdorff-Campen Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.
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