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Deng Xiaoping Der Mann, der 500 Millionen Arme rettete

19.11.2011 ·  Deng Xiaoping hat China den Kapitalismus gebracht, doch die Diktatur verteidigte er hart. Eine neue Biographie erzählt vom Leben eines rücksichtslosen Technokraten.

Von Hendrik Ankenbrand
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© Reza/Webistan/Corbis Propagandaplakat von Deng: anders als Mao keine schillernde Persönlichkeit

Als der Sohn im Juni 1971 nach Jahren endlich zu den Eltern reisen darf, bekommt er ein Zimmer im Parterre. So kann ihn der Vater im Rollstuhl ins Freie schieben. Von der Brust abwärts ist der Sohn gelähmt. Damit er nicht wundliegt, dreht der Vater nachts alle zwei Stunden seinen Jungen herum.

27 Jahre ist er alt, sein Name lautet Deng Pufang, Student der Physik. Auf der Flucht vor Maos „Roten Garden“ ist er in Peking aus dem vierten Stock seines Strahlenlabors gesprungen, vielleicht wurde er auch gestoßen, das bleibt unklar. Klar ist: Sein Rückgrat bricht.

Millionen Menschen wurden in der Kulturrevolution von radikalen Mao-treuen Rotgardisten getötet, noch mehr wurden verfolgt, gefoltert, verschleppt, es ist das dunkelste Kapitel in der Geschichte der Volksrepublik China. Weshalb der Rollstuhlfahrer Deng Pufang heute, fast ein halbes Jahrhundert später, wie kaum ein Zweiter für die Schrecken jener Jahre steht, deren Bedeutung für China Historiker mit dem Zweiten Weltkrieg für Europa vergleichen, das liegt am Vater. Dem Sohn widerfuhr Sippenhaft für Deng Xiaoping, 63 Jahre alt und beim Ausbruch des roten Terrors der meistgehasste Politiker im Land.

In der Kulturrevolution in Ungnade gefallen

Die Familie hatte einst ein angenehmes Leben. Sie lebte im abgeriegelten Pekinger Regierungsviertel Zhongnanhai westlich der Verbotenen Stadt, in dem breite Straßen voller grauer mehrstöckiger Bungalows zwei künstliche Seen umschließen. Deng galt als einer von zwei Kandidaten für die Nachfolge Maos. Doch mit Beginn der Kulturrevolution 1966 war der Pragmatiker Deng bei Mao in Ungnade gefallen, er galt als Kapitalist, was so viel hieß wie: Einer, der eigenständig denkt und handelt. Die Folge war erst Hausarrest, dann Strafarbeit in der Provinz. Später, nach seiner Rehabilitierung, baute Deng Xiaoping wie einst die Trümmerfrauen in Deutschland auf den Ruinen des roten Terrors mit marktwirtschaftlichen Reformen die Basis für ein Wirtschaftswunder, das bis heute weit über eine halbe Milliarde Chinesen aus der Armut befreit hat - das ist in Ausmaß und Tempo in der Menschheitsgeschichte ohne Beispiel.

Gegen Ende der 70er Jahre wirkte China wie ausgebombt. Heute beknien die Schuldenminister Europas das Land, die nun zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt möge mit ihrer Dollar-Billion ihren Kontinent retten. Doch auch wenn in China die Ungleichheit riesig ist, die Bauern auf dem Land immer mehr von den reichen Städtern abgehängt werden: Die größte Veränderung ist den Chinesen selbst widerfahren. Zum ersten Mal hat die junge Generation eine Zukunft, die besser zu werden verspricht als die Gegenwart.

Die neue Macht und der relative Wohlstand sind zweifellos das Werk von Deng Xiaoping, auch wenn dieser, anders als bisher oft dargestellt, nicht der Initiator der Wirtschaftsreformen war (das war Xiaopings Vorgänger, der blasse Hua Guofeng). Ebenfalls war Chinas Aufstieg zur Wirtschaftssupermacht, entgegen einem weiteren Mythos, nicht Folge visionärer Blaupausen, sondern vielmehr das Ergebnis einer Reihe von vielen kleinen Einzelschritten in Fünfjahresplänen, glücklich gewonnenen Machtkämpfen und unbedingtem Willen. In der Summe ist diese Deutung neu, sie bildet das Fazit einer monumentalen 900-Seiten-Biographie, der bisher umfassendsten über Deng, die nun auf Englisch erscheint und einen faszinierenden Blick auf die erbitterten Richtungskämpfe hinter den politischen Kulissen der Blackbox China zulässt.

Seit der Harvard-Professor und Asien-Experte Ezra F. Vogel vor elf Jahren zu lehren aufgehört hat, verfolgt ihn eine Frage: Wer war dieser Deng, nach dessen Tod Ende der neunziger Jahre die westlichen Journalisten schrieben, der Verstorbene wäre gut bedient, wenn die Geschichte ihn nur zu 50 Prozent als schlecht beurteilen würde - sein Tod erlöse China vom Pfad ins sichere wirtschaftliche Chaos und mache endlich den Weg frei für politische Reformen? In spätestens fünf Jahren sei das Land eine Demokratie, so hieß es, eine Fehlprognose.

Obwohl der gigantische Aufholprozess, den Dengs Reformen ausgelöst hatte, damals in seiner Dimension noch nicht zu erahnen war, starrte im Februar 1997 die Welt wie gebannt auf das Pekinger Armeekrankenhaus, in dem Deng lag, todkrank. Mehr als zwei Jahrzehnte lang hatte Deng das Land geprägt. Der Verantwortliche der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua, der die offizielle Nachricht über den Tod von Chinas Heilsfigur schrieb, erzählt, wie ihn kurz nach Dengs Herzstillstand eine Korrespondentin des „Wall Street Journal“ anrief, Verdacht schöpfend, nachdem der Strom schwarzer Mercedes-Limousinen mit militärischen Kennzeichnen ins Krankenhaus nicht mehr abriss. China ohne Deng, das konnte sich die Welt kaum vorstellen. Was sollte danach kommen?

Was kam, war Deng. Der kleine Mann, der mit Betreten jeden Raum sofort beherrschte, mag tot sein, doch das heutige China ist Deng in Reinkultur, macht Vogel in seinem Werk klar. Dengs Maximen genießen weiterhin volle Gültigkeit - im Guten wie im Schlechten.

Deng, der 1989 persönlich befahl, die Studentenproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens blutig niederzuschlagen, und dabei, so kann man Vogel interpretieren, nicht nur in Kauf nahm, dass Menschen starben, sondern ein Massaker als „stabilisierende“ Machtdemonstration geradezu wünschte, hat demnach zeit seines Lebens an zwei Dinge geglaubt: die Modernisierung Chinas und die unumschränkte Herrschaft der Kommunistischen Partei, die allein zu tiefgreifenden Reformen imstande sei.

Winzig von Wuchs, gerade mal 1,52 Meter lang: Das war Deng, klein und klug. Deng, der Intellektuelle. Der erfolgreiche General. Der mutige Reformer. Der Betonkopf. Der Bridge-Spieler. Der fürsorgliche Vater. Der kalte Parteisoldat. Der Unbeirrbare. Der Opportunist. Der Menschenfreund. Der Diktator. Der Massenmörder.

Reform und Diktatur war für Deng kein Gegensatz, für Chinas Regime ist es bis heute keiner. Die Partei öffnet die Märkte und sitzt fest im Sattel. Die jährlich Tausende von Unruhen werden zuweilen nur leiser niedergeschlagen als früher. Der Nachrichtenbeamte, der 1997 Dengs Tod verkündete, ist heute eine der mächtigsten Medienfiguren Chinas, er heißt Li Xiguang, auch „Two-Face“ genannt. Gegenüber Deutschen und Amerikanern spricht Li mit Verve über Meinungsfreiheit, für die Pekinger Zentralregierung arbeitet er mit westlichen PR-Profis Notfallpläne für Krisenpropaganda aus, die kritische Berichte verhindern, wenn wieder mal verseuchtes Milchpulver oder zu exzessive Korruption die Massen auf die Straße treibt.

Nicht die Geschichte hat Deng überdauert, es ist umgekehrt. Demokratie und Rechtsstaat seien vielleicht doch nicht so wichtig fürs Geschäft, tuscheln westliche Spitzenmanager schon. In Deutschland spricht Helmut Schmidt die Parolen der Pekinger Parteiführer nach, der Westen dürfe dem Osten seine Werte nicht aufdrängen, so als hätten Kant und Locke einen Hollywoodstreifen gedreht. Hat China in der Krise nicht mit seinem Hunger nach Autos und Maschinen unser Bruttosozialprodukt gerettet? Die Welt steht kopf - wie hat Deng das geschafft?

Es gibt nicht viele Biographien über den nach Mao wichtigsten Chinesen, eine hat seine Tochter geschrieben. Anders als Mao war Deng keine schillernde Persönlichkeit, kein Philosoph und Visionär, der aus Eitelkeit seine Gedanken kundtat oder niederschrieb. Die Spitznamen der beiden Männer sind aufschlussreich. Mao war der „große Steuermann“, Deng die „Stahlfabrik“. Vom Angriff auf ihren Sohn erfuhren die Eltern erst ein Jahr nach dem Vorfall, Mao hatte den Kontakt verboten. Die Mutter schrie, drei Tage lang. Deng, so erzählt es Vogel, schwieg und rauchte. Wenig später durfte er zurück an die Seite Maos, der ihn verbannt hatte und die Verantwortung dafür trug, dass sein Sohn ein Krüppel war. Doch Deng, der 1956 bei einem Besuch in Moskau hautnah miterlebt hatte, wie Chruschtschow Stalin denunzierte und damit die Kommunistische Partei ins Chaos gestürzt hatte, wollte keine Rache. Stattdessen sollte die Partei ihren Gründer bis in alle Ewigkeit verehren, ebenso Maos Politik - als richtig in besonderen Zeiten. „Das gab seinen Nachfolgern den Spielraum, sich den neuen Umständen anzupassen“, schreibt Vogel.

Deng setzte stets aufs Militär

Die Unzugänglichkeit des Untersuchungsobjekts macht den Verdienst des Biographen noch größer. Tausend Zeitungsartikel und Agenturberichte hat Vogel gelesen und in Hunderten Gesprächen Deng zu ergründen versucht. Er sprach mit zwei Töchtern, mit Dengs Übersetzerin, mit den Kindern und Neffen anderer hoher Kader. Mit Henry Kissinger flog Vogel nach China. Er lebte in Bibliotheken und sichtete Berge von einst geheimen Regierungsdokumenten im National Security Archive der George-Washington-Universität. Jetzt erzählt er direkt und detailbesessen, wie es für Amerikaner üblich ist, die meisterhaft recherchierte Geschichte eines Mannes, der anders als Mao kein Träumer und Dichter war, sondern ein Technokrat mit einem Ziel, das er trotz dreimaliger Absetzung und politischer Tode bis zum Tod hartnäckig verfolgte: Die einstige Großmacht sollte wieder mitspielen in einer wirtschaftlichen und machtpolitischen Liga mit Amerika, Großbritannien, Frankreich, Japan und Deutschland.

Bei der Absicherung seiner persönlichen Macht setzte Deng stets aufs Militär, dessen Führer er war, anders als der Staatspräsident, ein Posten, den er nie innehatte. Bei der Frage, wie China gegenüber den westlichen Ländern und Tigerstaaten vor der eigenen Haustür (Japan, Singapur) aufholen konnte, glaubte Deng dagegen fest an die Macht der Wissenschaft. Er selbst war als 16-Jähriger während der zwanziger Jahre nach Frankreich gereist, anders als Mao, der nie das Land verlassen hat. In den siebziger Jahren schickte Deng Funktionäre der KP auf Erkundungstour nach Europa, in Deutschland besuchten sie die Kaianlagen in Bremerhaven, für einen kurzen Abstecher ging es auch zu Marx’ Geburtshaus nach Trier. Nach der Forschung verhalf Deng den ausländischen Investoren zu den Sonderwirtschaftszonen an den Küsten, wo sie Geschäfte machen sollten - zu seinen Regeln. Bis heute muss jedes ausländische Geschäft in China zur Hälfte Chinesen beteiligen. So hat der Westen China seine Hochtechnologie auf dem Silbertablett präsentiert.

Deng etablierte einen ergebnisorientierten Managementstil, der auch heute noch in Chinas Regierung vorherrscht: Wer nicht liefert, wird abgeräumt. Beratungsresistenz war dabei verpönt: Wie haben es die Deutschen gemacht, wie die Franzosen, wie Hongkong, löcherte Deng seine Untergebenen, hatte er sein Leben lang doch begierig das Wissen anderer aufgesogen und davon bestens profitiert. So hält es die Regierung bis heute.

Doch hinsichtlich politischer Reformen blieb Deng stets stur. „Wir können nicht einfach die bourgeoise Demokratie kopieren“, sagte er. „Das bedeutet das Ende der Führung durch die Partei, und dann wäre da nichts mehr, das unser Ein-Milliarden-Volk eint.“ Mit diesen Worten kritisierte Deng 1986 den Dissidenten Fang Lizhi, Physikprofessor und Galionsfigur der aufkeimenden Demokratiebewegung im Land. Lizhi, heute 75 und in der Emigration in Amerika, hat für die „New York Review of Books“ Vogels Deng-Biographie verrissen. Im Anhang tauche das Wort Menschenrechte nicht auf, giftet Lizhi, und tatsächlich klingt der Biograph Vogel befremdlich, wenn er dem Studentenmassaker, das Deng befahl, hinterherschickt: Danach hätten über zwanzig Jahre Stabilität und Prosperität geherrscht.

Unter amerikanischen Demokratieforschern tobt derzeit ein Streit, ob es vor der Demokratie stabile Institutionen geben muss wie den Rechtsstaat oder ob ein Rechtsstaat, den eine Diktatur wie China baut, nicht gerade deren Abschaffung stets verhindern würde und Institutionen demnach sogar die Demokratisierung behindern. Deng, schreibt Vogel, habe die Kontrolle darüber abgeschafft, wo Menschen leben und arbeiten, was produziert wird, zu welchen Preisen - alles Öffnungen zugunsten des Markts, klar, aber mit langfristiger politischer Sprengkraft. Folgt man Vogel, hätte Deng damit unwillentlich doch das lange Ende eines autoritären Systems und seiner Institutionen eingeleitet. Das wäre wahrhaft revolutionär.

Ezra F. Vogel: „Deng Xiaoping and the Transformation of China“, Harvard Press, 35,65 Euro

Quelle: F.A.S.
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Jahrgang 1978, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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