06.08.2003 · Im Jahr 2050 soll es sieben Millionen Bundesbürger weniger geben. Der Bevölkerungsverlust drückt schon jetzt auf das Wirtschaftswachstum, und das wiederum beeinflußt die Investitionen und Pro-Kopf-Einkommen.
Die Bevölkerung in Deutschland wird in den kommenden Jahrzehnten schrumpfen. Nach einer konservativen Prognose des Statistischen Bundesamtes sinkt die Bevölkerungszahl von heute gut 82 Millionen auf 75 Millionen im Jahr 2050.
Sieben Millionen weniger - das ist die heutige Bevölkerung von Niedersachsen. Schon in zwölf Jahren beginnt der Abstieg vom Bevölkerungsgipfel. Zugleich werden die Deutschen älter. Die Zahl der Geburten reicht nicht, um die Bevölkerungszahl zu erhalten. Ab 2015 drängen die geburtenstarken Jahrgänge der "Babyboomer" in die Rente. Mit der Vergreisung der Bevölkerung sinkt das Erwerbspersonenpotential weit mehr als die Bevölkerung. Die Zahl der Erwerbspersonen wird von heute 40 Millionen bis 2050 auf 30 Millionen fallen.
Wachstumspotential sinkt
Im Mittelpunkt der politischen Diskussion stehen die direkten Folgen dieses dramatischen Wandels für die Sozialversicherungssysteme. Kaum wahrgenommen wird, daß die schrumpfende und alternde Bevölkerung auch das Wirtschaftswachstum drückt. Der gesamtwirtschaftliche Verteilungsspielraum wird geringer - was indirekt die Probleme der Sozialsysteme vergrößert.
Die demographische Zeitbombe läßt das Wachstumspotential der deutschen Wirtschaft von derzeit rund 1,5 Prozent in den kommenden Jahrzehnten auf etwa ein Prozent sinken. Das haben die Ökonomen von Deutsche Bank Research (DBR) berechnet - unter den konservativen Annahmen des Status quo. Variiert man die Annahmen bezüglich Geburtenrate, Zuwanderungszahl, Lebensarbeitszeit und ähnlichem, kann das Ergebnis weniger schlecht ausfallen. Es kann aber auch noch schlimmer kommen. Im schlechtesten Szenario - keine Zuwanderung, keine längere Lebensarbeitszeit, geringere Produktivitätssteigerungen - schrumpft die Volkswirtschaft über Jahre. Als Wachstumspotential bezeichnen Ökonomen das Tempo, in dem eine Wirtschaft spannungsfrei wachsen kann.
Zunehmender Wohlstand ist nicht gesichert
Niedrigere Wachstumsraten oder gar eine Schrumpfung der Gesamtwirtschaft bedeuten rein rechnerisch nicht zwingend, daß der Wohlstand des einzelnen sinkt: Entscheidend ist dafür das Pro-Kopf-Einkommen. Wenn die Bevölkerung schneller schrumpft, kann selbst ein sinkendes Bruttoinlandsprodukt im Durchschnitt mehr Euro für jeden einzelnen bedeuten.
Aus ökonomischer Sicht ist zunehmender Wohlstand in einer schrumpfenden Wirtschaft aber nicht gesichert. Es stimmt zwar: Mit sinkender Bevölkerungszahl werden Wohnungspreise nachgeben, Land wird billiger, Arbeit wird teurer, und Überfüllungskosten werden sinken. Gesamtwirtschaftlich wird aber auch viel Produktionskapital entwertet, wenn Landstriche entsiedelt und Anlagen und Infrastruktur stillgelegt werden. Die geringere Zahl der Menschen läßt Vorteile der Bevölkerungsdichte kleiner werden. Mit der Vergreisung der Bevölkerung sinkt die Zahl an jüngeren Köpfen, die häufig zu den innovativsten zählen. Wie wenig attraktiv eine Volkswirtschaft mit einem Potentialwachstum unter ein Prozent etwa für Investoren und Anleger wäre, läßt sich unschwer vorstellen - zumal aufstrebende und "junge" Volkswirtschaften um das knappe Kapital konkurrieren. Solche dynamischen Effekte des Wachstums sind in den Berechnungen von Ökonomen in der Regel nicht enthalten; sie lassen sich seriös kaum beziffern.
Arbeitsmärkte liberalisieren
Heftig umstritten ist auch, ob mit der Alterung der Erwerbspersonen die durchschnittliche Produktivität und damit das Wachstum leidet. Weniger Beweglichkeit steht ein Mehr an Erfahrung gegenüber. Sicher aber ist: Die Hände und Köpfe, die schaffen, werden knapper. So geht Wachstumspotential verloren. Und weniger Arbeitende müssen für mehr Verbraucher plötzlich die Waren und Dienste herstellen, die Senioren bevorzugen.
In wirtschaftlicher Sicht ausgleichen läßt sich der Verlust an Arbeitskraft direkt durch mehr Geburten, eine höhere Zuwanderung, längere Wochen- oder Lebensarbeitszeiten, mehr Frauenarbeit. Das erfordert von der Politik, die Arbeitsmärkte zu liberalisieren und den Trend zur Frühverrentung und zur Verkürzung der Wochenarbeitszeit umzukehren. Beweglichere Arbeits- und Gütermärkte würden es auch erleichtern, die alterungsbedingten Verschiebungen von Konsum und Produktion zu bewältigen. Nach einer überschlägigen Rechnung des Ökonomen Axel Börsch-Supan müssen mindestens 15 Prozent der Arbeitsplätze in andere Sektoren umgeschichtet werden, weil ältere Bürger beispielsweise mehr Gesundheitsdienste und weniger Verkehrsleistungen beanspruchen.
Maßnahmenbündel als Königsweg
Die Chancen, den Verlust an Arbeitskraft und Wachstum durch höheren Kapitaleinsatz oder durch schnelleren technischen Fortschritt und eine höhere Produktivität auszugleichen, schätzen Ökonomen eher gering ein. Das Wachstum der totalen Faktorproduktivität hat sich in den vergangenen Jahrzehnten schon deutlich verlangsamt. DBR verweist darauf, daß Produktivitätswachstum eng mit Wirtschaftswachstum gekoppelt ist.
Den Königsweg sehen Volkswirte daher darin, die Wachstumsdynamik in einem Maßnahmenbündel durch mehr Arbeit, höhere Erwerbsbeteiligung und eine maßvolle Zuwanderung zu stärken. Die Ökonomen von Deutsche Bank Research stellen die Alternative so dar: Im schlimmsten Fall droht Deutschland bis 2050 eine vergleichsweise magere Zunahme des Pro-Kopf-Einkommens um 40 Prozent. Gelingt es indes, das Potentialwachstum bei 1,5 Prozent zu halten, lockte trotz geringerer Bevölkerung eine Verdreifachung des Pro-Kopf-Einkommens.
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