http://www.faz.net/-gqe-79481
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 14.05.2013, 18:04 Uhr

Demographie Deutsche wissen Kinder weniger zu schätzen

Auf dem Demographiegipfel betont die Kanzlerin den Wert von Familie. Eine lautlos veröffentlichte Studie für die Regierung zeigt aber: Für viele Deutsche sind Kinder nur noch eine Option unter vielen.

von
© dpa Die gewünschte Kinderzahl ist in Deutschland im europäischen Vergleich gering.

Für Altkanzler Konrad Adenauer war die Sache klar: „Kinder kriegen die Leute immer“, sagte er Ende der fünfziger Jahre. Auch der spätere Regierungschef Gerhard Schröder tat Familienthemen 1998 noch als „Gedöns“ ab. Inzwischen hat sich der Wind gedreht. Von August an erhalten alle Kinder, die zumindest ein Jahr alt sind, einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz.

Christoph Schäfer Folgen:

Auf dem zweiten Demographiegipfel stellte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nun sogar in Aussicht, dass Mütter und Väter, die in Teilzeit arbeiten, einen Anspruch auf die Rückkehr in eine Vollzeitstelle erhalten. „Hier werden wir mit Sicherheit einiges weiter auch gesetzlich regeln müssen“, sagte Merkel am Dienstag in Berlin. Ferner kündigte sie an, die Effizienz der rund 180 familienpolitischen Leistungen zu prüfen.

Die Kanzlerin vergaß darauf hinzuweisen, dass diverse Forschungsinstitute im Auftrag der Regierung genau dies seit vier Jahren machen. Die Ergebnisse werden dieser Tage so lautlos wie möglich veröffentlicht, weil die derzeitige Familienministerin Kristina Schröder (CDU) den großen Wurf scheut (F.A.Z. vom 30.April). So blieb bislang völlig unbemerkt, dass das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) vor kurzem die von der Regierung bestellte Studie veröffentlichte, wie sich die familienpolitischen Leistungen in Deutschland auf die Kinderzahl auswirken.

„Im Zweifel wird das Kind gestrichen“

Die Bestandsaufnahme fiel ernüchternd aus: „Deutschland gehört zu den europäischen Ländern mit der niedrigsten gewünschten Kinderzahl“, schrieben die Autoren. Viele Jahre lang wünschten sich die Deutschen im Durchschnitt 1,75 Kinder, faktisch geboren wurden statistisch gesehen pro Frau dann nur knapp 1,4 Kinder. Zuletzt gingen die Zahlen leicht nach oben, allerdings ist noch unklar, ob der jahrzehntelange Sinkflug der Geburtenrate damit tatsächlich beendet ist. Eines der grundlegenden Probleme sei nämlich, dass viele potentielle Eltern den Wert von Kindern verlernt hätten, sagte die Forschungsdirektorin am HWWI, Christina Boll, der F.A.Z. „Früher gehörten Kinder dazu. Insbesondere von jungen Leuten werden alternative Modelle heute aber als gleichwertig oder sogar höherwertig wahrgenommen.“ Viele Frauen glaubten, sie müssten sich in Deutschland zwischen Kindern und Karriere entscheiden. „Und im Zweifel wird das Kind gestrichen.“

Politisch brisant sind vor allem jene Teile, in denen die Forscher einzelne staatliche Leistungen bewerten. Besonders schlecht schneidet das Betreuungsgeld ab, das im Sommer eingeführt werden soll. Davon seien „wenn überhaupt, positive Fertilitätseffekte bei nichterwerbstätigen Müttern mit niedriger Bildung zu erwarten“. Das politisch derzeit heftig umstrittene Ehegattensplitting sehen die Wissenschaftler ebenfalls skeptisch. Voll des Lobes sind sie hingegen für den Ausbau der staatlichen Kinderbetreuung. Dieser wirke sich insbesondere auf die Entscheidung zum ersten Kind positiv aus. Um die prinzipielle Bereitschaft für Kinder zu beeinflussen, brauche die Politik indes in jedem Fall „einen langen Atem“.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Staatliche Repräsentation Zwischen Pomp und Zurückhaltung

Die Weine, die bei Staatsbanketten serviert werden, erzählen eine Geschichte: die der Bundesrepublik Deutschland. Mehr Von Dr. Knut Bergmann

23.05.2016, 14:02 Uhr | Politik
Berlin Vorschläge der Union schüren Ängste unter Muslimen

Forderungen nach einer staatlichen Kontrolle von Moscheen in Deutschland stoßen bei vielen Muslimen auf wenig Verständnis. In einem am Freitag veröffentlichten Zeitungsartikel sagte Unionsfraktionschef Volker Kauder, in einigen Moscheen würden Predigten gehalten, die mit dem deutschen Staatsverständnis nicht in Einklang stünden. Mehr

29.04.2016, 18:14 Uhr | Politik
Bundespräsidentenwahl Mehr Demokratie ertragen

Die Bundespräsidentenwahl war immer wieder ein Zeichen. Kolitionäre in spe zeigten ihren Willen zusammenzuarbeiten. Doch was hat 2017 mit 1969 zu tun? Mehr Von Günter Bannas, Berlin

24.05.2016, 07:26 Uhr | Politik
Republica Greenpeace veröffentlicht geheime TTIP-Dokumente

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat am Montag zur Veröffentlichung geheimer Unterlagen aus den Verhandlungen zum Freihandelsabkommen TTIP Stellung genommen. Der Leiter der Politischen Vertretung von Greenpeace in Berlin, Stefan Krug, und Greenpeace-Handelsexperte Jürgen Knirsch äußerten sich auf der Internetkonferenz Republica in Berlin. Mehr

02.05.2016, 13:06 Uhr | Politik
Schulweg von Kindern Mama, bitte fahr mich nicht schon wieder!

Was vor Jahren für Grundschüler selbstverständlich war, ist für viele Eltern ein Problem. Immer mehr Väter und Mütter bringen ihre Kinder aus Sorge vor Unfällen mit dem Auto zur Schule. Nicht nur Lehrer halten das für falsch. Mehr Von Florentine Fritzen

16.05.2016, 15:25 Uhr | Politik

Mahnung aus Fernost

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Alle Teilnehmer des G-7-Gipfels sind gegen den Brexit. Nur Russland und seine antieuropäischen Anhänger befürworten einen Abschied der Briten. Das sollte zu denken geben. Mehr 0


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Umfrage Zwei Drittel der Europäer für Grundeinkommen

Gute Idee oder schlicht Schwachsinn? Immer mehr Menschen diskutieren über ein bedingungsloses Grundeinkommen. Die Schweizer stimmen bald ab. Nun kommt eine überraschende Umfrage heraus. Mehr 76

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden