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Demographie Der Türkei geht der Nachwuchs aus

19.01.2010 ·  Das Bevölkerungswachstum hat die Zahl der türkischen Millionenstädte auf 19 erhöht. Doch jetzt dreht der Trend. Das Familienministerium sorgt sich, dass Schulen nicht mehr ausgelastet sind.

Von Rainer Hermann
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Türken verhalten sie wie alle anderen Völker: Mit dem Wohlstand nimmt das Wachstum der Bevölkerung ab. In der ersten Hälfte der achtziger Jahre hatte die Bevölkerung noch jedes Jahr um 2,8 Prozent zugenommen, in den neunziger Jahren aber nur noch um 1,8 Prozent im Jahr. Nun meldete sich besorgt die Familienministerin Nimet Cubukcu zu Wort, weil sich die Zunahme im Jahr 2008 weiter auf 1,3 Prozent verlangsamt hat. In ländlichen Gegenden stünden bereits 18.000 Schulen leer, klagt sie. Denn Hand in Hand mit dem Ende des Babybooms geht eine beispiellose Urbanisierung. 1960 hatten noch 70 Prozent der Türken auf dem Land gelebt, heute leben 70 Prozent in Städten. Noch 1955 hatten in keiner türkischen Stadt mehr als 1 Million Einwohner gelebt, heute zählt die Türkei 19 Millionenstädte.

Erst stieg das Einkommen je Einwohner mit der Urbanisierung, seit den achtziger Jahren setzte sich der Trend durch die Liberalisierung der Wirtschaftspolitik fort. Die ländliche Türkei hatte es 1960 auf ein Einkommen je Einwohner von umgerechnet 300 Dollar gebracht, 20 Jahre später waren es schon 2617 Dollar. Bis heute hat sich das Einkommen noch einmal verdoppelt: In Preisen des Jahres 2000 liegt es nun bei etwa 5100 Dollar.

Im Durchschnitt 2,2 Kinder je Frau

Betrachtet man das gesamte Land, liegt das Einkommen je Einwohner nach einer Auswertung der Weltbank bei mehr als 8000 Dollar. In der Rangfolge der größten Volkswirtschaften führt sie die Türkei auf Rang 15, nach Spanien und Kanada, aber vor Indonesien und den Niederlanden.

Video: Unesco behält historisches Istanbul im Visier

Von 2002 bis 2008 ist die Wirtschaft jedes Jahr um 6 Prozent gewachsen und damit erheblich schneller als die Bevölkerung. Mit der Urbanisierung geht die Gebärfreudigkeit der türkischen Frauen stark zurück. Im Durchschnitt gebiert eine türkische Frau nur noch 2,2 Kinder.

Ab 2047 schrumpft die Bevölkerung

Auf dem Land sind es deutlich mehr, in der Stadt sind indes zwei Kinder schon eine Seltenheit. Denn die Ausgaben für Wohnungen und für Kinder sind erheblich. Viele Eltern wollen ihre Kinder auf teure Privatschulen schicken; allein in Istanbul operieren bereits mehrere Dutzend private Hochschulen.

Die türkische Regierung rechnet bis 2035 mit einem weiteren Rückgang des Bevölkerungszuwachses auf 0,3 Prozent im Jahr. Damit wird die türkische Bevölkerung von heute 75 Millionen bis 2047 auf 88 Millionen zunehmen, dann aber zurückgehen.

Gespenst des „100-Millionen-Volks“

Während deutsche Historiker das Gespenst des „100-Millionen-Volks“ der Türken an die Wand gemalt hatten, erkannte die deutsche Wirtschaft früh die Chancen, die der neue Wohlstand der Türkei bietet. „In den vergangenen Jahren haben insbesondere die deutschen Einzelhandelsketten eine Präsenz in der Türkei aufgebaut“, beobachtet Marc Landau, der Geschäftsführer der deutschen-türkischen Industrie- und Handelskammer zu Istanbul.

Vorreiter sei die Metro AG gewesen, gefolgt von Tchibo und Douglas, die in Einkaufszentren eigene Läden eingerichtet haben. Metro ist in der Türkei mit 48 Geschäften vertreten, mit Makro Cash & Carry und den Real-Märkten, mit Media-Markt und Saturn. Da die deutschen Einzelhandelsketten – ebenso die französischen wie Carrefour – überwiegend Produkte lokaler Hersteller anbieten, profitieren davon auch türkische Unternehmen.

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Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.

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