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Debatten : Die Schwulen und die Roma

Bild: F.A.S.

Über Homosexualität können wir inzwischen offen reden, von den Roma schweigen wir. Manche Tabus fallen, warum halten sich andere dann so hartnäckig?

          Der Fußballspieler Thomas Hitzlsperger hat eine Debatte über Homosexuelle im Profisport entfacht und für sein Coming-Out überwiegend Zustimmung geerntet. Der Fußball galt als eine der letzten Tabuzonen, in denen sich Schwule und Lesben um jeden Preis verstecken mussten. Noch ist der Umgang mit der sexuellen Identität nicht in allen Milieus völlig unbefangen, aber die Fortschritte sind unbestreitbar, und der frühere Außenminister Guido Westerwelle steht mit seinem Optimismus nicht allein: „Bevor ich den Löffel abgebe, ist Schwulsein eine Selbstverständlichkeit.“

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Inge Kloepfer

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Fast zur gleichen Zeit erscheint in der Öffentlichkeit eine Gruppe von Menschen, die nicht direkt beim Namen genannt wird. Mal ist die Rede von „Armutsflüchtlingen“, mal von „Rumänen und Bulgaren“, mal bleibt das Subjekt des Satzes völlig unbestimmt: „Wer betrügt, der fliegt.“ In der Talkshow von Maybrit Illner war es am vergangenen Donnerstag der Hamburger Sozialarbeiter Dzoni Sichelschmidt, der nach wortreichem Herumgedruckse des bayerischen Innenministers als Erster Klartext sprach. „In dieser Debatte geht es erst mal um die Roma“, sagte er. Sichelschmidt ist selbst Rom. Er hat das Tabu gebrochen. Erst danach trauten sich auch die anderen Diskutanten, das Wort in den Mund zu nehmen. „Die Menschen sind in Größenordnungen Sinti und Roma“, wagte dann die Moderatorin zu sagen. Warum löst sich das eine Tabu auf, während sich das andere so hartnäckig hält?

          Wir benutzen das Wort „Tabu“ heute inflationär, allein die großen deutschen Zeitungen verwendeten es im vorigen Jahr 2500 Mal. Für den Übergewichtigen, der gerade Diät macht, ist die Sahnetorte ebenso „tabu“ wie der Gebrauch des Handys für den Schüler, der im Unterricht sitzt. Der leichtfertige Umgang mit dem Tabubegriff verharmlost die existentiellen Abgründe, die sich mit einem wahren Tabu verbinden. Noch im Jahr 2001 war es für den designierten Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit ein mutiger Schritt, vor der Öffentlichkeit den einfachen Satz zu sagen: „Ich bin schwul.“ Und damit das niemand als Eingeständnis eines Defektes missverstand, war der Zusatz zwingend nötig, dass dies auch gut so sei.

          Der Mechanismus des Verschweigens

          Hier war der ursprüngliche Sinn des Wortes „Tabu“ noch spürbar, das der britische Seefahrer James Cook 1777 in der Südsee aufschnappte: Es stand bei den indigenen Völkern für etwas, das man bei Strafe des Ausschlusses aus der Gemeinschaft absolut nicht tun darf - nicht im Sinne eines rational begründeten Verbots oder einer gesellschaftlichen Konvention, sondern als etwas Unaussprechliches und damit nicht Hinterfragbares.

          Der Mechanismus des Verschweigens wirkte früher bei Schwulen und Lesben so perfide wie heute bei den Roma. Wer die Sache nicht beim Namen nennt, der spielt - bewusst oder unbewusst - mit Andeutungen und Vorurteilen. Die breitere Öffentlichkeit nimmt dann nur diejenigen Exponenten der Minderheit wahr, die dem gängigen Klischee entsprechend und folglich als „schrill“ erscheinen. Das ist der „Armutsflüchtling“, der „Einwanderer in die Sozialsysteme“, der Müllberge auftürmt - oder ins scheinbar Positive gewendet der Musikant, der „Zigeunerlieder“ trällert. Die erfolgreiche Rechtsanwältin aus einer Roma-Familie bleibt in der Regel so unsichtbar wie bis vor kurzem der schwule Spitzenpolitiker. „Ich wollte keine Roma sein, ich habe mich geschämt“, sagte eine Essener Juristin voriges Jahr einem Journalisten. Dass solche Rollenmodelle fehlen, ist gerade angesichts der Bildungsdefizite bei einem Teil der neu eingewanderten Roma dramatisch.

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