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DDR-Produkte : Das umstrittene Geschäft mit der Erinnerung

  • -Aktualisiert am

DDR-Kitsch im Berliner „Ostel“ Bild: AP

Odorex-Deo, Tüff-Rasierwasser und Eierbecher in Hühnerform: DDR-Produkte verkaufen sich zu Erich Honeckers 100. Geburtstag immer noch sehr gut. Opferverbände kritisieren derweil eine Romantisierung der Diktatur.

          Würde Erich Honecker eine Nacht im DDR-Design-Hotel Ostel verbringen, er wählte wahrscheinlich die Stasi-Suite: nikotingelbe Mustertapete, Schrankwand Karat und Kristallleuchter an der Decke - DDR-Kitsch pur. Speisen würde das frühere Staatsoberhaupt, das an diesem Samstag 100 Jahre alt geworden wäre, wohl im dazugehörigen DDR-Restaurant „Volkskammer“ gleich um die Ecke - vielleicht eine Soljanka und als Dessert die „Ossigrütze“. Und später ginge es ins Ostpaket, ein Fachgeschäft für Produkte aus Ostdeutschland, wo er sich mit Odorex-Deo und Tüff-Rasierwasser eindecken könnte.

          Mobiliar mit Ost-Charme aus Haushaltsauflösungen

          Mit der Erinnerung an die ehemalige DDR lässt sich auch mehr als 20 Jahre nach der Wiedervereinigung gut Geld verdienen. Das zeigen auch die Besucherzahlen der Ostpro, einer Messe für Ostprodukte in Berlin, Potsdam, Erfurt und Hannover, auf der jedes Jahr rund 150 Händler für bis zu 40.000 Besucher ausstellen. Der Retro-Chic, der spätestens durch die (N)ostalgie-Welle vor rund zehn Jahren auch westdeutsche Wohnzimmer erreicht hat, spricht neben Touristen auch Einheimische an. „Zu unseren Gästen gehört sowohl der Urlauber, der sich für die DDR interessiert, als auch die Oma, die mit ihren Enkeln eine Zeitreise in die Vergangenheit machen möchte“, sagt Kirsten Wenzel vom Ostel in Berlin-Friedrichshain. Mit Mobiliar, das die Besitzer aus Trödel und Haushaltsauflösungen gefischt haben, taucht der Gast ein ins Ost-Berlin der siebziger und achtziger Jahre. Schon die Rezeption wartet auf mit Sindermann-Porträt, Schrankradio und Weltzeituhren für Moskau, Havanna und Peking. Vom Gedankengut des kommunistischen Regimes distanzieren sich die Betreiber der 2007 eröffneten Herberge im Plattenbau allerdings: „Wir sind keine Verfechter der DDR, uns geht es nur ums Design“, sagt Wenzel. Kritiker werfen dem Ostel dagegen vor, die Geschichte der kommunistischen Diktatur zu romantisieren. „Makaber“ findet beispielsweise Rainer Wagner, Bundesvorsitzender der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG), das Konzept des Ostels. „Aus unserer Sicht ist es völlig überflüssig, Zimmer mit Bildern von DDR-Funktionären auszustaffieren“, sagt Wagner. Durch eine derartige Romantisierung werde das in der DDR Geschehene verklärt. „Uns als Verfolgte und Widerständler berührt das Thema anders als ,normale DDR-Bürger‘“, sagt Wagner. Rund 20 Jahre nach dem Fall der Mauer gebe es noch viele Menschen, die ein allzu lockerer Umgang mit dem Thema verletze.

          „Einfach das Lebensgefühl von damals rüberbringen"

          Anders bewertet Wagner hingegen Geschäfte und Online-Händler, die lediglich Alltagsgegenstände und Lebensmittel aus Ostdeutschland verkaufen. „Es war ja nicht alles schlecht, und viele Produkte sind nach der Wende vergessen worden.“ Die finden Nostalgiker beispielsweise im Ostpaket im Berlin Carré: vom Mini-Einkaufsnetz über Knusperflocken bis hin zum Eierbecher in Hühnerform - im Ost-Supermarkt gibt es kollektives Gedächtnis auf 360 Quadratmetern Verkaufsfläche. Der Geschmack von Rotplombe-Pudding oder der Geruch von Badusan-Schaumbad rufen Erinnerungen bei den Kunden wach, viele kommen regelmäßig und decken sich mit ihren Lieblingsprodukten ein. „Wir wollen so unpolitisch wie möglich sein“, sagt Geschäftsführerin Bianca Schäler. „Ich möchte einfach den Konsum, das Lebensgefühl von damals rüberbringen.“ Häufig werde ein bestimmtes Bild von der früheren DDR in den Medien kommuniziert, kritisiert Schäler. „Nur Stasi gab‘s in unserem Leben aber nicht.“ Ostpaket will an den Alltag erinnern und an viele Produkte, die nach der Wende - zum Bedauern vieler Ostdeutscher - schnell verschwunden sind.

          „Bitterer Beigeschmack beim Verkauf von Gasmasken und Uniformen“

          Auch am Checkpoint Charlie, Anlaufstelle vieler Berlin-Touristen, tummeln sich Händler, die mit Erinnerung Geld verdienen wollen. Einer davon ist Celik Ismet. Seit mehr als zehn Jahren steht er an der Friedrichstraße zwischen Kiosk und Currywurstbude und verkauft Gasmasken, FDJ-Anstecker und Uniformen - teils Originalware, teils Reproduktionen aus China. Amerikaner, Australier und Dänen bleiben interessiert stehen, machen Fotos und probieren lachend NVA-Mützen auf. Immer wieder kommen aber auch frühere DDR-Bürger vorbei und beschweren sich bei dem Türken, der ein Geschäft aus ihrem Leid mache. Auch im Museum am Checkpoint Charlie sieht man solche Händler, die Devotionalien als Spaßartikel verkaufen, kritisch: „Es hat einen bitteren Beigeschmack, wenn dort Gasmasken und Uniformen verkauft werden“, sagt Alexandra Hildebrandt, Direktorin des Mauermuseums. „Durch solche Händler wird die DDR verniedlicht und die Diktatur zum Kult gemacht.“

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