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Dax verliert Die Angst bleibt: Märkte weiter in Aufruhr

16.09.2008 ·  Die Finanzmärkte kommen nicht zur Ruhe. Der Dax verliert zeitweise mehr als drei Prozent, die Kurse deutscher Banken brechen zweistellig ein. Die bange Frage steht im Raum: Welche amerikanische Bank bricht als nächstes zusammen? Immerhin kam die größte Investmentbank Goldman Sachs jetzt mit einem blauen Auge davon.

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Die Talfahrt des Deutschen Aktienindex (Dax) hat sich am Dienstag beschleunigt. Am Nachmittag bracht das wichtigste deutsche Börsenbarometer um mehr als drei Prozent ein und fiel deutlich unter die Marken von 5900 Punkten. Einen drastischen Rückgang verzeichnete die Commerzbank, die 16 Prozent nachgab. Aber auch andere Finanzpapiere verloren stark: Allianz minus elf Prozent, Deutsche Postbank minus zehn Prozent, HypoRealEstate minus neun Prozent. Deutsche Bank gaben sieben Prozent nach.

Die zweistelligen Verluste sind Ausdruck der dramatischen Verwerfungen in der amerikanischen Finanzbranche, die an den Kapitalmärkten in Europa auch am Dienstag tiefe Spuren hinterließen. Da viele Anleger weitere Bank-Zusammenbrüche in den Vereinigten Staaten befürchteten, gerieten nach dem „Schwarzen Montag“ die Aktien von Banken und Versicherern erneut unter Druck. Die Anleger flüchteten in die sicheren Häfen: Aktien sowie sämtliche Rohstoffanlagen, also als riskant geltende Investments, wurden verkauft.

Sogar aus dem sonst als Inbegriff der Solidität eingestuften Gold flohen die Anleger in Scharen. Hoch im Kurs standen dagegen die als sicher geltenden Staatsanleihen. Händler fürchteten, dass die Lehman-Pleite der Weltwirtschaft dauerhafte Schäden zufügen und das amerikanische Finanzsystem ernsthaft ins Wanken gebracht haben könnte.

Video: Dax auf Zweijahres-Tief

Goldman Sachs kommt mit blauem Auge davon

In Amerika richten sich die Blicke auf die Zinsentscheidung der Fed am Abend sowie auf die Zahlen der größten amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs. Goldman verkraftet die Kreditkrise trotz eines drastischen Gewinneinbruchs weiterhin besser als die Wettbewerber. Der Überschuss fiel in dem Ende August abgeschlossenen dritten Geschäftsquartal um rund 70 Prozent auf 845 Millionen Dollar (594 Millionen Euro) - einer der stärksten Rückgänge in der Geschichte von Goldman Sachs. „Das war ein herausforderndes Quartal“, sagte Konzernchef Lloyd Blankfein am Dienstag in New York.

Goldman Sachs kam damit erneut mit einem blauen Auge davon und bleibt die einzige unabhängige amerikanische Investmentbank ohne Quartalsverlust in der seit über einem Jahr andauernden Finanzkrise. Hoffnungen auf ein Abschneiden von Goldman Sachs weit über den Erwartungen erfüllten sich dieses Mal allerdings nicht. Analysten hatten im Schnitt mit etwas mehr Gewinn gerechnet. Entsprechend enttäuscht waren die Börsianer - die Aktie geriet vorbörslich deutlich unter Druck.

Hoffnungsschimmer für Lehman, AIG im Überlebenskampf

Die kollabierte Investmentbank Lehman Brothers kann noch auf die Rettung zumindest einzelner Geschäftsbereiche hoffen. Großbritanniens drittgrößte Bank Barclays bestätigte in einer Mitteilung an die Aufsichtsbehörde SEC am Dienstag, dass sie mit Lehman über den Kauf einzelner Sparten verhandelt. Erst am Wochenende hatte Barclays allerdings Gespräche über eine komplette Übernahme platzen lassen und damit auch zum kurzfristigen Insolvenzantrag der Bank beigetragen. Nun geht es offenbar um das amerikanische Kerngeschäft. Dazu zählen vor allem das Investmentbanking inklusive der Firmenberatung bei Fusionen sowie der Handel mit Aktien und festverzinslichen Wertpapieren.

Nun kämpft nach Medienberichten der Versicherungsriese AIG ums Überleben. Analysten fürchten bei einem Kollaps eine Kettenreaktion. „Wenn AIG zusammenbricht, dann wird es richtig schlimm. Dagegen waren Lehman und Bear Stearns gar nichts“, sagte ein Händler. „Die Verwicklungen mit der Finanzwirtschaft sind viel größer als bei den Investmentbanken.“ Letztlich habe das Ende von Lehman Brothers bewiesen, dass die Messlatte für „zu groß, um unterzugehen“ gerade nach oben gesetzt worden sei, sagte Fondsmanager Paul Niven vom britischen Vermögensverwalter F&C.

Massenexodus der Öl-Spekulanten

Am Ölmarkt kam es zu einem Massenexodus der Spekulanten: Der Preis für ein Fass (159 Liter) amerikanisches Leichtöl fiel um bis zu 4,4 Prozent auf 91,54 Dollar und notierte damit so niedrig wie seit Februar dieses Jahres nicht mehr. Im Sommer hatte das Fass Öl noch fast 150 Dollar gekostet. Entsprechend geriet der Euro unter Druck. Die Gemeinschaftswährung fiel um fast einen Cent auf 1,4185 Dollar.

Die AIG-Aktien, die in New York am Vorabend erneut um gut 60 Prozent nach einem 30-prozentigen Einbruch am Freitag abgestürzt waren, verloren in Frankfurt vor Börsenbeginn an der Wall Streit erneut fast 50 Prozent. Händler verwiesen darauf, dass alle drei großen Ratingagenturen ihre Einstufungen für die Verbindlichkeiten des bis vor kurzem noch weltgrößten Versicherers senkten. Moody's, Standard & Poor's und Fitch schlossen weitere Herabstufungen nicht aus. Dadurch könnten sich für AIG die Kosten der Refinanzierung weiter erhöhen.

Am Abend steht die Zinsentscheidung der amerikanischen Notenbank FED an, die um 20.15 Uhr MESZ - nach Börsenschluss in Europa - veröffentlicht wird. Die amerikanischen Zinsen liegen seit April bei zwei Prozent. Seit der Pleite von Lehman und dem Notverkauf von Merrill Lynch halten viele Börsianer eine Zinssenkung für möglich, wenn auch nicht unbedingt am Dienstag. Im Moment gehe es eher darum, das Vertrauen wieder herzustellen, erklärten Börsianer.

EZB pumpt 70 Milliarden Euro in Geldmarkt

Die Zentralbanken griffen erneut der Kreditwirtschaft unter die Arme, um eine Verstopfung des Geldkreislauf unter den Banken verhindern, die einander aus Angst vor bösen Überraschungen nicht mehr trauen. Die Europäische Zentralbank (EZB), die Bank of England (BoE) und die Schweizer Nationalbank (SNB) pumpten daher am Dienstag erneut Milliarden von Euro, Pfund und Franken in den Markt. Alleine von der EZB kamen 70 Milliarden Euro zusätzlich. Insgesamt hätten sich 56 Banken an dem sogenannten Schnelltender beteiligt und zusammen 102,48 Milliarden Euro geboten, teilten die Frankfurter Währungshüter am Dienstag mit. „Die Liquiditätsversorgung durch die Notenbanken ist positiv“, erklärte Kapitalmarktanalyst Dennis Nacken von Allianz Global Investors.

Aus Sorge über mögliche Milliardenlöcher in den Bilanzen wegen neuer Abschreibungen halten die Banken derzeit Geld zurück und leihen es sich nicht mehr im sonst üblichen Umfang. Die Notenbanken können in solchen Situationen zusätzliches Geld an die Banken verleihen, um ein Austrocknen der Märkte zu verhindern. Vor der Finanzkrise hatte die EZB nur nach den Anschlägen vom 11. September 2001 zu diesem Mittel gegriffen. Bereits am Montag hatte die EZB 30 Milliarden Euro an zusätzlicher Liquidität zur Verfügung gestellt.

Asiatische Märkte stark unter Verkaufsdruck

Am Morgen waren die asiatischen Aktienmärkte stark unter Druck geraten. Der 225 Werte umfassende Nikkei-Index schloss in Tokio fünf Prozent im Minus bei 11.609 Zählern und damit auf dem niedrigsten Stand seit Juli 2005. Die Börse in Korea fiel um mehr als sechs Prozent auf den niedrigsten Schlussstand seit 18 Monaten. Hongkong notierte ebenfalls fast sechs Prozent im Minus, die Börse in Shanghai mehr als vier Prozent. Der Aktienmarkt in Taiwan verlor 4,9 Prozent. „Die Investoren sind erst einmal schockiert, weil sie mit einer Übernahme und Rettung Lehmans gerechnet hatten“, sagte Mitsushige Akino von Ichiyoshi Investment Management. Aber stattdessen sei Lehman nun völlig zusammengebrochen.

Längst beziehen auch die amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Stellung in der Krise - und das ganz unterschiedlich. Während sich der demokratische Kandidat Barack Obama für eine Intervention des Staates einsetzte, begrüßte sein republikanischer Rivale John McCain, dass keine Steuergelder zur Rettung von Lehman Brothers ausgegeben würden. Die „fundamentalen“ Daten der Wirtschaft in den Vereinigten Staaten seien „solide“, sagte McCain, die Krise sei auf „Partikularinteressen, Raffgier, Verantwortungslosigkeit und Korruption“ zurückzuführen. Obama erklärte hingegen, die Krise sei die Quittung für „acht Jahre Politik, die den Verbraucherschutz durchlöchert“ habe. Während die Spitzenmanager hohe Einkommen kassierten, sei „die Mittelklasse“ vernachlässigt worden. Dies habe „die schlimmste Finanzkrise seit der Großen Depression“ von 1929 heraufbeschworen.

Die Investmentbank Lehman hatte mit ihrer Insolvenz am Montag für ein wahres Erdbeben in der Finanzwelt gesorgt und einen neuen Höhepunkt der Geldmarktkrise markiert. Die ebenfalls schwer angeschlagene Lehman-Rivalin Merrill Lynch rettete sich gerade noch in die Arme der Bank of America.

Steinbrück: Eintrübungen auch hierzulande

Vor den Haushaltsberatungen des Bundestags hat Finanzminister Peer Steinbrück konjunkturelle Risiken wegen der Bankenkrise nicht ausgeschlossen. Es werde selbstverständlich auch hierzulande Eintrübungen geben, sagte der SPD-Politiker am Dienstag im rbb-Inforadio. Wirtschaftswachstum und Steuereinnahmen würden 2009 niedriger ausfallen als in diesem Jahr. Es gebe einen konjunkturellen Abschwung, aber keine Rezession, betonte der Finanzminister.

Nach Einschätzung von Bundesbank-Präsident Axel Weber wird die jüngste Zuspitzung die deutschen Banken nicht erschüttern. „Eine Sorge um die Stabilität des deutschen Finanzsystems oder der deutschen Bankenwelt ist überhaupt nicht gerechtfertigt“, sagte Weber am Montag in den „ARD-Tagesthemen“. „Die deutschen Banken haben sich in den letzten Jahren in ihrer Widerstandsfähigkeit gegenüber externen Schocks verbessert. Insofern gehen wir davon aus, dass das deutsche Finanzsystem robust ist und auch das deutsche Bankenmodell sich eigentlich bewährt hat.“ Derzeit sehe man eine Konsolidierung im deutschen Markt. Diese sei überfällig und werde sich weiter fortsetzen. Aufregung sei nicht angezeigt. Grund zur Sorge sehe er nicht. Deswegen komme von ihm ein Signal der Entspannung.

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29.05.2012 17:45 Uhr
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