06.10.2003 · Das Drama um die deutsche Lkw-Maut wird wohl noch eine Weile dauern. Jetzt melden sich auch die Datenschützer zu Wort. Sie halten das System der Firma Toll Collect für hochproblematisch.
Von Detlef BorchersDas Drama um die deutsche Lkw-Maut wird wohl noch eine Weile dauern. Jetzt melden sich auch die Datenschützer zu Wort. Sie halten das System der Firma Toll Collect für hochproblematisch. Die technischen Details lassen ahnen, was auf die Bundesbürger noch alles zukommen könnte.
Das neue Maut-System erfaßt zunächst den gesamten fließenden Verkehr auf Autobahnen, filtert erst dann die mautpflichtigen Lastwagen aus der Datenmenge heraus und löscht die übrigen Fahrzeuge. Schon diese Reihenfolge, bei der alle Kennzeichen erhoben und alle Fahrzeuge vermessen werden, schere sich nicht um das Prinzip der Datensparsamkeit, sagen die Kritiker; es widerspreche auch den Vorgaben der Projektausschreibung.
Kontrolltechnik wie bei Temposündern
Ob ein Brummi-Fahrer seine Maut wie vorgeschrieben bezahlt, prüfen unter anderem 278 mobile Teams des Bundesamtes für Güterkraftverkehr (BAG), die sich im fließenden Verkehr bewegen und die Daten fahrender Lastwagen en passant abfragen können. Eine wichtige Rolle spielen aber auch die 134 Kontrollbrücken ("TollChecker"), die zur Zeit über den deutschen Autobahnen installiert werden. Sie fotografieren jedes Fahrzeug auf jeder Fahrspur und vermessen es in drei Dimensionen. Handelt es sich um einen Lastwagen, speichert die Kontrollbrücke zwei Bilder von der Frontpartie und vom Kennzeichen, wandelt die Kennzeichennummer in einen Datensatz um und startet damit eine automatische Anfrage in der Zentrale von Toll Collect. Wenn die Datenbank eine korrekte Maut-Entrichtung meldet, löscht der Toll-Checker die Daten des Fahrzeugs. Andernfalls werden sie für eine allfällige Nachberechnung verwendet.
Die Innereien der Kontrollbrücken werden von der Wiesbadener Firma Vitronic Dr.-Ing. Stein Bildverarbeitungssysteme entwickelt und installiert. Die Technik ist nicht neu, sondern bereits länger im Einsatz. Das Unternehmen verkauft unter dem Namen Poliscan erfolgreich Systeme, die fahrenden Verkehr kontinuierlich überwachen und auf die beschriebene Weise Temposünder erfassen und weitermelden können. Zwei Kontrollbrücken von Vitronic überwachten bereits bis Ende 2002 probeweise den Einreiseverkehr an den deutsch-tschechischen Grenzübergängen Schirnding und Waidhaus-Autobahn und glichen die erkannten Fahrzeugkennzeichen mit dem Fahndungscomputer der bayerischen Polizei ab.
Erkennungsdienstliche Funktionen
Toll-Checker-Brücken um erkennungsdienstliche Funktionen zu erweitern ist daher nur eine Frage des Software-Updates. Daß das System eines Tages auch Personenwagen erfaßt, gehörte schon bei seiner Planung zu den möglichen Szenarien. Ohne weiteres ließen sich auch Tempokontrollen installieren: Jede Brücke meldet dann die Daten der durchkommenden Kraftfahrzeuge an die nächstfolgende. Falls ein Fahrzeug dort früher ankommt, als es die Geschwindigkeitsbeschränkung erlaubt, geht automatisch ein Bußgeldbescheid raus. Systeme dieser Art gibt es in Italien, auch in Österreich ist ein Test angelaufen.
Toll-Checker fertigt im Gegensatz zu seiner Schwester Poliscan immerhin keine Porträtfotos von den Fahrern der erfaßten Wagen an. Überlegt wird aber, ob sich eine Tachographie-Funktion installieren ließe, mit der Speditionen die Maut elektronisch abrechnen können.
Einstiegsluke für Hacker
Neben dem Datenschutz ist auch der Aspekt der Datensicherheit ungeklärt. Zwar läuft die Kommunikation zwischen der On- Board Unit (OBU) im Lastwagen und der Zentrale von Toll Collect verschlüsselt ab. Doch nimmt die Abrechnungsbox Software-Updates auch per Mobiltelefon entgegen - ein idealer Angriffspunkt für Hacker-Attacken. So unken Fachleute, daß es nur eine Frage der Zeit sein dürfte, bis auf osteuropäischen Schwarzmärkten Geräte auftauchen, die dem System eine Maut-Zahlung vorgaukeln.
Sollte ein Nachbau der Geräte so einfach sein wie damals in den Anfangszeiten das Fälschen der d-box des Bezahlfernsehsenders Premiere, so hätte auch das am Ende Konsequenzen für den Datenschutz. Statt die erfaßten Fahrdaten unmittelbar nach der Abrechnung zu löschen, müßte das System dann sämtliche Daten für längere Zeit speichern, damit es Fahrzeugen mit gefälschter OBU-Identität nachträglich irgendwann auf die Schliche kommen kann.