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Das schöne neue Geld Wie war das damals?

30.06.2010 ·  Eine Bankerin, eine Oppositionelle, der PDS-Chef und zwei Schauspieler erinnern sich.

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Als Abteilungsleiterin der Reichsbahn-Sparkasse saß Jutta Schulz vor 20 Jahren professionell an der Geldquelle, die auf einmal ganz anders sprudelte als bisher. Jahrelang war ihr Arbeitsmittel die „Mark der Deutschen Demokratischen Republik“ gewesen, jetzt auf einmal hieß das Ganze „Deutsche Mark“. Eine finanzielle Revolution nach der politischen? Nicht wirklich. „Ich kann nicht sagen, dass ich so übermannt war von der Währungsunion.“ Schulz‘ Schilderungen des damaligen Geschehens in der Bank wirken ähnlich unaufgeregt wie der Eintrag in ihrem Sparkassenbuch, der das „Umstellungsguthaben“ von 10 813,31 DM in ordentlicher Handschrift vermerkt. „Die Währungsumstellung ist bei uns ziemlich unspektakulär über die Bühne gegangen.“ Das hatte auch damit zu tun, dass die Reichsbahn-Sparkasse, Vorgängerin der heutigen Sparda-Bank Berlin, mit 54 000 Mitgliedern eine überschaubare Bank war. Und ohnehin der „VEB Datenverarbeitung für die Finanzorgane“ für die Umstellung der Konten zuständig war.

Aber die D-Mark, wie roch sie, wie fühlte sie sich an? Jutta Schulz lässt sich nicht aus der Reserve locken. „Die D-Mark war ja in Berlin schon im Umlauf. Am Bahnhof Friedrichstraße gab es einen Friseur, der hatte dauernd das Westgeld in der Hand, weil die West-Berliner zum Haareschneiden kamen. Und ich hatte in West-Berlin meine ganze Verwandtschaft. Meine Schwester ist 1963 rübergegangen.“ In Dresden, im „Tal der Ahnungslosen“, sei das alles wohl etwas aufregender gewesen. Aber ein bisschen revolutionär ging es schon zu – bei den anderen, wie die inzwischen pensionierte Bankerin zu berichten weiß: „Viele haben nur gewartet auf diesen Augenblick. Der Trabi wurde umgetauscht in ein altes West-Fahrzeug, das eigentlich zum Abwracken vorgesehen war. Und viele sagten sich: Lieber in einer Mülltonne im Westen wohnen als in einer Mietskaserne im Osten. Viele dachten, das Geld fließt nur so auf sie zu.“ Für Schulz kam mit der D-Mark zumindest mehr Komfort. Sie zieht ihre DDR-Geldkarte aus der Tasche. „Mit der konnte man früher in Berlin an einem Automaten abheben, und der stand am Bahnhof Friedrichstraße.“ Heute hat alleine die Sparda-Bank in der Hauptstadt 220 Terminals. ***

Die erste Westmark für eine Banane

Der Schauspieler Peter Sodann hätte am liebsten gar nicht getauscht, und dann kaufte er sich doch seine erste Banane: „Was ich am 1. Juli 1990 gemacht habe, ist schwer zu sagen. Man bringt die Tage in dieser Zeit durcheinander. Ich weiß, dass ich gerade am Skatspielen war, als die Mauer fiel. Ich habe mich gefreut, dass sie endlich weg war und wir von vorne anfangen konnten. Aber 1990 habe ich mich geschämt, dass die Menschen nach dem Geld gerannt sind. Ich habe mich gewundert, dass Helmut Kohl einen Umtauschkurs von 1:2 festsetzte – das fand ich sehr kulant. Ich hätte auch für 1:3 oder 1:4 getauscht. Im Nachhinein denkt man darüber natürlich anders. Ich habe erst ein paar Tage später mein Geld getauscht, nicht gleich am 1. Juli.

Eigentlich wollte ich erst gar nicht umtauschen – allerdings nicht aus Protest. Es war einfach so, dass mir das Zusammenwachsen Deutschlands wichtiger war als irgendein Umtausch. Die Diskussionen, die wir damals geführt haben, gingen nicht ums Geld. Uns waren ideologische, politische Dinge wichtig. Das Thema Geld empfand ich als eine kleine Diskreditierung meiner Person. Aber dann war ich in Berlin unterwegs und hatte eigentlich kein Geld mehr. Also habe ich eben getauscht. Von dem ersten neuen Geld habe ich mir das Glücksideal eines Ossis gekauft: eine Banane. ***

Kaum Geld nach Jahren des DDR-Berufsverbots

Die Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld war am 9. November aus dem Exil in die DDR zurückgekehrt. Viel Geld blieb ihr nicht, dafür die Freude über die neue Freiheit: „Mit der Währungsunion feiert eine Erfolgsgeschichte ihren 20. Geburtstag, die bis heute nicht als solche wahrgenommen wird. Als ich am 1. Juli die Schlangen beobachtete, die sich vor den Sparkassen bildeten, sah ich so glückliche Gesichter, wie man sie heute nach einem gewonnenem WM-Spiel sieht. Die Bürger der DDR hatten bekommen, was sie wollten: freie Wahlen und eine schnelle Vereinigung, davor noch die Währungsunion. Die Politik hatte sich dem Druck der Demonstranten beugen müssen. Mit ihrem neuen Geld waren die Menschen der DDR nun nicht mehr Bürger zweiter Klasse.

Mir hatten das DDR-Berufsverbot seit 1983 und die Zeit im Exil nach meiner Verhaftung und Ausbürgerung 1988 nicht genug Geld auf dem Konto übrig gelassen, um den günstigen Umtausch in D-Mark auszunutzen. An solche wie mich gingen dann Anfragen von Bessergestellten DDR-Bürgern, ihnen mein frei bleibendes Kontingent zu verkaufen. Ich machte davon keinen Gebrauch. Es gab auch jede Menge Ängste und Warnungen vor einer einheitlichen Währung im noch geteilten Deutschland. Doch die Horrorszenarien sind nicht Realität geworden, obwohl der Umtauschkurs durchaus problematisch war. Er führte zu einer Vervierfachung des durchschnittlichen DDR-Industriearbeiterlohns im Vergleich zum Westniveau. Keine Volkswirtschaft der Welt hätte diesen plötzlichen Anstieg des Lohnniveaus verkraftet. Die maroden Betriebe brachen zusammen – das wurde zum Thema in den Medien und ließ viel Raum für die Negativ-Polemik der ehemaligen DDR-Machthaber.“ ***

Mein Fahrer hat mich zur Sparkasse gefahren

Gregor Gysi, seit Dezember 1989 Vorsitzender der SED, die sich im Frühjahr 1990 in PDS umbenannte, hatte die Währungsunion politisch bekämpft – und dann den Umtausch fast vergessen, hätte ihn sein Fahrer nicht erinnert: „Die Einführung der D-Mark ohne flankierende Maßnahmen hatte den Zusammenbruch der Wirtschaft der DDR zur Folge. Die damalige PDS, deren Vorsitz ich innehatte, warnte vor den Folgen dieser Schocktherapie.

Bis heute sind die Spuren sichtbar. Ich persönlich hätte die Währungsunion am 1. Juli fast vergessen. Mein Fahrer aber wies mich darauf hin, dass ich etwas ausfüllen und unterschreiben muss, damit meine Konten mitgetauscht werden. Zum Glück wurde ich vormittags zur Sparkasse gefahren und musste nur drei Leute abwarten, bis ich dran war. Es war zwar nicht viel Geld, aber besser als keines.“ ***

Ein Daimler für den Trabi

Gojko Mitic, die Antwort der DDR auf Pierre Brice und Winnetou, beobachtete „die Vollkommenheit der Freiheit“, ehe er sich im Baumarkt eindeckte: „Mit dem Mauerfall hatte niemand gerechnet. Gerade erst waren uns noch 100 Jahre Mauer versprochen worden. Wir wurden betrogen. Am 1. Juli 1990 gab es endlich etwas Konkretes: das Geld zum Einkaufen. Am Intershop hatten sich die Leute die Nasen an der Scheibe platt gedrückt, sie konnten sich die Dinge dort nicht leisten. Nun hielten sie harte Währung in der Hand, sie konnten endlich überall einkaufen. Das Geld war die Vollkommenheit der Freiheit. Sie haben sich natürlich mehr Hoffnungen gemacht, als später wirklich eintrafen. Sie haben gedacht, dass sie ihren Trabi gegen einen Daimler tauschen, und alles ist gut. Ich war am 1. Juli 1990 zu Hause in Berlin.

Ich hatte mir ein Jahr vorher ein kleines Häuschen im Ostteil von Köpenick gekauft. Es war wunderbar, plötzlich konnte man im Baumarkt einkaufen. Das war eine Riesenfreude. Vor den Banken hatten sich überall lange Schlangen gebildet, deshalb habe ich mir beim Tauschen Zeit gelassen. Ich habe mir gedacht, das erledigt sich von selbst, das Geld auf dem Konto wurde ja automatisch getauscht. Den Kurs von 1:2 fand ich okay.“

Aufgezeichnet von Thiemo Heeg, Arne Leyenberg und Philip Plickert.

Quelle: F.A.Z.
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29.05.2012 17:45 Uhr
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