01.10.2008 · Am Tag nach der Ablehnung des Finanz-Rettungspakets bietet Amerika das Bild eines emotional zerrissenen Landes. Die Wähler fühlen sich von der Finanzindustrie unter Druck gesetzt, ja sogar erpresst.
Von Carsten KnopZaki Alshalya ist ein Taxifahrer in San Francisco. Er gehört zu denen, die am Montag auf die Verabschiedung des Rettungspakets für die amerikanische Finanzbranche gehofft haben. Dabei stecken seine Ersparnisse nicht in irgendwelchen Papieren an der Wall Street. Sie stecken im anderen Ende des Landes, in einem Haus in East Oakland, einer Nachbarstadt von San Francisco. Dort lebt er mit seiner Frau und drei kleinen Kindern. Und der Wert des Hauses ist in den vergangenen Monaten stark gesunken. "Hilft mir jemand, umzuschulden und mein Leben wieder einfacher zu machen?", fragt er sich - so wie viele Amerikaner in diesen Tagen, ob auf dem Land im Mittleren Westen, in Florida oder eben in Kalifornien.
Viele Fragen haben auch die Kunden der amerikanischen Sparkasse Washington Mutual, die soeben von der Großbank J.P. Morgan Chase übernommen worden ist. "Ist mein Geld noch sicher?", bestürmen sie ihre Berater - zum Beispiel in der Filiale an der Market Street in der Innenstadt von San Francisco. Aber Suzanne Ritagno, eine Washington Mutual-Kundin, hält den "Bailout-Plan" trotz aller Unsicherheiten, die auch sie bedrücken, für eine schlechte Idee: "Das Geld fließt doch nicht zu uns nach unten, es fließt nach oben. Der Plan muss transparenter und sein Erfolg nachprüfbarer werden. Und: Das meiste Geld sollte für die Hausbesitzer bereitgestellt werden." Womit sie dann doch wieder ganz auf der Seite von Taxifahrer Alshalya wäre.
Das Bild eines emotional zerrissenen Landes
Am Morgen des nächsten Tages lesen Ritagno und Alyhalya in ihrer lokalen Zeitung, dem "San Francisco Chronicle", auf Seite eins Tipps, wo ihr Geld noch sicher ist. Und dort lesen sich auch, dass das amerikanische Repräsentantenhaus das 700 Milliarden Dollar schwere Rettungspaket der Regierung um George Bush tatsächlich abgelehnt hat. Danach wollen selbst die Bewohner des eigentlich so risikofreudigen Silicon Valley zwischen den Städten San Francisco und San Jose wissen, wie man herausfinden kann, welche Bank einen Versicherungsschutz für die Einlagen bietet. Sorgenvoll blicken die Amerikaner auf ihre Alterssicherung, die häufig (und besonders bei den Mitarbeitern der zahlreichen hier ansässigen Technologieunternehmen) aus Aktien besteht, die sie an dem Unternehmen halten, für das sie arbeiten. Das verstärkt in guten Zeiten die Bindung an den Arbeitgeber. In schweren Jahren aber kann es passieren, dass mit dem Verlust des Arbeitsplatzes im möglicherweise angeschlagenen Betrieb über den damit verbundenen Verfall des Aktienkurses auch die Alterssicherung wankt.
Obendrein sinken in diesem Umfeld eben auch nach wie vor die Häuserpreise - und doch haben sich die Politiker in ihrer Abstimmung in Washington eben nicht gegen den Wunsch der breiten Mehrheit ihrer Wähler gestemmt. Denn trotz aller Schwierigkeiten lehnen die Amerikaner den Rettungsplan in ihrer Mehrheit noch entschiedener ab als die Parlamentarier, sind näher an der Position der Washington Mutual-Kundin Ritagno. Sie finden, es sei in einem freien Land grundsätzlich nicht die Aufgabe der Regierung, Privatunternehmen mit Steuergeldern aus der Patsche zu helfen - auch wenn Insolvenzen die Gesamtkonjunktur schädigen könnten. Das schreiben sie ihren Abgeordneten in E-Mails. Oder sie rufen sie an. Das Verhältnis, so ist zu hören, beträgt zehn Anrufer gegen den Rettungsplan und einen dafür.
Die Leute fühlen sich von der Finanzindustrie unter Druck gesetzt
Wer am Tag nach der Abstimmungsniederlage der Unterstützer des Rettungsplans im Repräsentantenhaus die Leserkommentare auf den Websites amerikanischer Zeitungen liest, bekommt - genau so wie auf den Straßen von San Francisco - ein Bild eines emotional zerrissenen Landes, dessen Wähler sich kaum mehr als 30 Tage vor der Präsidentschaftswahl von der Finanzindustrie unter Druck gesetzt, ja sogar erpresst fühlen. Finanzminister Henry Paulson könne "nicht hören". Seinen Rettungsplan verstehen viele nicht, ihre Details wurden offensichtlich unzureichend erklärt. "Ich habe keine Ahnung von den Details, ich kann gar keine eigene Meinung haben", sagt Jordan Santiago, der für die Hafengesellschaft "Port of Oakland" arbeitet, und dort für 12,50 Dollar in der Stunde Daten in einen Computer eingibt. Aber die Zahl 700 Milliarden Dollar, also die Summe, für die die Steuerzahler von "Main Street America" im Rahmen des Rettungsplans geradestehen sollen, die hat sich bei jedermann festgesetzt.
"2000 Dollar sind das, für jeden von uns", hat ein Leser der "New York Times" ausgerechnet. "Und das wird dann besonders interessant, wenn sie eine große Familie haben." Die Wut richtet sich aber längst nicht nur gegen Bush und seine Freunde aus der republikanischen Partei. Auch die Demokraten und ihre Mehrheitsführerin Nancy Pelosi, der es nicht gelungen ist, einen Abstimmungserfolg im Repräsentantenhaus für ein Paket zu erreichen, auf das sich die Spitzen beider Parteien nach langen Verhandlungen eigentlich schon geeinigt hatten werden scharf kritisiert: "Nancys Rede war furchtbar, sie hat nicht geliefert - alles was sie schafft, ist andere zu beschimpfen", schreibt eine Leserin des "San Francisco Chronicle", die damit ihre eigene Abgeordnete kritisiert, denn Pelosi sitzt für den Wahlkreis San Francisco im Parlament. Der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama habe keine klare Meinung, wie die amerikanische Finanzbranche vor dem Kollaps zu retten sei, ebenso wenig sein republikanischer Rivale McCain.
„Der Markt ist mir einfach zu volatil“
Die Unwissenheit führt zu Angst. "Und mit Angst im Nacken ist einst der ,Patriot Act' zum Schutz Amerikas vor Terroristen beschlossen worden. Das Gesetz war furchtbar. Soll jetzt in großer Angst wieder ein Gesetz gemacht werden, das uns retten soll? Wir sollten das nicht tun, wir sollten nur das nötigste Geld in Tranchen auszahlen, nach der Wahl in Ruhe überlegen - und vor allem dem Finanzminister nicht so viel Macht geben", wird in den Blogs kritisiert.
In San Francisco kann man aber auch Menschen treffen wie Michael Shing aus Walnut Creek, einer Gemeinde in der Umgebung. Er hat gerade sein Brokerhaus Charles Schwab auf der Montgomery Street besucht - um Geld einzuzahlen. Denn er setzt darauf, dass der Rettungsplan schließlich doch kommen wird. Er glaubt, dass es in diesen Tagen gute Kaufgelegenheiten gibt. "Aber ich werde keine einzelnen Aktien kaufen, sondern gleich den ganzen Index. Der Markt ist mir einfach zu volatil." Shing ist allerdings auch ein Profi; er ist Portfoliomanager für einen großen Pensionsfonds: "Wer in Aktien investiert, muss halt mit dem Auf und Ab der Kurse rechnen."
Dies Verschuldung in den USA lag vor der Finanzkrise bei 10.000.000.000.000 $
G. W. von Strauch (straeuchlein)
- 30.09.2008, 22:29 Uhr
Kehrt um, tut Buße - und werft keine Steine
Wolf Teufel (wolf.teufel)
- 01.10.2008, 06:17 Uhr
Grosszügige Politiker mit fremdem Geld
Hanspeter Bühler (Napoleon3)
- 01.10.2008, 08:51 Uhr
Unsere Staatsdiktatur gibt Geld aus als gäbe
Kay Schmelzer (weitererfazleser)
- 01.10.2008, 09:05 Uhr
Und Norbert Blüm hatte doch recht !
Paul Rabe (heidelpaul)
- 01.10.2008, 11:36 Uhr
Carsten Knop Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.
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