07.01.2009 · Adolf Merckles ältester Sohn Ludwig ist nicht länger Geschäftsführer der familieneigenen Vermögensverwaltung - das war Bedinung für einen neuen Kredit. Um die Familie muss er sich dennoch kümmern. Zusammen mit Heidelberg-Cement-Chef Bernd Scheifele steht er in der Pflicht.
Von Bernd Freytag und Susanne PreussDas Erbe von Adolf Merckle ist jetzt Bankensache. Zwei Tage nach dem Freitod des 74 Jahre alten schwäbischen Unternehmers haben seine Gläubiger seinem ältesten Sohn Ludwig das Heft des Handelns aus der Hand genommen. Denn der Überbrückungskredit für das schwer angeschlagene Firmenimperium wurde nur unter der Voraussetzung bewilligt, dass der Dreiundvierzigjährige als Geschäftsführer der familieneigenen Vermögensverwaltung VEM ausscheidet.
Das spricht Bände. Um die Belange der Familie wird Ludwig Merckle sich gleichwohl weiter kümmern müssen. In den komplizierten Verhandlungen mit mehr als drei Dutzend Banken steht ihm der Heidelberg-Cement-Vorstandsvorsitzende Bernd Scheifele zur Seite, ein langjähriger Vertrauter des Vaters. Der Patriarch wollte den 50 Jahre alten Juristen schon zu Lebzeiten als Chef der Familienholding installieren; dieses Konstrukt wurde allerdings niemals umgesetzt. Als ehemaliger Vorstandvorsitzender des familieneigenen Pharmahändlers Phoenix und amtierender Chef in Heidelberg kennt Scheifele die Schaltstellen des Imperiums. Nun müssen er und Adolf Merckles ältester Sohn die Dinge gemeinsam richten.
Generationswechsel
Als VEM-Geschäftsführer war Ludwig Merckle in den vergangenen Monaten schon einer der maßgeblichen Verhandlungspartner der Banken, die innerhalb des zerbrechenden Familienimperiums die unterschiedlichsten Interessen verfolgten. Sie zu möglichst übereinstimmenden Zielen zu führen, damit nicht alle Lösungsansätze von vornherein boykottiert werden, war eine der Aufgaben des Wirtschaftsingenieurs. Dabei unterstützte ihn Susanne Frieß, die als weitere VEM-Geschäftsführerin seit Jahr und Tag dafür sorgt, die Expansion der Firmengruppe so steuergünstig wie möglich zu gestalten.
Adolf Merckle hatte Ludwig einst als seinen Nachfolger auserkoren, als er im August 1997 den Generationswechsel verkündete. Er selbst, zu diesem Zeitpunkt 63 Jahre alt, werde sich nach 30 Jahren aus der aktiven Geschäftspolitik der Firmengruppe zurückziehen und die Leitung der Vermögensverwaltung übernehmen, teilte Adolf Merckle damals mit. Ludwig, gerade erst 32 Jahre alt, wegen seiner Stirnglatze aber schon damals deutlich älter wirkend, übernahm die Gesamtverantwortung.
Ludwig blieb blass, der Vater behielt die Fäden in der Hand
Neben der Pharmagruppe Merckle/Ratiopharm, die als Keimzelle der Gruppe gelten kann, gehörte schon damals Phoenix Pharmahandel als größter Arzneimittelhändler in Deutschland dazu, außerdem verschiedene Beteiligungen in der Metallindustrie und ein nennenswerter Anteil an Heidelberg Cement, der aus dem Erbe mütterlicherseits stammte. Hatte Adolf Merckle geglaubt, sein Sohn würde das gleiche unternehmerische Gespür wie er selbst entwickeln, die Freude am unternehmerischen Risiko entdecken und an dieser Aufgabe über sich hinauswachsen, so sah er sich bald getäuscht. Ludwig Merckle blieb blass, sein Vater behielt die meisten Fäden in der Hand.
Bernd Scheifele war von Anfang an anders: ein Mann, der nie Zweifel an seinen Fähigkeiten aufkommen lässt. Scheifele denkt schnell, er redet klar, er kennt sich aus. Er bringt die Dinge so auf den Punkt, dass einem nie in den Sinn kommen könnte, er liege falsch. Geboren in Freiburg und Vater von vier Kindern, ist Scheifele wie sein Mentor ein durch und durch wertkonservativer Mensch. Als Sohn eines höheren Beamten legt er sich früh ins Zeug. Er studiert Jura in Freiburg und Dijon, geht dann als Stipendiat nach Amerika, macht seine Promotion und den Abschluss als „Master of Laws“ (LL.M.).
Die Haltung der anderen Geschwister
1988 wird er mit gerade mal 30 Jahren Partner bei der Anwaltssozietät Gleiss Lutz. 1994 holt ihn Merckle an die Spitze von Phoenix. Der schwäbische Milliardär hat an dem aufstrebenden Jungjuristen aus Baden einen Narren gefressen. Konservativ wie er, dabei international versiert, clever und mit einem ähnlich guten Riecher fürs Geld ausgestattet - eine Liaison für die Ewigkeit. Scheifele formt Phoenix zum deutschen Marktführer und stellt ihn durch Akquisitionen international auf. Als bei Heidelberg Cement 2003 die Gewinne bröckeln, beordert Merckle seinen Getreuen an den Neckar. In den komplizierten Verhandlungen nach der Schieflage der Gruppe soll sich das Verhältnis zwischen Adolf Merckle und seinem Ziehsohn zwischenzeitlich zwar abgekühlt haben, die Verbindung aber hielt.
Nun ist es an Ludwig Merckle, die Verbindungen innerhalb der Familie zu kitten - die wahrscheinlich schwierigste Aufgabe. So erfolgreich die Firmengruppe auch vergrößert wurde, so sehr stießen die Methoden nämlich bei manchen Familienmitgliedern auf Ablehnung. Wenig ist über die Haltung der beiden jüngsten Geschwister bekannt: Jutta, 30 Jahre alt, eine studierte Betriebswirtin, und Tobias, 38 Jahre alt, der von vornherein mit dem Unternehmen nichts zu tun haben wollte, sondern als Sozialarbeiter ein Pilotprojekt für straffällig gewordene Jugendliche leitet. Philipp Daniel Merckle, ein studierter Pharmazeut, der als zweitältester Sohn eine Zeitlang Ratiopharm führen durfte, in diesem Frühjahr aber vom Vater entmachtet wurde, hat indes tiefe Gräben erkennen lassen, als er sich im Dezember öffentlich vom Vater distanzierte. Im Entflechten und Durchleuchten der vom Vater hinterlassenen Reste hat die vierte Merckle-Generation jetzt die Chance, neue Qualitäten zu beweisen.
Bernd Freytag Jahrgang 1967, Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.
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