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Tomás Saraceno, „Stillness in Motion – Cloud Cities”, Installation San Francisco Museum of Modern Art, 2016. © Courtesy the artist; Tanya Bonakdar Gallery, New York; Pinksummer contemporary art, Genoa; Andersen's Contemporary, Copenhagen; Esther Schipper, Berlin

Vernetzte Welt

Von CORINNA BUDRAS

09.03.2017 · Das Internet ist die größte Revolution unseres Lebens, doch kaum einer versteht es wirklich. Die Chancen sind gewaltig, aber Spähangriffe wie die von CIA verbreiten Angst. Eine Reise ins Innere des Netzes.

Das Staunen beginnt in etwa 11.000 Metern Höhe, kurz vor Grönland. Die Stewardessen schieben ihre schweren Getränkewagen durch die engen Gänge, fragen freundlich „Tea or Coffee?“, als mein Blick auf das Bordangebot fällt: kostenloses W-Lan. Donnerwetter, es ist noch nicht lange her, da drohte gleich der Absturz der Maschine, sollte es jemand wagen, sein Handy während des Fluges zu benutzen. Jetzt gibt es sogar Internet in schwindelerregenden Höhen. Die Anmeldung ist so mühselig wie bei solchen Gelegenheiten üblich, aber bald schon ist die Verbindung hergestellt. Umgehend rauschen die ersten elektronischen Kurznachrichten ein. Darunter die sehr kühne Bitte von den Kindern zu Hause: „Kannst du bitte die nächste Hörbuchfolge von Bibi Blocksberg auf Alexa starten?“

Unzählige Male habe ich das schon getan in den Wochen, in denen wir zu Hause den neuen Sprachassistenten von Amazon mit dem Namen Alexa testen. Ein zylinderförmiges Gerät, das mit der ganzen schönen Welt des Internets verbunden ist und auf Zuruf Einkaufslisten zusammenstellt, Witze erzählt, Nachrichten, Musik und eben Hörbücher abspielt. Doch manchmal versagt ihr Sprachverständnis, dann funktioniert es nur über die Alexa App in meinem Handy, die mit meinem Amazon-Konto verbunden ist. Deshalb muss ich selbst dann aushelfen, wenn ich gar nicht zu Hause bin, sondern unterwegs, auch Tausende von Kilometern weit entfernt.

Die Aufforderung, jetzt ein Hörbuch abzuspielen, kommt mir kurz vor Grönland reichlich absurd vor. Ich starte trotzdem die App, suche eine Folge „Bibi Blocksberg“ heraus und drücke auf Play. Die Reaktion lässt nur einige Sekunden auf sich warten: Ein kurzes „Danke“ poppt in meiner Whatsapp-App auf, ganz so, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Das ist sie also, unsere vernetzte Welt.

5. Wohnung

Das Datenpaket des Hörbuchs wird über die Glasfaserkabel in die Wohnung geleitet. Die letzten Meter legt es über die Funkwellen des W-Lans zurück und landet direkt beim Gerät „Echo“, das nun endlich das Hörbuch abspielen kann.

4. Rechenzentrum

Im Amazon Rechenzentrum sitzt
mitten in der „Cloud“ die künstliche Intelligenz von Alexa, die den Befehl empfängt und das Hörbuch heraussucht.

3. Bodenstation

Die Bodenstation leitet die Daten an ein Rechenzentrum von Amazon weiter.

2. Satellit

Der Satellit sendet den Befehl per Funk zu einer Bodenstation auf der Erde.

1. Flugzeug-Antenne

Über das Smartphone wird der Befehl zum Spielen eines Hörbuchs von der Flugzeug-Antenne an einen Satelliten in der Erdumlaufbahn geschickt.

© F.A.Z.-Grafik Piron So vernetzt ist die Welt. Selbst aus dem Flugzeug heraus können Eltern die Kinder zu Hause unterhalten.
1Flugzeug-Antenne

Über das Smartphone wird der Befehl zum Spielen eines Hörbuchs von der Flugzeug-Antenne an einen Satelliten in der Erdumlaufbahn geschickt.

5Wohnung

Das Datenpaket des Hörbuchs wird über die Glasfaserkabel in die Wohnung geleitet. Die letzten Meter legt es über die Funkwellen des W-Lans zurück und landet direkt beim Gerät „Echo“, das nun endlich das Hörbuch abspielen kann.

4Rechenzentrum

Im Amazon Rechenzentrum sitzt mitten in der „Cloud“ die künstliche Intelligenz von Alexa, die den Befehl empfängt und das Hörbuch heraussucht.

3Bodenstation

Die Bodenstation leitet die Daten an ein Rechenzentrum von Amazon weiter.

2Satellit

Der Satellit sendet den Befehl per Funk zu einer Bodenstation auf der Erde.

© F.A.Z.-Grafik Piron So vernetzt ist die Welt. Selbst aus dem Flugzeug heraus können Eltern die Kinder zu Hause unterhalten.

Im Vernetzen war die Menschheit schon immer groß, als Solitär sind wir nicht überlebensfähig. Seit Jahrtausenden rotten sich die Menschen zusammen, wenn es etwas zu erledigen gibt. Die Jagd auf Tiere war ohne Gruppenarbeit kaum zu schaffen; in geheimen Runden wurden gesellschaftliche Umstürze vorangetrieben. Aber noch nie trieben es die Menschen so wild wie seit Erfindung des Internets. „Das Internet ist das Netz der Netze“, heißt es oft, und das ist nicht übertrieben. Es bestimmt und verändert unser Leben. Und doch: Im Grunde verstehen wir es nicht, findet sogar der frühere Google-Chef Eric Schmidt. Und schon gar nicht verstehe ich, warum ich im digitalen Zeitalter kurz vor Grönland meine Kinder genauso unterhalten kann wie daheim.

Wenn man lernen will, das Internet zu verstehen, kann man viele Orte bereisen, allen voran natürlich das Silicon Valley, aber auch München oder gar Darmstadt. Am besten aber fängt man an dem Ort der Welt an, der so vernetzt ist wie kein anderer. Glücklicherweise ist der gar nicht so weit von mir entfernt, nur etwa zehn Kilometer. In einem Gewerbegebiet im Osten Frankfurts, auf der Hanauer Landstraße und der Weißmüllerstraße, verlaufen zwei Hauptlichtleitertrassen, die sich quer durch ganz Europa ziehen, ganz so, wie über Jahrhunderte hinweg schon die Handelsrouten durch Frankfurt liefen.

Durch Vernetzung ist diese Stadt groß geworden. Nur dass jetzt keine Pferdekutschen, sondern Daten von Menschen aus der ganzen Welt in Lichtgeschwindigkeit unterwegs sind. Dort wo sie sich sammeln, zum Beispiel im Rechenzentrum „Frankfurt 8“, möchte ich hin. Das ist gar nicht so einfach, das Gelände ist gesichert wie ein Hochsicherheitstrakt. Hohe Zäune mit Stacheldraht überall. Die Sicherheitsleute im „Besucherzentrum“ sitzen hinter Panzerglas. Wer hineinmöchte, muss sich vorher anmelden, muss seinen Ausweis vorzeigen und seinen Fingerabdruck hinterlassen. Erst dann geht es durch die Schranke auf das Gelände. Doch selbst dann ist man noch lange nicht drin. Zum Rechenzentrum muss man durch einen weiteren Zaun und in ein monströses Gebäude, das auf 3600 Quadratmetern nichts als Computer und noch mehr Computer enthält. Server von Finanzinstituten und Internetshops, von Dax-Unternehmen und Netzbetreibern. Die Vereinzelungsschleuse, sinnigerweise „Man trap“ genannt, lässt niemanden durch, dessen Fingerabdruck sie nicht kennt. Danach Videokameras, wohin das Auge blickt, und lange, leere Gänge, die geradewegs in die Computerfarm führen.

Das ist also das Innere von Interxion (gesprochen „Interaction“), einem der größten Betreiber von Rechenzentren in Deutschland. Wenn wir von Europas Datenautobahnen sprechen, dürfte das hier ein Autobahnhotel sein, mit einschüchternden Sicherheitsvorkehrungen und einem gigantischen Stromverbrauch, der in etwa dem von 24.000 Haushalten entspricht. Hier mieten sich die großen und die kleinen Unternehmen ein und stellen ihre blinkenden Computer in die riesige Halle, die nur so dröhnt von der Klimaanlage, die nötig ist, um die Masse der aufgeheizten Technik zu kühlen.

Die Computer stehen aufgereiht wie Perlen einer Kette in Regalen, Großkunden bekommen ihren eigenen Käfig, zu dem nur sie allein Zugang haben. Die Information, wer hier seine Server lagert, ist streng geheim. Niemand darf wissen, ob Google, Facebook oder die Commerzbank hier ihre Kundendaten durch die Glasfaserkabel schickt. Die Angst vor Attacken, vor Datenklau ist allgegenwärtig, schon lange vor den jüngsten CIA-Enthüllungen. Jeden der Server gibt es mindestens noch zwei-, drei- oder viermal. Wenn einer ausfällt, schaltet sich automatisch der nächste ein. Steht die Technik in Flammen, wird mit Argongas gelöscht, damit die Server weiterlaufen können. So ist das in einer Welt, in der das Internet niemals gestört werden darf, weil es zu den Grundbedürfnissen des Lebens gehört. Vor zwanzig, dreißig Jahren hätte keiner im Traum daran gedacht, dass diese Rechenzentren als Hochsicherheitstrakte wie Pilze aus dem Boden schießen. Interxion hat gerade ein neues Gebäude fertiggestellt, ein weiteres ist im Bau.

  • © Patrick Juncker Das Rechenzentrum von Interxion in Frankfurt ist ein Hochsicherheitstrakt.
  • © Patrick Juncker Das Interxion-Gelände in Frankfurt wird durch strenge Kontrollen geschützt. Videoüberwachung gehört dazu.
  • © Patrick Juncker In der Vereinzelungsschleuse, Man Trap genannt, müssen die Besucher ihre Fingerabdrücke hinterlassen.
  • © Patrick Juncker Computerschränke als Kunst im Rechenzentrum Interxion.
  • © Patrick Juncker Stacheldrahtzaun vor dem Rechenzentrum Interxion soll vor Einbrechern schützen. Aber auch vor Hackern ist man hier sicher.

Dabei ist noch nicht einmal klar, wo das Internet überhaupt seinen Anfang nahm. Einen Erfinder, den Daniel Düsentrieb des Internets, gibt es nicht. Das Internet, wie wir es kennen, ist das Ergebnis einer Ansammlung von kuriosen Zufällen und technischen Entwicklungen, die sich verselbständigt haben, so beschreibt es der amerikanische Bestseller-Autor Andrew Blum in seinem Buch „Tubes – A journey to the center of the Internet“. Doch ein Ereignis aus dem Sommer des Jahres 1969 sticht heraus: Es war die Zeit von Woodstock und der ersten Mondlandung. Forscher hatten gerade das Arpanet entwickelt, ein Computernetzwerk für die amerikanische Luftwaffe. Am letzten Samstag des Monats August schwappte diese militärische Entwicklung auf die zivile Gesellschaft über, in Form einer klobigen Maschine, so groß wie ein Kühlschrank mit dem Namen Interface Message Processor, kurz IMP. Es war ein Honeywell DDP-516 „Minicomputer“, nur dass „Mini“ damals ein Gewicht von rund 400 Kilogramm hatte. 80.000 Dollar kostete die Wundermaschine, bezahlt vom amerikanischen Verteidigungsministerium. Geliefert wurde sie als Teil eines Forschungsprojekts an eine ganz honorige, alles andere als militaristisch geprägt Organisation: die UCLA, die Universität von Kalifornien in Los Angeles. Eine kleine Schar von Computerstudenten nahm sie in Empfang und feierte sie euphorisch mit Champagner, auch wenn die Schar zu diesem Zeitpunkt noch keinen blassen Schimmer davon hatte, was sie da gerade bejubelte: das erste kleine Stück des Internets. In den kommenden Monaten sollte es sich ausdehnen, zur Eliteuniversität Stanford, zur Universität in Utah und zur Hochschule in Santa Barbara.

Wahrhaft umwälzende Entwicklungen brauchen Zeit, das war auch im Fall des Internets nicht anders. Das Internet verließ langsam den elitären Zirkel von Universität und Militär und schaffte den Schritt in die Wirtschaftswelt: Unternehmen, Banken, Kanzleien nutzten das Netz, lange bevor Privatleute auf die Idee kamen, sich damit Nachrichten hin- und herzuschicken. Fast anarchistisch kam es daher, unkontrolliert, unzensiert, unbegrenzt, nur zusammengehalten durch die Telefonleitung des amerikanischen Konzerns AT & T.

Das Internet hätte sich auch ganz anders entwickeln können, fragmentierter und weit weniger effizient. Anfang der achtziger Jahre begannen große Computerunternehmen wie IBM und große staatliche Organisationen wie die NASA, ihre eigenen autonomen Computernetzwerke zu bauen. Wie große Privatautobahnen zogen sie sich durch die Landschaft, durchquerten sogar Ozeane. Manchmal waren sie sich räumlich ganz nah, aber technisch trennten sie Welten. „Sie waren so weit voneinander entfernt wie Mond und Sonne“, schreibt der Autor Andrew Blum. Doch nur gemeinsam wird man stark: Es war die Computersprache „Transmission Control Protocol/Internet Protocol“, kurz TCP/IP), die alles änderte: Vom Neujahrstag 1983 an begannen alle Computer des Arpanetzwerkes nur noch diesen technischen Standard zu nutzen. Die Umstellung gelang; fortan setzte sich dieser Standard durch.

In der Rückschau ist das wohl der Zeitpunkt, an dem das Internet erwachsen wurde. Von nun an redeten alle in einer internationalen Sprache, und das ist beim Netzwerken schon immer der Dreh- und Angelpunkt gewesen. Nur wenn sich alle verstehen, haben Netzwerke ihren Sinn. Auch die Infrastruktur wandelte sich gewaltig: mit Telefonleitungen hat das Internet nur noch wenig zu tun. Wer sich in den neunziger Jahren in das Netz einwählen wollte, brauchte ein Modem und blockierte damit womöglich stundenlang die Telefonleitung. Doch dann wurden endlose Glasfaserkabel quer durch die Kontinente gezogen.

In Frankfurt, dem Hauptknotenpunkt der Welt, ist zu sehen, wie sehr sich technische Erneuerung auch steuern lässt. Rechenzentren sind hier anders als in Amerika unabhängig von einzelnen Providern. Und die Stadt zeigte sich in den neunziger Jahren so liberal, dass sie dem Wunsch der Unternehmen nach Glasfasern keinen Einhalt bot: Damals gab es kaum eine Straße, die nicht aufgerissen wurde, um die langen dünnen Leitungen zu verlegen. Auch das ein Grund, warum sich Frankfurt rühmen kann, der am besten vernetzte Ort der Erde zu sein. Nur London und Amsterdam können annähernd mithalten.

© Courtesy the artist; Tanya Bonakdar Gallery, New York; Pinksummer contemporary art, Genoa; Andersen's Contemporary, Copenhagen; Esther Schipper, Berlin New York 2008: Tomás Saraceno „Galaxies Forming Along Filaments, Like Droplets Along the Strands of a Spider’s Web“, Installation in der Tanya Bonakdar Gallerie

Hier im Rechenzentrum sitzt auch der größte Datenknotenpunkt der Welt, der DE-CIX, der im Bild der Datenautobahn so etwas wie das Frankfurter Kreuz ist, nur viel größer und letztlich auch bedeutender. Beherrscht wird er unter anderem von Thomas King, Chief Innovation Officer (CIO) von DE-CIX. Er sorgt dafür, dass klare Straßenverkehrsregeln gelten und es weder Staus noch Unfälle gibt. King ist Ende dreißig, natürlich Informatiker und offensichtlich ein Mann mit gutem Benehmen. Keine Frage ist ihm zu trivial, als dass er sie nicht mit der größten Ernsthaftigkeit beantworten würde, zum Beispiel, warum ich in 11.000 Metern Höhe, kurz vor Grönland, sowohl meiner Familie als auch der Sprachassistentin Alexa Befehle erteilen kann. Und noch schöner: Er nutzt dazu einen blauen Filzstift und eine riesige Papiertafel, bei der er im Laufe seiner Erklärung ständig hin- und herblättern muss, analog natürlich.

Der Aufwand für meinen kurzen, aber höchst erstaunlichen Ausflug in die Tiefen der vernetzten Welt ist geradezu gigantisch: Das Flugzeug wurde dafür eigens umgerüstet, jetzt ist es mit einem W-Lan-Router unterwegs, auf dem Flugzeugrücken wurde eine Satellitenantenne installiert. Die sucht den Kontakt mit dem nächstgelegenen Satelliten in der Erdumlaufbahn. Ist der erst einmal hergestellt, schickt der Satellit meinen Befehl an Alexa über Funkwellen als Signal an eine Bodenstation auf der Erde. Von denen gibt es Hunderte allein in Europa. Die Bodenstation ist über Kabel angeschlossen an das Internet, wie überhaupt das meiste über handfeste, mit viel Aufwand verlegte Kabel läuft. Von dort aus suchen sich die Daten die schnellste Strecke, flitzen von Router zu Router, die die vielen Internetserviceprovider wie die Telekom oder Vodafone betreiben. Einen festgelegten Weg gibt es nicht. Da kann eine ganze Menge schiefgehen, kurioserweise funktioniert es oft erstaunlich gut.

Die Daten laufen von dort in ein Rechenzentrum von Amazon, insgesamt 42 davon gibt es verstreut auf fast allen Kontinenten, nur Afrika ist noch ausgespart. Eins davon sitzt hier an der Hanauer Landstraße. Dort, in der oft zitierten „Cloud“, die sich zwar wolkig gibt, aber doch nichts anderes ist als ein großer Computer, hat auch die künstliche Intelligenz von Alexa ihren Platz.

Mit dem Befehl aus der Alexa App, die direkt mit meinem Amazon-Konto verbunden ist, hat sie keine Probleme. Anstandslos versteht sie nun, was ich von ihr will, sucht in Sekundenschnelle das Hörbuch aus dem Amazon-Vorrat an Musik und Büchern heraus und beginnt den Inhalt zu streamen: Vom Amazon-Rechenzentrum laufen die Informationen über die Glasfaser meines Internetproviders in das alte Kupfernetzkabel meines Hauses. Völlig kabellos, nur über Funkwellen funktioniert dann wieder die „letzte Meile“, also die wenigen Meter zwischen meinem Internetrouter und dem Gerät „Echo“, dem großen weißen Zylinder, der Alexa ihren Körper gibt. Das klingt nach einer beschwerlichen Fernreise, die in Lichtgeschwindigkeit vonstatten geht.

Das alles kann DE-CIX–Manager Thomas King mit einigen wenigen Strichen so unkompliziert erklären, als beschriebe er den Weg zum Hauptbahnhof. Nur geht es um etliche Kilometer vertikal und horizontal, die meine Daten in Sekundenschnelle hinter sich gebracht haben. Ist das nicht ein bisschen viel Aufwand dafür, dass man früher einfach nur die Taste des Kassettenrekorders gedrückt hat? Thomas King denkt kurz nach, lacht und zuckt dann mit den Schultern: „Aber es ist alles da. Dann kostet es doch fast nichts.“ Natürlich war auch früher nicht alles ganz so einfach. Die Kassette, die man sich anhören wollte, musste man sich schließlich erst einmal besorgen. Und dieses „alles da“ mag eine korrekte Zustandsbeschreibung des Jahres 2017 sein. Aber sie beschreibt mitnichten die Anfänge des Internets. Denn das Wenige, das schon da war, war noch lange nicht auffindbar. Netzwerke haben jedoch nur dann ihren Sinn, wenn man sich auch darin zurechtfindet. Die erste öffentliche Internetseite ging vor 25 Jahren ans Netz, es war eine Seite des Schweizer Forschungsinstituts Cern. Doch um die zu finden, brauchte man Spezialwissen, eine komplizierte Adresse war dafür nötig. Das ist auch nicht anders in einer Bibliothek, in der die Bücherablage einer gewissen Logik folgt. Wer ein Werk will, kann im Karteikartenkasten suchen. Dann weiß er, wo er es findet.

© Courtesy the artist; Tanya Bonakdar Gallery, New York; Pinksummer contemporary art, Genoa; Andersen's Contemporary, Copenhagen; Esther Schipper, Berlin Stockholm 2010: Tomás Saraceno „14 billions”, Installation in der Bonniers Konsthall

Doch diesen Karteikasten für das Wissen der Welt musste erst einmal erfunden werden. Der amerikanische Suchmaschinenkonzern Google nimmt für sich in Anspruch, genau das geschafft zu haben. Da gab es auch andere, Yahoo ist einer der wenig bekannten Namen, die noch übrig sind. Aber mit rund 2,4 Millionen Suchanfragen in der Minute kann Google getrost behaupten, inzwischen einen gut funktionierenden Karteikasten anzubieten.

Um zu Google zu gelangen, kann man zwei Wege gehen: Der weitaus unbeschwerlichere ist der Weg über das Internet, dort trifft man schnell auf die schnörkellose Suchmaske, in die man alles eintippen kann, was einem gerade einfällt. Schwieriger ist es, Google vor Ort zu besuchen, an seinem Hauptsitz Mountain View, im Herzen des Silicon Valley. Das kleine verschlafene Städtchen mit seinen 75.000 Einwohnern ist zwar nur rund 50 Kilometer von San Francisco entfernt, aber es dauert eine halbe Ewigkeit, um sich durch den Dauerstau auf der Autobahn zu wälzen. Die Kalifornier mögen die Schnellsten im Netz sein, der Straßenverkehr entzieht sich ihrer Kontrolle.

Google, eines der reichsten Unternehmen der Welt, stellt man sich gerne als funkelnde Firmenzentrale vor, viel Glas, viel Hightech. Tatsächlich ist es ein flacher Bürokomplex aus dem prädigitalen Zeitalter der neunziger Jahre, in dem bunte Google-Fahrräder, ein Beach-Volleyball-Court, ein riesiges Dinosaurierskelett und beheizte Klodeckel noch das aufregendste sind. Viel spannender sind die Algorithmen, an denen die Ingenieure arbeiten. Mit unglaublicher Präzision errechnen sie, wonach wir suchen. Google verdient Milliarden damit, dass es diese Suchergebnisse mit Werbung verbindet, die am besten zu uns passt. Doch das ist nur das Brot-und-Butter-Geschäft. Viel visionärer – und für viele auch beängstigender – sind all die anderen Projekte, die der Konzern unter seiner Dachgesellschaft Alphabet bündelt. Dort arbeiten die Programmierer daran, unser Haus so zu vernetzen, dass wir Licht, Rollläden, Heizung und Fernseher über Sprache steuern können. Für viele ist das noch zu umständlich, schließlich muss man dafür seine Wohnung umrüsten. Diese Verzögerung ist ein wahrer Segen, denn noch warnen Sicherheitsexperten davor, dass viele Anbieter, die sich auf dem Markt tummeln, den Sicherheitsanforderungen nicht genügen.

Auch mit einer anderen Version der vernetzten Welt nimmt es Alphabet auf: Schon seit Jahren forscht das Unternehmen an selbstfahrenden Autos. Dazu fahren unermüdlich Google-Cars durch die Straßen Kaliforniens, um so viel Daten zu sammeln wie möglich. Daten sind die Rohmasse, aus denen Ingenieure die Innovationen formen. Hier in Kalifornien nahm die Evolution des Internets ihren Lauf, hier wird sie auch vorangetrieben. Google hat das Internet für uns geordnet, Facebook setzte eine zweite Entwicklung in Gang, die ebenso euphorisch begrüßt wie vehement kritisiert wurde: das Zeitalter der sozialen Medien. Und schon wieder nahm es seinen Anfang in einem Universitätscomputer, diesmal allerdings an der Ostküste der Vereinigten Staaten: Die erste Facebook-Seite ging am 4. Februar 2004 in der amerikanischen Eliteuniversität Harvard an den Start. Von seinem Gründer Mark Zuckerberg war sie anfangs nur als Lästertool für den Uni-Campus gedacht, 13 Jahre später zählt das soziale Netzwerk knapp zwei Milliarden aktive Nutzer – und hat komplett die Art verändert, wie wir in Kontakt treten und in Kontakt bleiben.

Netzwerke gibt es schon, seit es Menschen gibt, und immer geht es vor allem darum, was Menschen voneinander erwarten. Jan Fuhse, Sozialwissenschaftler an der Berliner Humboldt-Universität, bringt es auf den Punkt: „Von Menschen, die man kennt und mit denen man eine gemeinsame Geschichte hat, erwartet man Vertrauen oder Hilfe, von flüchtigen Bekannten dagegen eher nicht“, sagt er. Damit lässt sich das Leben in klare Strukturen fassen. Durch die sozialen Medien definieren sich die Kategorien „fremd“ und „vertraut“ völlig neu. Früher war es einfacher: „Netzwerke waren über gesellschaftliche und soziale Kategorien sehr stark vorgegeben“, sagt er. Es war klar, dass Sozialbeziehungen innerhalb der eigenen Schicht und des eigenen Standes aufgebaut werden können. Zu anderen Schichten war das Verhältnis stärker reglementiert. Das ist noch nicht ganz überwunden, aber doch wesentlich seltener so. Das Netz bringt Hierarchien zu Fall.

Ein weiterer Unterschied: Früher sind Menschen in überschaubarem Maße anderen Menschen begegnet. Heute dagegen begegnen wir vielen Menschen, aber statt sie wie früher schnell auch wieder zu vergessen, bleiben sie – und wenn auch nur als Kontakt bei Facebook. Selbst sehr oberflächliche Bekanntschaften können durchs Internet vertieft werden, jedenfalls sind sie in jeder Phase des Lebens abrufbar. Daraus lässt sich viel Nutzen ziehen. Die Frage: „Wer kennt jemanden, der jemanden kennt“ war früher mühselig zu beantworten, jetzt findet sich in Sekundenschnelle eine Antwort.

© Courtesy the artist; Tanya Bonakdar Gallery, New York; Pinksummer contemporary art, Genoa; Andersen's Contemporary, Copenhagen; Esther Schipper, Berlin San Francisco 2016: Tomás Saraceno, „Stillness in Motion – Cloud Cities”, Installation im Museum of Modern Art

Twitter, das soziale Netzwerk für alle Kurzgefassten, ermöglicht eine noch schnellere Kommunikation. Mittlerweile kommentieren die sozialen Medien nicht nur Weltereignisse, sie schaffen, stärken und kanalisieren sie. Einen großen Einfluss hatten Facebook, Twitter & Co. auf den großen Flüchtlingsmarsch nach Europa. Und der amerikanische Präsident Donald Trump schafft Weltereignisse exklusiv für Twitter, die sich trotzdem auf die ganze Welt auswirken. Den Spieß kann man aber auch umdrehen. Der rührige Filmemacher Michael Moore organisierte den Widerstand gegen Trumps Einreiseverbot vor allen mit knackigen Aufrufen über diese Kanäle.

Diese Art der Vernetzung entfaltet ihren Reiz schon am stationären Computer. Besonders interessant wird sie aber, wenn sie quasi überall verfügbar ist. Um das Internet in seiner ganzen Vielfalt auszuschöpfen, war deshalb eine andere Erfindung wichtig, die ein drahtiger Mann mit randloser Brille und schwarzem Rollkragenpullover vor ziemlich genau zehn Jahren auf einer Bühne in San Francisco präsentierte: das iPhone, eine der populärsten Erfindungen des vergangenen Jahrhunderts. Es setzte den Startschuss zu einer neuen Ära, der Ära der Dauervernetzung.

Diese lieferte die Voraussetzung für die dritte Stufe der Internetevolution: nämlich das, was wir „Sharing Economy“ nennen, also die Ökonomie des Teilens. Teilen, das haben wir inzwischen gelernt, kann man vieles: Wohnungen, Autos, Arbeitskraft. Einer hat, viele nutzen. Letztlich war auch das schon immer so, aber noch nie konnte die Idee so radikal umgesetzt werden wie jetzt. Ausgerechnet auf der feierlichen Vereidigung von Barack Obama im Januar 2009 nahm die Idee richtig Fahrt auf, so beschreibt es der Autor Brad Stone in seinem gerade erschienenen Buch „The Upstarts–How Uber, Airbnb, and the Killer Companies of the New Silicon Valley Are Changing the World“.

Für viele war es eine hoffnungsfrohe Zeit, eine Art Aufbruch in das Zeitalter des „Yes, we can“. Aber dass sich ausgerechnet diese Feierlichkeit als so fruchtbar für die Entwicklung des Internets herausstellte, lag an zwei Gründen: dass sich unter die Millionen von Zuschauern auch ehrgeizige, visionäre Gründer aus dem Silicon Valley mischten. Und dass die Not besonders groß war: Keine Schlafgelegenheit, keine Taxis, dafür froren die Männer stundenlang, während sie auf den Beginn der Feier warteten.

Das Startup Airbnb, damals noch „Luftmatratze und Frühstück“ (Airbedandbreakfast.com) genannt, existierte schon, dümpelte aber vor sich hin. Das Großereignis war für die drei Gründer, darunter auch Nathan Blecharczyk, eine perfekte Gelegenheit, für ihr Geschäft zu werben, ganz klassisch mit Hilfe von Handzetteln vor der U-Bahn-Station. Die beiden Uber-Gründer erkannten den Bedarf, als sie mangels Taxis mehrere Kilometer zu Fuß laufen mussten. Wäre es nicht schön, per Smartphone einen privaten Fahrer rufen zu können, über das Navigationssystem nachzuvollziehen, wo er sich gerade befindet, wann er endlich das ist und wie teuer der ganze Spaß wird?

Wie radikal die Idee das Leben wandelt, zeigt sich nicht zuletzt im Stadtbild. Wo in New Yorks Straßen vor fünf Jahren die Taxis noch Stoßstange an Stoßstange fuhren, sind jetzt Autos im Auftrag des Fahrdienstvermittlers Uber unterwegs. „Taxi-Schreck“ wird Uber oft genannt – und das mit Recht. Denn die Idee ist bestechend, und das Start-up setzt sie mit einer erstaunlichen Kaltschnäuzigkeit um: Taxifahrer haben kein Monopol darauf, Fremde herumzukutschieren. Das können auch Menschen, die im Besitz eines Mobiltelefons, eines Führerscheins und eines Autos sind. Jedenfalls theoretisch, solange es nicht das Gesetz verbietet, wie hier in Deutschland.

© Courtesy the artist; Tanya Bonakdar Gallery, New York; Pinksummer contemporary art, Genoa; Andersen's Contemporary, Copenhagen; Esther Schipper, Berlin San Francisco 2016: Tomás Saraceno, „Stillness in Motion – Cloud Cities”, Installation im Museum of Modern Art

Airbnb dagegen hat das Reisen revolutioniert und sogar die Zusammensetzung ganzer Stadtviertel verändert. Touristen lieben Airbnb, Anwohner hassen es – und oft genug vereinen sich beide Rollen in ein und derselben Person. Studenten vermieten ein Zimmer, um ihre Wohnung überhaupt bezahlen zu können, reiche Leute können auf diese Weise locker zwei, drei oder vier Wohnungen amortisieren. Metropolen wie Berlin, Paris, London und New York kämpfen mit aller Macht dagegen an, dass dringend benötigter Wohnraum zu Ferienwohnungen umgewidmet wird. Mit leidlichem Erfolg. Zu lukrativ ist das Geschäft mit den Kurzzeitbesuchern.

Würde das Internet nur unser Freizeitverhalten verändern, wäre die Revolution noch überschaubar. Aber neben der Art, wie wir kommunizieren, Freundschaften pflegen, reisen und wohnen, wird das Internet auch unsere Art zu arbeiten völlig verändern. Davon ist Robert Lokaiczyk überzeugt. Er hat vor sechs Jahren die Jobvermittlungsplattform „Appjobber“ gegründet, übrigens als „Spin-off“ der TU Darmstadt. Das klingt nicht gerade nach Silicon Valley, aber auch im südlichen Hessen ist man auf der Suche nach dem großen neuen Ding. Lokaiczyks Spezialität sind „Microjobs“, frei übersetzt also Tätigkeiten, die so klein sind, dass sie eigentlich nicht der Rede wert wären: Straßenschilder fotografieren, im Supermarkt um die Ecke Werbeaktionen überprüfen. Wer kann das wollen? Tom Tom, der Navigationsgerätehersteller. Oder ein Schokoladenkonzern. Die zahlen je nach Tätigkeit ein Euro, fünf oder auch mal zehn, um an solche Informationen zu kommen.

Früher hat es diese Jobs nicht gegeben, jedenfalls niemanden, der dafür zahlte. Jetzt, in unseren digitalen Zeiten, gibt es dafür auf einmal einen Markt. „Mal eben was dazuverdienen. Nebenan, um die Ecke“ heißt der Appjobber-Slogan. Für Lokaiczyk ist das der Beweis für eine wenig beachtete Folge der Digitalisierung: Dass sie vernichtet, ahnt ohnehin schon jeder, der sich fragt, wann er das letzte Mal ein Reisebüro betreten hat. Das Fachwissen, das dieser Ausbildungsberuf jahrzehntelang vermittelt hat, gibt es jetzt frei Haus über das Internet. Aber die Digitalisierung schafft eben auch neue Tätigkeiten – ganz große und kleine, wie auf seiner Plattform, die sich in der Masse durchaus zu einem ordentlichen Nebenverdienst zusammenläppern können. Wer nun aber wissen will, was das Internet in Zukunft noch bringt, muss nach München fahren, hier geht es ähnlich verspielt zu wie bei Google, nur ist die Hoody-Dichte geringer als im Silicon Valley. Wenn sich die Ingenieure nicht zum Scherz mal einen Laborkittel umwerfen, trägt man an diesem Tag Anzug. Schließlich gibt es etwas zu feiern: In einem Hochhaus, direkt neben der CSU-Zentrale, hat sich IBM gerade für 200 Millionen Dollar ein Zukunftslabor eingerichtet und experimentiert an der nächsten Stufe der Internetevolution, dem sogenannten Internet der Dinge. „Watson“ nennt der Konzern sein intelligentes System, das schon in einer ganzen Reihe von Geräten steckt.

Die Technik in diesem Gebäude ist enorm: Hier trifft man auf sprechende Hightech-Wandtafeln und auf rollende Roboter mit großen dunklen Augen und lieblichen Kinderstimmen. 1000 sogenannter Datenpunkte zum Beispiel für die Kontrolle von Lampen, Rollos, Klimaanlagen und Luftqualität gibt es auf jedem einzelnen Stockwerk. Sensoren messen, wie viele Menschen gerade in der Kaffeeküche stehen, und senden diese Information an eine große Leuchtanzeige, die signalisiert, ob jetzt ein guter Zeitpunkt wäre, um sich einen Kaffee zu holen.

Jetzt geht es nicht mehr nur um uns, darum, wie wir kommunizieren, wie wir Freundschaften pflegen, reisen, wohnen und arbeiten, sondern vor allem, was Maschinen für uns alles tun können. In diesem Zukunftslabor arbeiten die Ingenieure daran, dass sich Maschinen untereinander vernetzen und dann auch noch ganz von selbst lernen, was sie tun sollen und was nicht.

Schon das Wort „Gerät“ gewinnt dadurch völlig neue Konturen, denn das kann künftig alles bedeuten: ein intelligenter Ring, ein T-Shirt oder ein Schuh. Intelligent sind sie vor allem deshalb, weil sie mit dem Internet verbunden sind, und dort zum Beispiel mit unserem Bankkonto. Wenn das gelingt, braucht man zum Bezahlen keine Kreditkarte mehr und kein Smartphone. Es reicht der Ring am Finger, der selbst zur Kreditkarte werden kann. Dann braucht man nur noch seinen Einkaufskorb zu füllen und durch die Tür zu schreiten. Das Scannen und Bezahlen der Produkte läuft automatisch. Das ist übrigens keine Zukunftsmusik: In der Londoner U-Bahn kann man so schon sein Ticket bezahlen, in New York das Taxi. Nur die Supermärkte müssten ihr technisches Inventar noch ordentlich aufrüsten.

Ob das Angst macht? Und wie! Genauso wie jede Evolutionsstufe des Internets vorher auch Furcht und Schrecken verbreitet hat. Aber dann kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 04.03.2017 19:18 Uhr