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Das Hotel Chelsea : Künstleroase mit ungewisser Zukunft

Das Hotel Chelsea steht nach 65 Jahren zum Verkauf Bild: REUTERS

Das Hotel Chelsea in New York hat Berühmtheiten von Janis Joplin bis Madonna angezogen. Kreative ohne Geld konnten schon einmal mit Kunstwerken bezahlen. Nun steht das Hotel zum Verkauf.

          New York ist die Finanzhauptstadt der Welt, aber auch hier gibt es Orte, wo es nicht immer nur ums Geld geht. Das Hotel Chelsea etwa setzt im Gegensatz zu vielen anderen Adressen in der Stadt nicht alles daran, eine möglichst zahlungskräftige Klientel anzulocken. Es versteht sich in erster Linie als Anlaufstelle für Künstler: Hier werden Maler, Schriftsteller, Musiker oder Schauspieler besonders geschätzt, ob sie nun prominent sind oder am Hungertuch nagen. Berühmtheiten wie Janis Joplin, Marilyn Monroe und Arthur Miller haben hier residiert, aber auch unzählige Künstler, denen der Durchbruch verwehrt geblieben ist. Das Chelsea hat sich einen Namen gemacht durch seine ungewöhnliche Nachsichtigkeit mit Künstlern, die nicht bezahlen konnten. Oft wurde Kunstschaffenden hier Zahlungsaufschub gewährt, viele Gäste durften auch statt Geld mit ihren Gemälden oder anderen Kunstwerken bezahlen.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Das Hotel rühmt sich selbst gerne, ein Ort für ein schillerndes Publikum zu sein, mit dem sich Verruchtheit und auch einige tragische Geschichten verbinden – das trägt schließlich alles zur Legendenbildung bei. Zwar hat das Chelsea in der jüngeren Vergangenheit die Zügel etwas fester in die Hand genommen und einen strengeren ergebnisorientierten Kurs eingeschlagen. Aber zumindest ein Stück weit hat sich die alte Boheme-Kultur bis heute gehalten.

          Ende nach 65 Jahren

          Damit könnte aber bald Schluss sein, denn das Hotel steht zum Verkauf. Die Inhaber, eine Gruppe von Familien ungarischer Herkunft, haben vor einigen Wochen beschlossen, sich von dem Gebäude zu trennen, das ihnen seit fast 65 Jahren gehört. Über ihre Preisvorstellungen haben sie öffentlich nicht gesprochen, aber nach einem Bericht der Zeitung „New York Observer“ hoffen sie auf mindestens 100 Millionen Dollar. Damit wäre es aber für den Käufer nicht getan, denn das Hotel ist stark renovierungsbedürftig, und das könnte noch einmal einen hohen zweistelligen Millionenbetrag kosten.

          Künstler können mit ihren Werken bezahlen
          Künstler können mit ihren Werken bezahlen : Bild: REUTERS

          Das Hotel an der 23rd Street trägt nicht nur den Namen Chelsea, sondern liegt auch im gleichnamigen Stadtteil, ein für seine Galerien und sein Nachtleben bekanntes Viertel auf der Westseite von Manhattan. Das Chelsea ist eine Mischung aus Hotel und Mietshaus, wo sich Touristen neben Langzeitbewohnern tummeln. Es gibt 125 Hotelzimmer und 100 Mietwohnungen, im Erdgeschoss findet sich eine bunte Mischung an Etablissements wie ein Gitarrenladen, ein Tätowierstudio und ein spanisches Restaurant. Die Preise für Übernachtungen bewegen sich in einem breiten Spektrum: Ein Zimmer mit Gemeinschaftsbad ist außerhalb der Hauptsaison schon für 90 Dollar zu haben, die teuerste Suite kann 550 Dollar kosten.

          Hilfe für Künstler-Gäste

          Das unter Denkmalschutz stehende zwölfstöckige Haus blickt auf eine lange Geschichte zurück: Es wurde 1884 fertiggestellt und war damals das höchste Gebäude in ganz New York. Es war zunächst ein reiner Appartementkomplex, erst 1905 wurde daraus auch ein Hotelbetrieb. Im Jahr 1946 wurde das Hotel Chelsea von den drei aus Ungarn stammenden Geschäftspartnern David Bard, Joseph Gross und Julius Krauss gekauft. Deren Familien sind bis heute der Kern des aus 15 Aktionären bestehenden Eigentümerkreises.

          Unter der Führung dieser Familien wurde das Hotel Chelsea zu einem Magneten für Künstler und erwarb sich den Ruf, seine kreativen Gäste zu unterstützen und bei der Bezahlung oft einmal ein Auge zuzudrücken. Als zum Beispiel der Verpackungskünstler Christo und seine Frau Jeanne-Claude im Jahr 1964 nach New York zogen, fanden sie laut „New York Observer“ im Hotel Chelsea Unterschlupf und konnten sich an der Rezeption Geld borgen, um in der Anfangszeit über die Runden zu kommen.

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