Trotz der überraschend schnellen Rückkehr des US-Autoherstellers Chrysler in die Gewinnzone haben die Aktionäre des Autokonzerns DaimlerChrysler die Expansionsstrategie von Vorstandschef Jürgen Schrempp scharf kritisiert.
Die US-Tochter Chrysler habe in den ersten drei Monaten 2002 nach eineinhalb verlustträchtigen Jahren ein leicht positives Ergebnis erreicht, sagte Schrempp vor rund 9500 Anteilseignern auf der Hauptversammlung am Mittwoch in Berlin. Konkrete Zahlen nannte er nicht. Noch vor Jahresfrist hatte Chrysler - bereinigt um Sanierungskosten - 1,4 Milliarden Euro Verlust verbucht, 2002 peilt der US-Autobauer ein ausgeglichenes Ergebnis an, nächstes Jahr Gewinn. Aktionärsvertreter forderten Daimler unter großem Beifall dennoch auf, Chrysler wieder abzustoßen. Das Konzept von Schrempp, eine „Welt-AG“ zu schaffen, sei gescheitert. Der Vorstandschef bat um Geduld und sagte, der deutsch-amerikanische Autokonzern sei gut in das Jahr 2002 gestartet. Der Absatz bei Mercedes-Benz ging leicht zurück.
Kleinaktionäre, aber auch Investoren-Vertreter bezeichneten die Übernahme von Chrysler 1998 und den Einstieg bei Mitsubishi und Hyundai angesichts der Milliardenverluste in den USA als Fehler. „Es besteht die erhebliche Gefahr, dass DaimlerChrysler von der amerikanischen Krankheit so geschwächt wird, dass ihm die asiatische Grippe den Garaus macht", sagte Jörg Pluta, Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Die vorzeitige Verlängerung des Vertrags des Vorstandschefs bis 2005 sei deplatziert gewesen. „Es sollten sich auch die Köpfe ändern, die an alten Konzepten festhalten", forderte Pluta den Rücktritt Schrempps.
Ohne Chrysler viele Probleme erspart - Vorbild BMW
„Das Management geht die Probleme entschlossen an, die es ohne Chrysler nicht hätte", sagte Klaus Kaldemorgen, Chef des Aktienfonds-Managements der Fondsgesellschaft DWS, die knapp ein Prozent an DaimlerChrysler hält. Seit der Fusion sei der Konzern das Schlusslicht der Branche. Der Aktienkurs habe sich in vier Jahren halbiert. „Ohne Chrysler könnte die Aktie dort stehen, wo BMW heute steht", sagte der Fondsmanager. „Ihre Aktionäre wollen endlich Gewinne statt unendlicher Möglichkeiten.“ BMW hatte sich von der defizitären britischen Rover Group 2000 getrennt.
Mitsubishi, an der DaimlerChrysler derzeit 37,3 Prozent hält und die mit 13 bis 14 Milliarden Euro verschuldet ist, drohe zu einem noch größeren Problemfall zu werden, sagte Kaldemorgen. „Im Vergleich zu Mitsubishi war Chrysler eine Perle.“ Frühestens 2003 will DaimlerChrysler dort die Mehrheit übernehmen, wenn der japanische Autohersteller seine Schuldenlast abgebaut und die Renditeziele des Konzerns erreicht hat.
Schrempp stelle die Lage des Konzerns zu rosig dar, warnte ein anderer Aktionärssprecher. Allein in 15 Gegenanträgen wurde gefordert, dem Vorstandschef die Entlastung zu verweigern. Der verteidigte seine Strategie. Die Umsetzung dauere aber mehrere Jahre, schränkte er ein. „Bereits im letzten Jahr habe ich (...) gesagt, dass wir es nicht für sinnvoll halten, auf operative Probleme mit strategischen Richtungswechseln zu reagieren", sagte Schrempp. Kein anderer Autohersteller sei in allen drei großen Märkten - Nordamerika, Europa und Asien - so gut aufgestellt.
„Auf Konzernebene gesehen, untermauert das erste Quartal aus heutiger Sicht unsere Ergebnisaussage für das Gesamtjahr 2002", sagte der DaimlerChrysler-Chef. Er erwarte weiter ein operatives Ergebnis, das deutlich über 2,6 (2001 bereinigt: 1,3) Milliarden Euro liegen soll. Gleichzeitig wiederholte Schrempp die Warnung, dass der größte deutsche Industriekonzern seine wirtschaftlichen Ziele angesichts der schwachen Konjunktur etwas später erreichen werde als vor Jahresfrist erwartet. Damals war für 2002 mit über vier Milliarden Euro Gewinn gerechnet worden.
Mercedes und Smart ähnlich erfolgreich wie 2001
Die angestammte Marke Mercedes-Benz und der Kleinwagen smart haben ein gutes Quartal hinter sich. Der Absatz der Pkw-Sparte Mercedes/Smart habe sich besser als geplant entwickelt. „Der Ertrag im ersten Quartal dürfte etwa auf dem hohen Niveau des Vorjahres liegen", teilte der Konzern mit. In den ersten drei Monaten sei der Absatz bei Mercedes-Benz weltweit um ein Prozent auf 264.100 Stück gesunken, in Deutschland um zwei Prozent auf 83.000. Im ersten Quartal 2001 hatten Mercedes/Smart operativ 700 Millionen Euro Gewinn erwirtschaftet. Bei den Not leidenden Nutzfahrzeugen sei im Auftragseingang - auch bei der US-Tochter Freightliner - ein positiver Trend erkennbar. Freightliner soll 2002 die Gewinnschwelle erreichen.
Die DaimlerChrysler-Aktie legte bis zum Nachmittag leicht auf 50,30 Euro zu. Analysten äußerten sich positiv überrascht: „Was sie über Chrysler gesagt haben, ist nach meiner Ansicht eine kleine Sensation", sagte Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. Mercedes habe sein Ergebnis trotz der Anlaufkosten für die E-Klasse gehalten. „Ich sehe Anzeichen, dass die Probleme sich von strukturellen in konjunkturelle wandeln", sagte Robert Pottmann von M.M. Warburg. Händler nannten dagegen enttäuschend, dass Schrempp die als konservativ erachtete Gewinnprognose nicht angehoben habe.