Nein, es war kein erfolgreiches Jahr in der Geschichte von DaimlerChrysler. Der Kurs der Aktie setzte seinen langfristigen Abwärtstrend fort. Notierte das Papier des Stuttgarter Automobilkonzerns noch vor Jahresfrist um die 70 Euro, zahlt man derzeit an den Börsen noch rund 50 Euro je Aktie. Ein Wertverlust von fast 30 Prozent.
Wer den Shareholder Value auf seine Fahnen geschrieben hat und angetreten war, in diesem Zeichen zu siegen, muss nun gegenüber seinen Shareholdern anlässlich der Jahreshauptversammlung Rechenschaft ablegen. Die Rede ist vom großen Vorsitzenden des angehenden Welt AG des Automobilbaus, Jürgen Schrempp.
Massenveranstaltung
Erwartet werden am Mittwoch in Berlin 18.000 Shareholder, 4.000 mehr als im letzten Jahr. Das sind annähernd so viele wie beim alljährlichen Berlin-Marathon an den Start gehen. Und auch bei der anstehenden Veranstaltung in den Hallen der Berliner Messe wird es eine lange und zähe Tortur geben. Für Schrempp und den gesamten Vorstand wird es weniger darauf ankommen, ob sie den Aktionären den Kurs des Papiers hinreichend erklären können, sondern vielmehr ob es ihnen gelingt, das Szenario des erfolgreichen Global Players DaimlerChrysler wieder mit Leben füllen zu können.
Die Anträge zur Tagesordnung sind zahlreich und lassen eine heftige Welle des Zorns erwarten, die sich auf den Vorstand zu bewegt. Die Top-Mangager des Automobilriesen sehen sich massiven Vorwürfen ausgesetzt. Die Aktionäre drohen damit, dem Vorstand die Entlastung zu verweigern. Ihre Begründungen sind vielfältig. Zwei Punkte aber erregen ganz offensichtlich in besonderer Weise die Gemüter der Aktionäre: das Aktienoptionsprogramm, zu dem der Vorstand die Zustimmung der Hauptversammlung erreichen will, und die bislang unter einem schlechten Stern stehende Entwicklung der Chrysler Group.
Entlastung wahrscheinlich
Die Nicht-Entlastung des DaimlerChrysler-Vorstandes wird kaum mehrheitsfähig sein, zumal die Großaktionäre, Deutsche Bank und Kuwait sowie eine Reihe wichtiger institutioneller Anleger bereits ihre Bereitschaft zur Entlastung signalisiert haben.
Dennoch, das Stimmungsbarometer steht auf Sturm und das nicht ohne zureichenden Grund. Die einstmals als „Hochzeit im Himmel“ dargestellte Fusion unter Gleichen zwischen Daimler-Benz und Chrysler wurde vom nur allzu grauen Ehealltag eingeholt. Es kriselt, und mancher wünscht sich eine Trennung. Chrysler ist ein Sanierungsfall - die Entlassung von 26.000 Mitarbeitern ist Beleg genug.
Sanierungsfall und Rettungsaktion
Die Chrysler-Aktionäre sehen sich getäuscht. Spätestens nach einer Äußerung Schrempps in den Medien, wonach von vornherein keine gleichberechtigte Partnerschaft zwischen den beiden beteiligten Gesellschaften angestrebt gewesen sei, sondern eine Übernahme Chryslers durch Daimler-Benz, haben die Chrysler-Aktionäre Grund zur Klage. Der amerikanische Großaktionär Kirk Kerkorian handelt entsprechend und liegt im Rechtsstreit mit dem Konzern.
Das Engagement bei Mitsubishi, das das Standbein des Weltkonzerns in Asien werden sollte, geriet zur Rettungsaktion eines heruntergewirtschafteten Unternehmens - Ausgang ungewiss. Entlassungen auch hier.
Mißtrauen der Aktionäre
Weiteres kommt hinzu: Der Aktienkurs dümpelt dahin, und just zu diesem Zeitpunkt soll ein Aktienoptionsprogramm aufgelegt werden, dass es den Nutznießern der Optionen - in der Regel dem Management - erlaubt, schon bei relativ niedrigen Kursen gute Gewinne zu machen. In diesem Lichte erscheint vielen Aktionären die angestrebte Genehmigung einer Erweiterung des Kreditvolumens bei gleichzeitigem Rückerwerb eigener Aktien als Bereicherungsmaßnahme des Vorstandes.
All das wird die Wogen der Debatte hoch schlagen lassen. Und das ist gut so. Vorstände sind den Besitzern des Unternehmens - das sind die Aktionäre - verpflichtet. Ihnen, auch den kleineren Gruppierungen darunter, eine Plattform zu geben, ihre Kritik loszuwerden, ist sinnvoll - auch wenn es zuweilen vom Vorstand als Pflicht und nach Kant also als lästig empfunden werden mag.
