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Daimler : Ein Wundermotor, der zur Katastrophe wurde

Der Vierzylindermotor OM 651 Bild: dapd

Fehlerhafte Piezo-Injektoren im Vierzylindermotor OM 651 haben mehr als eine halbe Milliarde Euro Kosten verursacht. Die Blamage hat der Autohersteller bisher sorgsam unter der Decke gehalten.

          Der Motor mit der internen Bezeichnung OM 651 bringt Ingenieursaugen zum Glänzen, auch heute noch, vier Jahre nach der Markteinführung. Kaum mehr als 5 Liter Sprit braucht er selbst in der 204-PS-Spitzenversion, und beim Drehmoment kann der Vier-Zylinder-Diesel mit einem Acht-Zylinder-Benziner mithalten. Damals, im Herbst 2008, als die ersten Autos mit dem Wundermotor ausgerüstet wurden, sprach man von einer „Zeitenwende“, und noch heute ist man bei Mercedes stolz auf diesen Motor. Aber die Medaille hat zwei Seiten. Für viele im Daimler-Konzern steht das Kürzel OM 651 längst für einen Albtraum.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Der begann im Jahr 2009, knapp ein Jahr nach Markteinführung. Reihenweise versagten die Einspritzdüsen ihren Dienst, der Motor schaltete in den Notlauf, in der Werkstatt mussten die Piezo-Injektoren der Einspritzung ausgetauscht werden. Als die Pannenserie öffentlich wurde, sprach man bei Mercedes von einigen tausend Autos. Der Daimler-Vorstandsvorsitzende Dieter Zetsche bekundete, man habe das Problem im Griff, es sei erkannt und werde beseitigt, eine Kinderkrankheit. Im Griff hatte Daimler freilich nur die Kommunikation. Das Ausmaß der Entwicklungspanne ist bis heute geheim gehalten worden. Dabei waren nicht etwa einige tausend Autos betroffen. Mehr als 300.000 Mal mussten Mercedes-Autos wegen defekter Piezo-Injektoren die nächste Werkstatt anfahren. Betroffen waren alle Mercedes-Baureihen bis hin zur S-Klasse.

          Die Verantwortlichkeit ist nicht eindeutig

          Das Wort „Katastrophe“ verwenden Daimler-Manager in diesem Kontext, denn der Schaden ist enorm. Auf mehr als eine halbe Milliarde Euro werden die Kosten beziffert. Einen Teil des Geldes wird sich Daimler vom amerikanischen Zulieferer Delphi zurückholen. Rund 100 Millionen Euro sind schon geflossen, über den Rest wird noch verhandelt. Bis auf die Vorstandsetagen von Daimler und Delphi wird über die winzigen Düsen gestritten, die den Riesenschaden ausgelöst haben. Geliefert wurden sie zwar von Delphi, an der Konstruktion selbst haben aber auch Mercedes-Ingenieure getüftelt, also ist die Verantwortlichkeit nicht eindeutig. Schlimmer noch: Wissenschaftlich betrachtet, ist die Schadensursache immer noch nicht erwiesen. Das ist nicht nur für den Schadensausgleich zwischen Delphi und Daimler relevant, sondern auch für die Verkaufschancen in manchen Ländern, wo Behörden entsprechende Nachweise verlangen, etwa in Japan.

          Bitter ist das für Daimler, weil die Piezo-Injektoren damals als der letzte Schrei galten. „Unter Hochdruck extrem fein gesteuert von Hochleistungsrechnern, abhängig von der Last, von der Temperatur, vom Pedaldruck“, schwärmt noch heute ein Mercedes-Ingenieur. Die Zulieferer Bosch und Siemens VDO hatten 2005 sogar den Zukunftspreis des Bundespräsidenten erhalten, weil sie den Piezo-Injektor serienreif entwickelt und damit den Dieselmotor noch sparsamer gemacht hatten. Delphi setzte allerdings auf eine technisch noch anspruchsvollere Lösung, bei der das Piezo-Element im Kraftstoff schwimmt. Heute, so sagt man unter Technikern, sei das Prinzip ausgereift. Daimler aber greift für die „finale Reparaturlösung“ in die Schublade „Bewährtes“: Jetzt werden überwiegend Magnetventile verbaut, und zwar von Bosch. Die Performance ändere sich dadurch nicht merklich, heißt es bei Daimler, die Lösung sei nur teurer - dies nicht zuletzt, weil Bosch als Retter in der größten Not wohl eine ordentliche Marge für die Ventile durchsetzen konnte.

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