18.02.2007 · Daimler will Chrysler loswerden. Für den Autobauer wird das alles andere als billig. Die Schätzungen gehen bis zu zehn Milliarden Euro. Und wer hat Interesse an einer Firma, die zuletzt mehr als eine Milliarde Euro Verlust eingefahren hat?
Von Georg MeckDie Märkte sind unerbittlich. Nicht eine Sekunde haben sie den Abschied von der Welt AG betrauert. Kaum hatte Daimler-Chef Dieter Zetsche vorigen Mittwoch den Ausstieg aus dem Verlustbringer Chrysler angedeutet, kaum war der herbeigesehnte Satz verkündet („Wir prüfen alle Optionen“), kletterte die Aktie. Und mit jedem Namen, wer den amerikanischen Problemfall übernehmen könnte, steigt der Kurs seither noch ein wenig mehr. Die Empfehlung der Börse an den Daimler-Chef ist eindeutig: Nichts wie weg damit.
Bloß wer greift zu? Wer hat Interesse an einer Firma, die zuletzt mehr als eine Milliarde Euro Verlust eingefahren hat? General Motors (GM) wurde zum Wochenende in den amerikanischen Medien als Interessent gehandelt. Die Reaktion darauf zeigt vor allem eines: Die Partnersuche wird für Dieter Zetsche schwierig.
„Absolutes Desaster“
Die GM-Aktie sackte prompt ab, der aufgeschreckte Betriebsrat der GM-Tochter Opel warnte vor einem „absoluten Desaster“. Eine Fusion mit Chrysler sei das „Schlechteste, was wir uns wünschen“, sagte der Rüsselsheimer Betriebsratschef Klaus Franz am Samstag. Dies hätte „womöglich schlimme Folgen für die Arbeitsplätze und die Produktentwicklung bei Opel. Zwei Fußkranke ergeben noch keinen Marathonläufer.“ Bestätigt wird in Unternehmenskreisen nur, dass die beiden Firmen über eine Kooperation in einzelnen Projekten verhandeln. Genannt wird der Bau eines gemeinsamen Geländewagens auf Basis des „Cherokee“ von GM, der den benzinfressenden „Jeep“ von Chrysler ablösen könnte. Außerdem habe Chrysler Interesse an den Kleinwagen von GM Daewoo in Südkorea.
Die Ursachen der Chrysler-Misere sind hinlänglich bekannt: Die Autos sind zu groß, sie verbrauchen zu viel Sprit und verfehlen den Geschmack der amerikanischen Kunden. Die Ursachen der Krise fallen auf Daimler-Chef Zetsche zurück: Die heutigen Modelle wurden teils unter der Regentschaft von ihm und seinem Co-Retter Wolfgang Bernhard bei Chrysler entwickelt. „Schicke Autos, nur ein Jahrzehnt zu spät“, lästert ein hochrangiger Manager aus der Branche. Bernhard, einst gefeiert als „James Benz“, ist inzwischen weg, schon wieder auf Jobsuche, nachdem er auch bei der Zwischenstation Volkswagen ausgebremst wurde.
„Die Tür ist offen“
Dieter Zetsche dagegen sind alle Fluchtwege versperrt. Ausgerechnet der Mann mit dem Schnauzbart, der im Schulterschluss mit dem damaligen Vorstandschef Jürgen Schrempp die Fusion mit Chrysler eingefädelt hatte, der von 2000 bis 2005 die Tochter selbst geführt hat, arbeitet nun an der Abspaltung.
„Die Tür ist offen“, hat er am Mittwoch in Auburn Hills verkündet. Sie einfach wieder zuzuschlagen, das würden ihm die Investoren nicht verzeihen. Investmentbanker diskutieren nur noch die Art der Trennung: Partnerschaft mit einem anderen Hersteller, Abspaltung mit anschließendem Börsengang oder ein Verkauf als Ganzes. Teuer wird wohl jede Variante. Allein in Chryslers Pensionskasse muss ein Loch von 2,3 Milliarden Euro gestopft werden, dazu addieren sich die zu tragenden Kosten für die Krankenversicherung. Insgesamt wird der Kapitalbedarf auf bis zu 10 Milliarden Euro geschätzt. Hätte Zetsche in diesen heiklen Punkten vor seiner Ankündigung nicht bei potentiellen Interessenten vorgefühlt, dann wäre dies höchst ungeschickt, sagt ein Investmentbanker. „So viel Unprofessionalität ist einem Konzern wie Daimler nicht zuzutrauen.“
Beschädigte Marke
Zumal der Daimler-Vorstand gewarnt ist: Das Beispiel für eine missglückte Abspaltung lieferte Siemens mit seiner Handy-Sparte. Auch dort hatte der Vorstandsvorsitzende angekündigt, „alle Optionen“ für den Krisenherd zu prüfen. Von dem Tag an ging es nur bergab: Die Marke war beschädigt, die Verluste stiegen, der Wert der Sparte sank von Tag zu Tag. Am Ende musste Siemens froh sein, einen bis dahin unbekannten Asiaten als Abnehmer zu finden, der dazu noch 400 Millionen Euro Mitgift verlangt hat. Die BenQ-Pleite war der traurige Schlusspunkt.
In diese Falle will Zetsche nicht laufen. Und da der Mercedes-Stern nicht unter der Abspaltung leiden darf, kann Zetsche es sich auch nicht leisten, Chrysler an dubiose Investoren zu verkaufen. Mit der Suche nach Interessenten hat Daimler die amerikanische Investmentbank JP Morgan betraut. Deren Konkurrenten dienen sich jetzt der anderen Seite, den potentiellen Käufern, an. „Zumindest anschauen werden sich Chrysler alle“, sagt ein Frankfurter Banker.
Viel Zeit bleibt nicht
Wer meist als erster Kandidat genannt wird, ist Carlos Ghosn, Vorstandschef von Renault-Nissan. Für ihn spricht die Tatsache, dass er auf dem amerikanischen Markt Fuß fassen will. Mit Chrysler bekäme er auf einen Schlag Marke, Händlernetz und Produktion. „Nissan hatte Interesse an GM, da wäre es eine logische Überlegung, an Chrysler heranzutreten. Das würde mich nicht überraschen“, sagt Henning Gebhardt, bei der Fondsgesellschaft DWS für die Dax-Werte verantwortlich.
Der Sinn eines Zusammengehens mit GM oder Ford, die beide mit massiven Problemen zu kämpfen haben, erschließt sich dagegen erst auf den zweiten Blick: Eine Übernahme von Chrysler erleichterte ihnen den Abbau von Überkapazitäten am amerikanischen Markt und ließe die Kosten drücken. Voraussetzung für alle Szenarien ist freilich die neuerliche Sanierung Chryslers, verbunden mit dem Abbau von 13.000 Arbeitsplätzen und einer Reduzierung der Kapazität. Viel Zeit dafür hat Zetsche nicht.
Wer kauft Chrysler?
Eine Übernahme von Chrysler durch den amerikanischen Autohersteller General Motors wäre nach Einschätzung des Opel-Betriebsrats für die deutsche GM-Tochter ein „absolutes Desaster“. Eine Fusion wäre „das Schlechteste, was wir uns wünschen. Sie hätte womöglich schlimme Folgen für die Arbeitsplätze und die Produktentwicklung bei Opel“, warnte Betriebsratschef Klaus Franz am Samstag. „Zwei Fußkranke ergeben noch keinen Marathon-Läufer.“
Franz reagierte damit auf Berichte in den Vereinigten Staaten. Demnach erwägt Daimler-Chrysler, seine verlustreiche Tochter an GM zu verkaufen. Bestätigt wird in Unternehmenskreisen bisher nur, dass beide Firmen über Kooperationen in einzelnen Projekten sprechen. „Zumindest anschauen werden sich Chrysler viele Interessenten“, sagte ein Frankfurter Investmentbanker dieser Zeitung. Als Käufer kämen sowohl Autokonzerne wie Beteiligungsgesellschaften in Frage. Als Kandidat wird immer wieder Renault-Nissan genannt. „Nissan hatte schon Interesse an GM. Da wäre es eine logische Überlegung, an Chrysler heranzutreten“, sagte DWS-Fondsmanager Henning Gebhardt. „Die Marke Chrysler hat einen gewissen Wert.“ Nissan bekäme damit auf einen Schlag Händlernetz und Produktion in Amerika. Daimler-Chef Dieter Zetsche hatte Mitte der Woche eine Abspaltung von Chrysler angedeutet, indem er sagte, „alle Optionen sind offen“. (mec.)
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.368,84 | −1,82% |
| Dow Jones | 12.419,90 | −1,28% |
| EUR/USD | 1,2369 | 0,00% |
| Rohöl Brent Crude | 103,03 $ | −0,21% |
| Gold | 1.540,00 $ | −2,50% |
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