20.12.2006 · Craigslist mischt den Markt für Kleinanzeigen in Amerika auf. Als Gratisdienst im Netz. Den Zeitungen entgeht dadurch viel Geld, doch Craigslist macht das nicht reich.
Von Roland LindnerAb und zu läßt es sich auch Jim Buckmaster gerne einmal gutgehen. Bei seinem Trip nach New York ist er im supernoblen Traditionshotel Carlyle abgestiegen, wo das billigste Zimmer 650 Dollar die Nacht kostet. Eine Selbstverständlichkeit für jeden anderen amerikanischen CEO, aber Buckmaster will sich von der Masse abheben. Genauso wie das Unternehmen, das er führt.
Buckmaster ist CEO von Craigslist, einem Online-Marktplatz für Kleinanzeigen und einer der populärsten Internetadressen in Amerika. Das Unternehmen aus San Francisco pfeift aber auf die neue Interneteuphorie. Nur ein Schulterzucken hat Buckmaster übrig, wenn er auf Mega-Deals wie den Kauf der Videoseite Youtube durch Google für 1,65 Milliarden Dollar angesprochen wird.
Kein Hang zum Protzen
Buckmaster will nicht verkaufen, er will noch nicht einmal möglichst viel Umsatz und Gewinn machen. „Vielleicht der einzige CEO, den man je beschuldigte, ein Kommunist zu sein“, stellt er sich auf der Craigslist-Seite vor. Und auch wenn er gerade in der schicken Carlyle-Hotelbar einen Mojito schlürft: Einen Hang zum Protzen kann man ihm nicht vorwerfen. Andernfalls würde er sich wohl nicht mit seinem klobigen Blackberry erwischen lassen, der vor ihm liegt und offensichtlich älteren Datums ist: „Den habe ich gebraucht gekauft. Auf Craigslist. Für 75 Dollar“, sagt er.
Kaum zu glauben, daß dieser im Gespräch fast schüchtern wirkende Mann zum Totengräber einer ganzen Industrie hochstilisiert wird. Craigslist gilt mit seinen Kleinanzeigen als der Wilderer im Revier von Zeitungen. Auf der Craigslist-Seite stehen Anzeigen für Wohnungen, Jobs, Autos, Konzerttickets oder Partner - all die Dinge also, die traditionell in Zeitungen zu finden waren. Der Unterschied: Zeitungen verlangen für die Anzeigen Geld, Craigslist ist (weitgehend) umsonst. Das macht Craigslist zum Zerstörer einer wichtigen Umsatzquelle von Zeitungsverlagen.
Mit Yahoo, Google und Youtube in einer Liga
Für viele Amerikaner ist Craigslist heute die erste Anlaufstelle, wenn sie sich von Habseligkeiten trennen wollen oder wenn sie auf der Suche nach einem Schnäppchen sind. Das Marktforschungshaus Alexa zählt Craigslist zu den zehn meistbesuchten Internetseiten in Amerika - neben Yahoo, Google, Myspace oder Youtube.
Hinter Craigslist steht tatsächlich jemand mit dem Namen „Craig“: der 54 Jahre alte Craig Newmark, der das Unternehmen zusammen mit Buckmaster (44 Jahre) führt. Craigslist gehört nicht zu den jungen Senkrechtstartern wie Youtube, sondern ist schon mehr als zehn Jahre alt. Es begann mit einer Art Rundbrief, den Newmark per E-Mail regelmäßig an Freunde und Bekannte in San Francisco verschickte.
In 50 Länder expandiert
Newmark wies auf Veranstaltungen hin, die er für interessant hielt. Im Jahr 1995 entstand daraus ein Internetforum, und weil Newmarks Rundbrief unter seinen Empfängern ohnehin als „Craig's List“ bekannt war, behielt man den Namen gleich bei. Neben Veranstaltungen kamen immer mehr Kategorien hinzu, und die Seite wurde zu einem lebhaften Marktplatz.
Craigslist war lange Zeit eine lokale Sache in San Francisco, der Erfolg ermutigte Newmark aber im Jahr 2000, in andere Städte wie Chicago und New York zu expandieren. Zuletzt kamen immer schneller neue Orte hinzu, auch im Ausland. Heute gibt es Craigslist für 450 Städte in 50 Ländern. Allein im November waren es auf einen Schlag 135 Neuzugänge. In Deutschland gibt es eine Craigslist-Seite für acht große Städte wie Berlin und München, allesamt aber noch in englischer Sprache.
Umsätze und Gewinne sind nicht das Wichtigste
Buckmaster sieht Parallelen zwischen Craigslist und dem Online-Lexikon Wikipedia. In beiden Fällen sind Umsätze und Gewinne nicht das Wichtigste. Während hinter Wikipedia aber eine gemeinnützige Stiftung steht, ist Craigslist ein auf ein Gewinn ausgerichtetes Unternehmen - nur eben mit genügsamen Zielen. „Solide oberhalb der Gewinnschwelle zu liegen“ ist der Anspruch von Buckmaster, „und das schaffen wir heute auch“.
Um das dafür nötige Geld in die Kasse zu bringen, verlangt Craigslist für einen kleinen Teil seiner Anzeigen Gebühren: In sieben amerikanischen Städten sind Job-Angebote nicht umsonst, sondern kosten bis zu 75 Dollar. In New York kosten Wohnungsanzeigen 10 Dollar, aber nur wenn sie von Maklern geschaltet werden. Craigslist nennt seinen Umsatz nicht, in der Branche kursieren Schätzungen zwischen 15 Millionen und 25 Millionen Dollar, die Buckmaster als nicht völlig abwegig bezeichnet. Die Kosten dürften sich in Grenzen halten: Craigslist hat nur 23 Mitarbeiter.
Die Zeitungen verlieren in großem Stil
Die Umsätze des Unternehmens sind aber nichts gegen den Betrag, den Zeitungsverlage wegen Craigslist verlieren. Eine Studie des Branchendienstes Classified Intelligence Report kam zu dem Schluß, daß Craigslist allein in der Gegend um San Francisco den großen Zeitungen einen Umsatz von 50 Millionen Dollar im Jahr wegnimmt. Buckmaster meint, solche Summen seien übertrieben, sein Mitleid hält sich in Grenzen: „Die Zeitungen machen nach wie vor ein Riesengeschäft mit Kleinanzeigen. Vielleicht wächst es nicht mehr, aber es ist immer noch ziemlich stabil.“
Buckmaster weiß, daß er sich die neue Goldgräberstimmung im Internet zunutze machen könnte: „Wenn ich mehr Umsatz will, kann ich das von einem Tag auf den anderen.“ Etwa mit Werbung von Dritten auf der Craigslist-Seite. Schließlich ist Internetwerbung ein Riesengeschäft, wie man am Erfolg von Google sieht. Buckmaster will aber nur dann Werbung zulassen, wenn Nutzer dies verlangen - und das tun sie nicht.
„Craig und ich haben nicht vor, Kasse zu machen“
Ebensowenig kommt ein Verkauf oder ein Börsengang in Frage: „Craig und ich haben nicht vor, Kasse zu machen. Und die Wall Street kann einem das Leben zur Hölle machen.“ Hier sieht Buckmaster auch den größten Wettbewerbsvorteil von Craigslist gegenüber Google oder Ebay, die mittlerweile ähnliche Angebote haben: „Uns kommt in der Gemeinde zugute, daß wir nicht geldgetrieben sind. Börsennotierte Unternehmen werden sich letztlich immer dazu gezwungen fühlen, etwas zu tun, das nicht im Interesse ihrer Nutzer ist.“
Jim Buckmaster führt als CEO das Tagesgeschäft, während Gründer und Namensgeber Craig Newmark das Unternehmen stärker in der Öffentlichkeit repräsentiert und sich ansonsten um strategische Fragen kümmert. Buckmaster hat nicht nur seinen Blackberry über Craigslist bekommen, sondern auch seinen Job: Im Jahr 1999 stellte er seinen Lebenslauf auf die Seite, nachdem er als Programmierer arbeitslos geworden war. Newmark wurde auf ihn aufmerksam, stellte ihn ein und machte ihn bald zum CEO.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.947,17 | −0,61% |
| EUR/USD | 1,3195 | −0,67% |
| Rohöl Brent Crude | 117,61 $ | −0,91% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |