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Costa Concordia-Havarie : „Das Hindernis ragte aus dem Wasser“

  • Aktualisiert am

Bild: REUTERS

Der Felsen, der vom italienischen Kreuzfahrtschiff Costa Concordia gerammt wurde und zur Havarie des Schiffs führte, war nicht unter Wasser versteckt, sondern ragte aus dem Wasser heraus. Dies sagte der Präsident der Costa-Reederei Foschi im Interview mit der F.A.Z.

          Herr Foschi, wie konnte es passieren, dass ein Schiff mit modernster Technologie auf ein Riff unterhalb der Wasseroberfläche fährt?

          Die Costa Concordia ist nicht auf ein Riff unter Wasser aufgelaufen, sie hat Felsen gerammt, die aus dem Wasser herausragten. Natürlich haben unsere Schiffe einen Autopiloten, der sofort warnt, wenn das Schiff vom festgelegten Kurs abkommt. Aber der war bei der Havarie der Costa Concordia abgeschaltet. Das Schiff wurde manuell gesteuert, mit dem Kapitän, der mit Kommandos Kurs und Geschwindigkeit bestimmte, und einem Offizier am Steuer, der die Befehle ausführte. Sie haben das Hindernis, eine Reihe von Klippen vom Festland bis ins Meer, nicht gesehen.

          In Italien wird darüber diskutiert, dass immer wieder Schiffe nahe an Inseln fahren, dafür wird das Wort „Verneigung“ gebraucht. Steckte darin der Fehler?

          Es ist nicht verboten, sich mit einem Schiff der Küste anzunähern, solange das in aller Sicherheit geschieht. Das gehört zur Schifffahrt mit Touristen, wo den Fahrgästen auch ein Spektakel geboten werden soll. Aber es ist verboten, der Küste zu nahe zu kommen. Zuletzt haben wir im August eine Annäherung an die Küste autorisiert und dies im Voraus der Küstenwache gemeldet. Das schließt nicht aus, dass der Kapitän der Costa Concordia ohne vorherige Genehmigung näher an die Insel Giglio fahren durfte. Auf dem Tagesplan, der in allen Sprachen an die Passagiere verteilt wurde, stand allerdings, dass um 21.30 Uhr die Insel Giglio in einer Entfernung von 5 Meilen zu sehen sei.

          Im Mittelpunkt der Untersuchungen steht nun der Kapitän Schettino. Wie konnte eine solche Person zum Kapitän befördert werden?

          Kapitän Schettino arbeitete seit elf Jahren bei Costa Crociere. Er wurde als Sicherheitsoffizier eingestellt, war dann Nummer zwei seit 2002 und seit 2006 Kapitän. Um Kapitän zu werden, muss man alle Voraussetzungen der Ausbildung haben, als Offizier mit verschiedenen Aufgabenbereichen gearbeitet haben. Vor der Beförderung wird aber auch das Verhalten des Kandidaten von den Vorgesetzten und von einem Ausschuss der Firma beurteilt. Auch die Kapitäne unterliegen der Aufsicht. Kapitän Schettino war nie in einen Unfall verwickelt. Er galt als autoritär und eher schwierig, aber das besagt nichts bei der Beurteilung der Fähigkeiten als Kapitän. Es ist nicht so schwer, technische Fähigkeiten zu beurteilen, es ist sehr schwierig, das Wesen und das Verhalten eines Menschen zu verstehen.

          Es gibt Kritik, dass die Besatzung der Costa Concordia bei der Evakuierung der Passagiere überfordert war. Haben Sie genug in die Ausbildung investiert?

          Jedes Schiff wird alle sechs Monate nicht nur technisch geprüft, sondern zugleich auch das Sicherheitstraining der Besatzung. Die Küstenwacht und jeder Hafen können nicht nur Papiere, sondern eine praktische Übung verlangen. Bei der Costa Concordia gab es zuletzt im November eine Übung für das allgemeine Sicherheitszertifikat, im Dezember eine weitere für zusätzliche, über die normalen Vorschriften hinausgehende Zertifikate. Ob Koch oder Matrose, alle müssen für die Rettung ausgebildet sein.

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          Costa-Präsident Foschi: „Das Schiff ist auf jeden Fall verloren.“ : Bild: dapd

          Was ist also auf der Costa Concordia schiefgelaufen?

          Wir untersuchen gerade die Abfolge der Kommandos. Zwischen dem Unfall und dem Kommando für die Evakuierung ist zu viel Zeit vergangen. Normalerweise gibt es ein erstes Kommando an die Besatzung, sich auf ihre Posten zu begeben, dann den Signalton für alle, sich zu den Rettungsbooten zu begeben, schließlich den Befehl zum Verlassen des Schiffs. Es scheint, als sei das erste Kommando an die Besatzung nicht gegeben worden, sie kam daher gleichzeitig mit den Passagieren zu den Rettungsbooten. Wenn sich dann ein Schiff zur Seite neigt, ist es irgendwann unmöglich, die Rettungsboote zu Wasser zu lassen.

          Das Schiff war später ohne Licht. Gibt es keine Vorkehrungen dagegen?

          Es ist nicht einfach zu vermitteln, wie schwer der Unfall gewesen ist. Die Motoren standen unter Wasser, es gab einen Stromausfall, doch der Notgenerator ist sofort angesprungen. Als sich das Schiff zur Seite neigte, erhielten die Benzinpumpen für den Notgenerator keinen Treibstoff mehr, und er ist ausgefallen. Da war aber die Evakuierung schon fast abgeschlossen.

          Schiffsunglück : „Problem an Bord?" - Erster Funkspruch der Costa Concordia

          In Deutschland sagen Passagiere im Fernsehen, sie hätten nichts mehr von Costa gehört.

          Manche Passagiere haben sich auf eigene Faust auf den Rückweg gemacht, doch wir versuchen alle zu Hause zu kontaktieren. Wir haben von 631 in Deutschland gebuchten Gästen bisher nur 45 nicht erreicht. Von denen kamen 30 aus Russland, daher fehlen uns noch 15 deutsche Passagiere. Wir hatten 4200 Personen zu betreuen, und das hat einigermaßen funktioniert. Es kann aber sein, dass einiges nicht perfekt ist. Derzeit versuchen wir sofort den materiellen Schaden zu begleichen. Danach kommt die schwierige Frage der immateriellen Schäden.

          Was wird aus dem Schiff?

          Noch suchen wir nach Opfern, noch gibt es Vermisste. Wir müssen noch die Notstandsmaßnahmen für die Passagiere abschließen. Zurzeit gibt es technische Untersuchungen für das Abpumpen des Treibstoffs. Dann soll das Schiff aufgerichtet und weggeschleppt werden. Das Schiff ist auf jeden Fall verloren.

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          Werden Sie weitere Schiffe bauen?

          Wir hoffen, dass wir das Vertrauen der Kunden behalten werden, dass wir auch den Gedanken der Sicherheit der Kreuzfahrtschiffe vermitteln können. Dann werden wir neue Schiffe bauen, nach neuesten technischen Anforderungen, in die auch die traurigen Erfahrungen mit der Costa Concordia einfließen werden.

          Die Fragen stellte Tobias Piller.

          Quelle: F.A.Z.

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