08.08.2002 · Bilanzskandale lassen Anleger hellhörig werden. Doch wenige deutsche Unternehmen preschen vor bei Fragen der Führung und Kontrolle. FAZ.NET-Umfrage.
Von Natascha LenzZwischen Baisse und Bilanzskandalen interessieren sich Kleinanleger immer mehr dafür, wie die Unternehmen, deren Aktien sie halten, überhaupt geführt und kontrolliert werden. Fragen, die in Deutschland jetzt im Corporate-Governance-Kodex regelt sind. Doch eine FAZ.NET-Umfrage zeigt: Die wenigsten Unternehmen nutzen dies als Gelegenheit, um sich am Kapitalmarkt zu profilieren. Erst die Hälfte der Dax-30-Konzerne hat sich entschlossen, die Empfehlungen im nächsten Geschäftsbericht aufzunehmen.
Bis Ende des Jahres müssen deutsche Unternehmen gemäß dem Corporate-Governance-Kodex erklären, ob sie den Empfehlungen zur verantwortungsvollen Unternehmensführung nachkommen wollen, die eine Regierungskommission aus Firmenchefs, Aktionärsvertretern, Gewerkschaftern und Wissenschaftlern erarbeitet hat. Für die Unternehmen auch eine Möglichkeit, um auf Aktionäre und Kapitalmarkt zuzugehen und vielleicht Zweifel durch Offenheit und Transparenz zu zerstreuen. Die Hälfte der Dax-30-Unternehmen hat allerdings noch nicht geklärt, ob sie die Standards im nächsten Geschäftsbericht berücksichtigen wird.
Firmen beraten intern über die Umsetzung
Bestandteil des nächsten Jahresberichts soll der Kodex bei 15 Unternehmen sein. Doch bei vielen wird intern noch diskutiert, inwieweit sich die Unternehmen an die Standards halten. Denn der Kodex besteht aus Empfehlungen, die in den Konzernen nach dem Grundsatz „Comply or explain“ umgesetzt werden. Entweder die Firmen folgen den Vorschlägen oder sie erklären Abweichungen im Geschäftsbericht.
Interessant sind vor allem Unternehmen, die statt durch Lücken durch Übererfüllung glänzen. Der Kodex lässt nämlich Raum für die Kür: Anregungen, die die Unternehmen aufnehmen können. Beachten sie die Vorschläge nicht, folgen sie trotzdem offiziell dem Kodex. Prominentestes Beispiel: die Offenlegung der einzelnen Vorstandsgehälter. Bis jetzt haben lediglich die Deutsche Bank, Schering und ThyssenKrupp, das mit Aufsichtsratschef Gerhard Cromme den Vorsitzenden der Regierungskommission stellt, öffentlich erklärt, dass sie die Vergütungen ihrer Vorstände getrennt und nicht als Summe ausweisen. Ein Punkt, der in Zeiten von Sparmaßnahmen und Kündigungswellen Mitarbeiter wie Aktionäre interessiert. Ein Drittel der Dax-Unternehmen, darunter die Allianz, Epcos oder die Lufthansa, hat dagegen betont, dass diese Angaben keinen Mehrwert für ihre Anteilseigner haben und nicht veröffentlicht werden.
Empfehlungen bereits „gängige Praxis“
Statt dessen klopfen sich viele Konzerne auf die Schulter. Die Standards seien zu einem Großteil bereits Praxis, heißt es aus zahlreichen Firmenzentralen. Adidas sitzt daran, eigene Leitlinien zu erarbeiten. In welche Richtung dies geht, bleibt abzuwarten. Jens Wolfram von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft und Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers Deutsche Revision (PwC) weist darauf hin, dass die Standards des Corporate-Governance-Kodex nur ein Mosaikstein auf dem Weg zur besseren Unternehmensführung und -kontrolle sind. Entscheidungen zu Corporate-Governance-Fragen sind keine Schnellschüsse, so Wolfram. Nicht nur, dass auch die Nachfolger von Vorständen und Aufsichtsräten die Entscheidungen mittragen müssten. Sich mit solchen Fragen auseinander zu setzen, binde enorme Kapazitäten in den Konzernspitzen, die in schlechten Zeiten eher damit beschäftigt seien, wichtige Unternehmenskennzahlen wieder ins Lot zu bringen. Möglicherweise ein Grund für den Finanzdienstleister MLP, der sich an der Umfrage nicht beteiligte.
Siemens und Infineon als Trendsetter?
Doch Regeln allein ändern gar nichts, wenn es an Vorbildern mangelt, betonte Allianz-Finanzvorstand Paul Achleitner, selbst Mitglied in der Regierungskommission, die als ständige Einrichtung die Entwicklung bei den Unternehmen verfolgen wird. Maßstäbe könnte Siemens und Infineon setzen. Laut FAZ.NET-Umfrage werden beide Konzerne als erste im Dax noch in diesem Jahr einen Geschäftsbericht herausgeben, in dem sie auf die Empfehlungen des Kodex eingehen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2478 | −0,08% |
| Rohöl Brent Crude | 106,73 $ | −0,11% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
Anonym bewerben? Ist das gut?