06.03.2010 · Das Unbehagen ist seit Jahrhunderten das gleiche: Dass jemand als Spekulant Geld verdient, gilt als verwerflich. Auch im Fall von Griechenland. Die Spekulanten seien schuld an der Misere, sagen Politiker. Was für ein Missverständnis!
Schon als die größte Börsenstadt der Welt noch Amsterdam hieß, also im 17. Jahrhundert, klagten die Leute dort über den unnötigen „Windhandel“. Auch in Deutschland ist der Ärger über die Spekulanten alt. Nachdem Ende des 19. Jahrhunderts das Getreide teurer wurde, verbot das Deutsche Reich dessen Terminhandel.
Das Unbehagen dahinter ist seit Jahrhunderten das gleiche. Dass jemand Geld verdient, indem er Geld hin und her schiebt: Das gilt als verwerflich. Auch im Fall von Griechenland. Die Spekulanten seien schuld an dessen Misere, sagen Politiker in ganz Europa und in allen Parteien.
Doch halt: Waren es etwa die Spekulanten, die das Konto des griechischen Staates überzogen haben? Wohl kaum: Sie haben die Welt nur mit der Nase darauf gestoßen, dass ein Staatsdefizit von zwölf Prozent der Wirtschaftsleistung auf Dauer nicht auszuhalten ist.
Wie viel Gutes sie damit tun, wird leicht unterschätzt. Die Folgen von Griechenlands Sparprogramm scheinen schließlich sehr sichtbar: Gehaltskürzungen, Demonstrationen, manche Leute werden arm. Die Leistung der Spekulanten klingt dagegen technisch und herzlos: Spekulanten helfen, das Ersparte der Volkswirtschaften dorthin zu bringen, wo es am besten wirkt. In diesem Fall heißt das: das Geld aus einem Land herauszuhalten, das seine Schulden nicht in den Griff bekommt.
Dafür sind nicht nur die Investoren wichtig, die griechische Staatsanleihen kaufen. Sondern auch die, die mit Instrumenten wie den „Credit Default Swaps“ schlicht darauf wetten, dass Griechenland pleitegeht. So eine Wette kann man nur gewinnen, wenn die Finanzlage tatsächlich mies ist. Da gucken Spekulanten viel genauer hin als die Europäische Statistikbehörde, die Griechenlands Schummeleien lange durchgehen ließ. Die Finanzwelt wusste davon schon lange. Nach dem neuen Defizit haben die Spekulanten Griechenland jetzt ins Fadenkreuz genommen, die Augen der ganzen Welt auf das Problem gelenkt – und endlich beginnt, was viel früher hätte kommen müssen: die Sanierung Griechenlands. Der EU war es vorher jahrelang nicht gelungen, dessen Regierung zur Haushaltsdisziplin zu zwingen.
Vor dem Beitritt zum Euro erhöhten die Griechen unbedeutende Steuern wie die auf Autos und ließen die Beamtengehälter etwas langsamer steigen als geplant. Es reichte nicht. 2004 korrigierte eine neue Regierung die Defizitstatistik nach oben – die EU sah darüber hinweg. Griechenland hob danach die Mehrwertsteuer um einen Prozentpunkt und kündigte eine Aufklärungskampagne zur Steuerhinterziehung an. Bald wurde das Defizit wieder nach oben korrigiert.
Jetzt endlich steigt die Mehrwertsteuer um zwei Prozentpunkte, die Renten werden eingefroren, Beamtengehälter gekürzt. Als das einmal angekündigt war, bekam Griechenland auch wieder neuen Kredit.
Ähnlich hilfreich waren die Spekulanten beim Öl: Dessen Preis trieben sie 2008 auf immer neue Rekorde – und erinnerten die Welt daran, dass sie nicht zu viel Öl verbrauchen sollte. Plötzlich kauften viele Leute kleinere Autos, am liebsten mit Elektromotor.
Klar: Spekulanten sind nicht immer ehrlich. Und auch die ehrlichen irren sich manchmal. Mit amerikanischen Hypothekenkrediten haben sie sich zum Beispiel gefährlich verschätzt. Die Folgen dessen zeigen, wie wichtig ihr Job eigentlich ist – und welche Probleme es gibt, wenn er falsch erledigt wird. Dann werden in Amerika Tausende von Häusern gebaut, die kein Mensch bezahlen kann, und anschließend gehen die Banken pleite. Ohne Spekulanten würden solche Irrtümer viel öfter passieren.
Ihre Aufgabe kannten schon die alten Römer – zumindest das Wort. „Speculare“ hieß bei ihnen: beobachten. Die Welt sollte sich Leute leisten, die ihr Geld damit verdienen, genau hinzuschauen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.544,70 | +0,72% |
| EUR/USD | 1,2488 | −0,42% |
| Rohöl Brent Crude | 106,23 $ | −0,96% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
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