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Computerviren Kammerjäger machen Überstunden

08.02.2004 ·  Computerviren bedrohen die Sicherheit im Internet und legen ganze Systeme lahm. Da hilft nur Aufrüsten - gut für die Hersteller von Antiviren-Software.

Von Thorsten Wiese
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Der Mann, der für die Netzwerksicherheit eines Automobil-Zulieferkonzerns in Süddeutschland zuständig ist, weiß genau, was Viren und Würmer im Unternehmen anrichten können. Zum Beispiel dieses: "Sie sind nicht mehr lieferfähig, Sie können nichts mehr beschaffen. Bei uns würde die ganze Produktion lahmliegen", sagt er. Gerade die Zulieferindustrie und ihre Abnehmer lehrt ein solches Szenario das Fürchten. Produktionsstopp am Fertigungsband bei VW und BMW?

Ganz so weit hätte es wohl nicht kommen können, als in den vergangenen zwei Wochen der Wurm "Mydoom" (deutsch "mein Untergang") die Netzwerke deutscher Unternehmen unsicher machte. Und dennoch: Die Angst vor Internet-Schädlingen in der Wirtschaft ist groß. "Mydoom", der schnellste Wurm aller Zeiten, ließ beim amerikanischen Software-Unternehmen SCO vergangenen Sonntag die Internet-Präsenz komplett zusammenbrechen. Das Unternehmen setzte daraufhin ein Kopfgeld von 250.000 Dollar auf den Programmierer von "Mydoom" aus. Ersten Berechnungen zufolge ist der Wurm für noch höhere Schäden verantwortlich als der bisherige Oberschädling Sobig, der 2003 rund 30 Milliarden Dollar Kosten verursachte.

Ein ruhiges Gewissen

Auch in Deutschland schlackern den Unternehmern die Knie. Schon vor vier Jahren richtete der Virus "I love you" immense Schäden in Firmennetzwerken an. Danach kamen etliche andere. Branchenkennern gibt die Situation Anlaß genug, schon im Januar zu orakeln, 2004 werde das "Jahr des Super-Wurms". Gerüchte um Industrie-Spionage per Internet und die Angst vor dem sogenannten "Cyberterrorismus" kommen hinzu - längst gibt es im Internet Virenbaukästen. Das schürt Unwohlsein - und belebt die Konjunktur für Programme, die den Datenaustausch schützen sollen.

Die Produzenten von Virenscannern und Firewalls beobachten das Geschehen mit freudiger Gelassenheit - und das mit gutem Grund. In den letzten Tagen bekam der Weltmarktführer für Antiviren-Software Symantec 50 Prozent mehr Kundenanfragen. Deutschland-Chef Hans-Peter Bauer ist zufrieden. "Bei starken Ausbrüchen von Viren kommt immer die Angst. Wir geben dem Kunden ein ruhiges Gewissen."

Computer sind wie Menschen

Deutsche Unternehmen rüsten auf. Neben Großbritannien ist Deutschland für die Hersteller der wichtigste Markt für Antivirus-Software in Europa. Und der Markt wächst in Raten, die an den Technologie-Boom der neunziger Jahre erinnern. Der britische Anbieter Sophos erwartet gegenüber dem Vorjahr weltweit einen Umsatzzuwachs von 129 Prozent, mehr als 40 Prozent meldet der größte deutsche Anbieter H + BEDV für 2003. Symantec geht zum Abschluß des Geschäftsjahres im April von einem Zuwachs um 30 Prozent auf 1,82 Milliarden Dollar aus.

Umsatz- und Personalwachstum der Branche werden bis 2007 weitergehen, hat die Unternehmensberatung Frost & Sullivan errechnet. Sie prognostiziert für die nächsten drei Jahre im Weltmarkt eine Umsatzverdopplung und durchgehend zweistellige Zuwachsraten. Mit dem Internet läßt sich also doch noch Geld verdienen. Das gilt nicht nur für die Global Player der Branche. Auch kleine haben im Markt ihren Platz. Denn letztlich sind Computer wie Menschen. "Es gibt keinen Impfstoff, der gegen alles wirkt. Es muß maßgeschneiderte Lösungen für jedes Unternehmen geben", sagt der Inhaber des Hamburger IT-Sicherheits-Dienstleisters HNST, Bülent Caliskan.

Wachsendes Unsicherheitsgefühl

Und doch tun deutsche Firmen zuwenig für die Sicherheit ihrer Netzwerke, klagt Ulrich Sandl, Referatsleiter IT-Sicherheit beim Bundeswirtschaftsministerium. So mancher Mittelständler hat sich noch gar nicht mit der Materie beschäftigt. Das bereitet der Politik einige Sorge. Das Ministerium legt daher im Februar eine "Sensibilisierungskampagne" auf, die die Aufmerksamkeit des Mittelstandes auf die IT-Sicherheit lenken soll. Ihm fehlt häufig das Geld für ausgiebige Sicherheitstechnik. Sieben von zehn Firmen wollten 2003 ihre Investitionen in die IT-Sicherheit einfrieren oder senken, so das Ergebnis einer Studie des Beratungsunternehmens Mummert Consulting.

Dennoch werden sie nicht umhinkommen, ihr Gewissen am wachsenden Unsicherheitsgefühl zu messen. Die Software-Hersteller wird es freuen. Hundertprozentige Sicherheit gibt es trotz allen technischen Fortschritts nicht. "Wir können nur 99 Prozent garantieren", sagt Hans-Peter Bauer. Und auch die müssen mit immer neuen Updates erkauft werden. Mehr als 60.000 Viren und Würmer sind weltweit bislang identifiziert worden. Monatlich werden etwa 400 neue programmiert.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.02.2004, Nr. 6 / Seite 39
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