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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Computersicherheit Die Angreiferin

 ·  Natalya Kaspersky hatte einst eine der besten Firmen zum Schutz vor Computerviren gegründet. Dann kam ihr Sturz. Jetzt will sie es nochmal wissen.

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© dpa Natalya Kaspersky

Vier Kinder, fünf Firmen, vielfache Millionärin, und ihr Hobby ist die Wissenschaft von der künstlichen Intelligenz. Sie war eine der ersten Virenjäger der Softwareindustrie, hatte im Moskau der neunziger Jahre aus dem Nichts eines der erfolgreichsten Unternehmen der Branche aufgebaut, verdiente damit ein Vermögen, trennte sich von ihrem Geschäftspartner, Ehemann und Mitaktionär, brachte die Scheidung glücklich hinter sich, verkaufte ihre Anteile an der gemeinsamen Firma und will es nun noch einmal wissen - in Russland, in Deutschland, in Europa und der Welt.

Natalya Kaspersky ist auf dem 20 Milliarden Euro großen Markt für Computersicherheit wieder voll im Spiel. Die studierte Mathematikerin lernte das große Einmaleins der Branche, hat sich gerade ein paar Eisen ins Feuer gelegt und eine Handvoll Firmen gegründet oder gekauft - die vielversprechendsten in Deutschland. Die Fäden laufen bei Infowatch zusammen, einer russischen Sicherheitsfirma für digitale Daten mit acht internationalen Niederlassungen. Sie ist Kasperskys Steuer-, Lenk- und Leitzentrale.

Mit Mitte 40 hat sie den Befehlshügel noch einmal erklommen, spielt noch mal mit hohem Einsatz, hat große Ziele. Dafür arbeitet sie an vielen Fronten: Software und Rechner, egal ob Desktop-, Laptop- oder Tabletcomputer. Sie verfolgt Viren, Trojaner, Schadware und Spammails, ist auf den Spuren digitaler Heckenschützen, virtueller Spione und Datendiebe. Verbrecherjagd im 21. Jahrhundert, Hack-Attack.

Sie weiß, wie das geht; sie hat das alles schon mal gemacht. Vor eineinhalb Jahrzehnten hatte sie mit ihrem Mann Eugene in Moskau die Kaspersky Labs gegründet. Er machte die großen Sprüche, sie holte die großen Aufträge; er war gut im Marketing, sie war gut im Management. Aus dem Namen wurde eine Marke, aus der Marke ein profitables Geschäft. Sicherheitsprogramme von Kaspersky laufen heute auf Computern in aller Welt, in Deutschland scheinen sie besonders beliebt zu sein.

Gemeinsam zogen die Kasperskys für kleine und mittelständische Firmen digitale Brandwälle hoch, sie ließen Software schreiben und Abwehrkonzepte entwickeln, sie griffen die Angreifer an und waren lange Zeit das Traumpaar der Branche. Eines Tages war der Traum ausgeträumt, zerschellt, zerplatzt, am Ende. Eugene und Natalya gingen getrennte Wege. Seitdem haben sie sich oft gesehen, doch nie gesprochen. „Schade“, sagt er. „Es gibt keinen Grund“, meint sie. Er übernahm die alte gemeinsame Firma, sie ein paar neue Beteiligungen; er liebt schnelle Autos, sie ihre Kinder; er mag das Segeln auf dem weiten Meer, sie die Bücher von Tolstoi und das Skifahren in den Alpen; er setzt auf die Kaspersky Labs, sie auf ihre kleinen Firmen.

Mit ihnen sucht sie nun die Offensive. Konkurrenten wie Symantec und Imperva haben ihr Tun und Treiben fest im Blick. In der Branche beobachtet jeder jeden. Sie sind zwar Konkurrenten, doch auch Partner und Verbündete für sicherere Geschäfte im Internet. Dort verursachen Angriffe wie die auf Sony oder Lockheed im vergangenen Jahr riesige Schäden - wirtschaftliche und menschliche, wie Natalya Kaspersky während eines einstündigen Interviews in Hannover sagt.

Noch heute nennt Eugene sie eine „der besten Managerinnen, mit der ich je zusammengearbeitet habe“. Sie habe den Intelligenzquotient eines Genies, lernte Deutsch während minutiöser Verhandlungen um Kundenverträge zwischen Bonn und Berlin und halte keine langen Reden. Jeder Satz ist ein Befehl, klare Ansage, Gefühle haben im Business nichts verloren. Diese Lektion hatte sie im Moskau der wilden neunziger Jahre lernen müssen. Sie sei zwar weich in ihrer Erscheinung, aber hart in der Sache, sagt Eugene. Er muss es wissen. Sie weiß, was sie will, und sie will ganz vorn mitmischen.

Gerade hat der IT-Riese IBM einen Bericht zur Lage in Netzwerken vorgelegt. Dort ist von Sicherheit kein Rede mehr. Die Kriminalität im Internet boomt. Im Datennetz wird gelogen, betrogen und gestohlen. Datenklau und Kreditkartenbetrug, organisierte Kriminalität, Spionage und Sabotage. Die Angriffe werden raffinierter, die Angreifer besser. Kaspersky führt einen Kampf gegen Windmühlen. Es ist ein Riesengeschäft. Sie will es noch einmal wissen.

Dafür hat sie in einem Aktientausch gerade alle Teile an den einst von ihr aufgezogenen und zu einem der Marktführer entwickelten Kaspersky Labs an ihren geschiedenen Mann zurückgegeben und im Gegenzug sämtlich Anteile an Infowatch erhalten. Während in Moskau, Paris und New York reiche Russinnen über die Einkaufsmeilen stöckeln, Kleider von Chanel oder Taschen von Hermes kaufen, erwarb Kaspersky unter anderem die Kasseler Firma Egosecure, gründete die Firma Nanosemantics und engagiert sich in Entwicklungsprojekten zur künstlichen Intelligenz.

„Der Dialog von Computer zu Computer, das ist es, was mich interessiert“, sagt sie. Der Mensch und seine Maschinen. Eine neue Welt in einem neuen Jahrtausend. Sprache und Bedeutung, Semiotik und Kryptographie, die Lehre von den Zeichen, von ihrer Verschlüsselung und ihrer Entschlüsselung. Natalya Kaspersky hat damit noch einiges vor und wohl noch vieles vor sich.

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Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft.

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