09.09.2008 · Verflüssigtes Kohlendioxid soll künftig im Erdreich gespeichert werden. Dafür wurde jetzt eine erste Pilotanlage in Betrieb genommen. Beim Publikum wird es die neue Technologie schwer haben, denn sie vereint zwei Schlüsselreize, auf die die Öffentlichkeit allergisch reagiert: technologische Großprojekte und Energiekonzerne.
Von Andreas MihmKohle ist schmutzig. Um das zu wissen, muss man nicht mehr in den Pütt einfahren oder im Keller Koks schaufeln. Zeitungslektüre reicht. Kohle, einst als „schwarzes Grubengold“ gefeiert, hat eine beeindruckende Metamorphose hinter sich. Heute gilt sie als „Klimakiller Nummer eins“. Ob schwarz, ob braun – dreckiger geht’s kaum.
Doch die Energieindustrie, die den kohlendioxidhaltigen Brennstoff braucht, um daraus Strom zu produzieren, will den Ruf des Umweltverpesters ablegen. Was in den siebziger Jahren mit dem Einbau von Rauchgasentschwefelungsanlagen zur Abscheidung von Schwefeldioxid gelang, soll beim Kohlendioxid wiederholt werden. In aufwendigen Verfahren soll das Klimagas abgetrennt, aufgefangen, abtransportiert und im Erdreich gespeichert werden. Die Technologie firmiert unter CCS – Carbon Capture and Storage. Eine erste Pilotanlage dazu wurde jetzt in Brandenburg in Betrieb genommen (siehe Kohlendioxid in die Erde). Startschuss zur Weißwaschung der Kohle, Teil zwei.
Konzerne hoffen auf saubere Kraftwerke
Ob das Projekt gelingt, kann verlässlich niemand sagen. Die Beherrschung der Technik und der Prozesskette ist eine Herausforderung. Sie muss auch bezahlbar sein. Hinzu kommt: CCS ist auch in anderer Hinsicht eine potentielle Killer-Kombi. Denn sie vereint zwei Schlüsselreize, auf die die Öffentlichkeit mit der Zuverlässigkeit eines Pawlowschen Hundes reagiert: technologische Großprojekte und Energiekonzerne.
Schon schimpfen Umweltverbände, CCS sei ein Feigenblatt. Die Konzerne wollten sich nur Zeit für ihre Dreckschleudern erkaufen. Tatsächlich wird CCS frühestens 2020 großtechnisch verfügbar sein. Trotzdem wollen die Betreiber beweisen, dass die Kohleverstromung keine „Dinosauriertechnologie“ ist, wie die Grünen höhnen, sondern eine Zukunftstechnologie, das Versprechen zur Nachrüstung von Altanlagen eingeschlossen. Mit „sauberen“ Kraftwerken, so die Hoffnung, werde der Widerstand gegen den Neubau von Kohlekraftwerken kleiner. Der Branche bleibt auch keine Wahl.
Denn sollte ihr ambitionierter Versuch scheitern, dann wäre auch das Ende der Kohleverstromung in Deutschland in Sicht. Das würde den Anstieg der Erderwärmung zwar nur wenig bremsen, weil Länder wie China, Russland, Amerika oder Indien weiter auf den Ausbau der Kohleverstromung setzen. Die Folgen für die deutsche Energieversorgung aber wären kaum absehbar. Heute werden 46 Prozent des Stroms mit Hilfe von Kohle gewonnen, 22 Prozent mit Kernenergie. Selbst wenn der Anteil erneuerbarer Energien bis zum Jahr 2020 auf 30 Prozent und auch die Gasverstromung ausgebaut würden, bliebe eine gigantische Versorgungslücke.
Lagern von CO2 im Erdreich ist nicht neu
Beim Verzicht auf Kohle müsste die deutsche Energieerzeugungsstruktur auf den Kopf gestellt werden. Das gibt dem Streit um CCS eine industriepolitische Dimension. Wer einer dezentralen atomistischen Energieerzeugung den Vorzug gibt, wie die SPD in Hessen, der hat mit Großkraftwerken wenig im Sinn. Der braucht, gerade wenn das Versorgungsnetz in dritter Hand liegt, auf längere Sicht weder die heutigen Konzerne noch CCS.
Es steht also viel auf dem Spiel. Deshalb nehmen Vattenfall und RWE Millionenbeträge in die Hand, um zu beweisen, dass Kohlekraftwerke wenn schon nicht ganz, so doch beinahe CO2-frei betrieben werden können. In Hürth (RWE) und Schwarze Pumpe (Vattenfall) sollen unterschiedliche Techniken erprobt werden, wie das CO2 im Kraftwerk abgeschieden und in Lagerstätten Schleswig-Holsteins und der sachsen-anhaltinischen Altmark verbracht werden kann.
Das Lagern von CO2 in tiefen Schichten ist nichts Neues. Bei der Öl- und Gasproduktion wird es international angewandt. Selbst die riesige Menge von 350 Millionen Tonnen CO2, die Jahr für Jahr in den deutschen Kohlekraftwerken anfällt, kann angeblich für Jahrzehnte in heimischen Lagerstätten sicher untergebracht werden.
Das Verfahren braucht viel Energie
Während die Technik Fachleuten beherrschbar erscheint, sind die ökonomischen Folgen schwerer zu prognostizieren. Zum einen ist die Abscheidetechnik sehr energieintensiv. Um die gleiche Leistung zu erzeugen, muss so ein Kraftwerk bis zu ein Viertel mehr Kohle einsetzen. Andererseits bemisst sich die wirtschaftliche Effizienz der Anlage am Preis für die an der Börse gehandelten Kohlendioxid-Zertifikate. Das rechnet sich nur, wenn der Zertifikate-Preis je Tonne auf lange Sicht über den Technikkosten liegt. Bei Investitionen über 40 Jahre ist hier unternehmerischer Wagemut nötig. Der kann sich nicht nur für das Klima auszahlen, auch in Technologiesprüngen und hochqualifizierten Jobs im Anlagenbau. Wenn die Anlagen funktionieren, dürften sie weltweit ein Verkaufsschlager werden.
Bis dahin hat die Energiebranche einen weiten Weg vor sich. Sie muss die Politik, deren Unterstützung sie schon für den Rechtsrahmen braucht, noch mehr für sich gewinnen. Vor allem sollte sie die Öffentlichkeit über die CCS-Technologie informieren und von deren Notwendigkeit zu überzeugen suchen. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein technisch sinnvolles Projekt an mangelhafter Kommunikation scheitert. Den Schaden trügen nicht allein die Stromerzeuger.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.552,20 | +0,78% |
| EUR/USD | 1,2488 | −0,42% |
| Rohöl Brent Crude | 106,23 $ | −0,96% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
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