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Claudia Buch : Weise im Hintergrund

Claudia Buch Bild: dapd

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Buch aus Tübingen wird Mitglied im Sachverständigenrat. Der Bankenwelt steht sie kritisch gegenüber. Ihre Berufung kommt für das Gremium in einer schwierigen Phase.

          Die Mohlstraße in Tübingen ist eine ruhige, beschauliche Adresse. Es gibt viel Grün und wenig Verkehr. Ab und zu läuft ein Student oder ein Professor durch das hügelige Viertel. Ein paar hundert Meter weiter steht die Neue Aula der Universität, die das Gelehrtenstädtchen am Neckar prägt. Doch ihr Büro in der Mohlstraße, wo Claudia Buch seit 2005 den Lehrstuhl für Wirtschaftstheorie besetzt, wird Claudia Buch künftig öfter verlassen müssen und nach Wiesbaden und Berlin reisen. Das Wirtschaftsministerium hat die 45 Jahre alte Professorin auserkoren, den freiwerdenden Sitz im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR) - umgangssprachlich „die fünf Weisen“ - zu übernehmen.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Das Kabinett hat sie am Mittwoch offiziell dem Bundespräsidenten zur Berufung vorgeschlagen. Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) ist voll des Lobes für die „anerkannte Ökonomin und ausgewiesene Expertin für internationale Finanzmärkte“.

          „Sie schlägt nicht gerne mit den Flügeln“

          Ihre Amtszeit beginnt im März und dauert regulär fünf Jahre. Buch reagiert auf die Nachricht ihrer Berufung wie so oft: Sie will lieber gar nichts öffentlich sagen. Nur dass es „eine große Ehre“ sei. Inhaltlich äußert sie sich nicht zu den drängenden Fragen, etwa zur Schuldenkrise in Europa. „Sie schlägt nicht gerne mit den Flügeln“, sagt Rolf Langhammer, der Vizepräsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, wo Buch mehr als zehn Jahre, von 1992 bis 2003, geforscht und ihre Promotion sowie ihre Habilitation geschrieben hat.

          Vorgängerin Beatrice Weder di Mauro wechselt zur Schweizer Großbank UBS
          Vorgängerin Beatrice Weder di Mauro wechselt zur Schweizer Großbank UBS : Bild: dapd

          Dass die Wahl der Regierung jetzt auf sie fiel, hatte zwei Gründe. Erstens hat sie das richtige Geschlecht. Die Bundesregierung und das Bundeswirtschaftsministerium, das die „Wirtschaftsweisen“ vorschlägt, wollten nach dem Abgang von Beatrice Weder di Mauro, die in den Verwaltungsrat der Schweizer Großbank UBS wechselt, unbedingt wieder eine Frau für den Sachverständigenrat nominieren. Etwas anderes wäre politisch nicht korrekt gewesen. Der zweite und wichtigere Grund aber sind Buchs unbestreitbare wissenschaftliche Qualitäten: Sie forscht auf den Gebieten internationale Makroökonomie und Finanzmärkte und füllt damit genau die Lücke, die das Ausscheiden von Weder di Mauro hinterlässt. Der SVR-Vorsitzende Wolfgang Franz lobte sie als „hervorragende Wissenschaftlerin“. In Zeiten der Banken- und Staatsschuldenkrise sind Experten für internationale Makroökonomie und Finanzmärkte gefragt. Es sind die zwei entscheidenden Felder, auf denen die Bundesregierung von ihren „Weisen“ wissenschaftliche Orientierung fordert.

          So zurückhaltend sich Buch in der Öffentlichkeit gibt, bei internen Sitzungen und in der Gremienarbeit bringt sie sich stark ein. „Claudia Buch ist äußerst kollegial, arbeitet straff und ergebnisorientiert und ist sehr belastbar“, sagt Rolf Langhammer. Wirtschaftsminister Rösler preist ihre „enormen Kenntnisse in politischer Beratung“. Seit 2004 ist Buch Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats beim Wirtschaftsministerium. Seit 2008 führt sie als erste Frau das Gremium.

          Buch will systemrelevante Banken schärfer zu regulieren

          Gelegentlich hat sie auch deutlich Kritik am Kurs der Bundesregierung in der europäischen Schuldenkrise geäußert. Immer neue Hilfspakete für Griechenland entlasteten die Gläubiger, sie belasteten aber die Steuerzahler, monierte Buch vergangenes Jahr. Ende 2011 hat der Beirat in einem Gutachten darauf gedrungen, die „Nicht-Beistands-Klausel“ (no bail out) in der Währungsunion wieder glaubwürdig zu machen. Es brauche durchgreifende Strukturreformen in den Krisenländern; ein Ausbau fiskalischer Transfers sei nicht nötig, betonten die Wissenschaftler.

          Kritisch steht Buch der Bankenwelt gegenüber. Sie mahnt höhere Eigenkapitalquoten an. Falls die Schuldenkrise eskaliere und Anleihen an Wert verlören, müssten die Banken notfalls aber auch staatlich mit mehr Kapital gestützt werden, hat sie jüngst bei einer Anhörung im Haushaltsausschuss des Bundestages erklärt. Buch, die an den Universitäten Bonn und Wisconsin studierte und durch Forschungsaufenthalte in New York und in Michigan weitere Auslandserfahrung vorweisen kann, hat sehr detaillierte Vorstellungen entwickelt, wie systemrelevante Kreditinstitute schärfer zu regulieren sind als andere und wie die Risiken des Gesamtsystems gemildert werden können. Kontakt zur Realwirtschaft hat sie durch ihren Mann, der Kommunikationschef des Energiekonzerns RWE ist.

          Für den Sachverständigenrat kommt Buchs Berufung in einer schwierigen Phase. Schon seit einigen Jahren hat das etwas schwerfällige Gremium eher an Bedeutung verloren. Markante Köpfe, die den Rat in früheren Jahrzehnten prägten, sind rar geworden. Will sie die Stimme des Rates wieder vernehmbar machen, wird die Ökonomin mit dem Kurzhaarschnitt offensiver auftreten müssen als bisher gewohnt - sie wird häufiger mit den Flügeln schlagen, vor Fernsehkameras und Mikrofone treten müssen, um ihre Standpunkte in der Öffentlichkeit klarzumachen.

          Quelle: F.A.Z.

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