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City of London 50 Prozent mehr Gehalt

27.07.2009 ·  Als wäre die Krise schon vorbei: Im Londoner Bankenviertel dreht sich das Personalkarussell - die City geht mitten in der Rezession zum Alltag über.

Von Marcus Theurer, London
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An der Bar des Coq d’Argent liegt der Aufschwung in der Luft. Er riecht nach Minze, denn die braucht es büschelweise, um all die von den Gästen georderten Mojito-Cocktails zu mixen. Das Restaurant mit seiner Dachterrasse hoch über den Straßen des Londoner Bankenviertels gilt als eine der schicken Ausgehadressen in der City. Es ist erst ein paar Wochen her, dass sich hier ein junger Banker über das Geländer in den Tod stürzte. Der Händler von der Deutschen Bank soll Angst um seinen Arbeitsplatz gehabt haben. Und doch wirkt der tragische Selbstmord weit weg, wie aus einer zum Glück vergangenen dunklen Zeit. In dem vollbesetzten Restaurant ist an diesem Feierabend unter der Woche kaum ein Tisch frei. Es brummt im Coq d ’Argent.

Die Welt draußen hat Angst davor, wie schlimm die schwerste Krise der Weltwirtschaft seit Jahrzehnten noch werden wird. In der Londoner City, dem nach der New Yorker Wall Street wichtigsten Finanzzentrum der Welt, sind sie auf dem Weg zurück zu dem, was hier früher normal war. Früher, das war vor dem Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers, die das Weltfinanzystem im Herbst 2008 in seinen Fundamenten erschütterte.

Goldman Sachs verdient wieder Milliarden

In der City haben sie danach dem Exodus ins Auge geschaut. Auch jetzt ist die Unsicherheit noch groß. Rezession und steigende Arbeitslosigkeit drohen zu wachsenden Kreditausfällen zu führen und könnten die Bankenkrise abermals anfachen. Doch das Kapitalmarktgeschäft hat sich zumindest bei einigen Banken im ersten Halbjahr erholt. Die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs, die in London ein wichtiges Standbein hat, verdient bereits wieder Milliarden. Die Square Mile, wie der Finanzbezirk nordöstlich der Tower Bridge auch genannt wird, ist aus der Schockstarre erwacht.

Es ist noch nicht ganz wieder so wie in der alten Zeit, sagt Des Gunewardena, der Chef der Restaurantkette D&D, die neben dem Coq d’Argent eine Reihe weiterer Edelrestaurants in London betreibt. Aber es geht aufwärts. „Vor einem Jahr haben wir jede Menge Champagner und teuren Wein serviert, im Januar wollten alle nur noch Prosecco und Wasser aus dem Hahn, heute wird von allem etwas geordert“, berichtet der Restaurant-Manager. Auch an diesem Abend spülen die wenigsten Gäste die Erinnerungen an die Höllenfahrt der vergangenen Monate mit dem Roederer-Champagner für 375 Pfund die Flasche hinunter. Auf den meisten Tischen stehen Weißweinflaschen mit Schraubverschluss.

Doch die Zeiten werden besser in London. Im gediegenen Stadtteil Hampstead, wo viele gutverdienende Banker wohnen, war der Kaufmarkt für Immobilien im ersten Quartal praktisch tot. Jetzt beginnt sich das Geschäft dort zu erholen. „Die Banker kamen im Frühsommer in einer großen Welle zurück auf den Immobilienmarkt“, sagt Liam Bailey, Analyst beim Makler Knight Frank.

„Die großen Personaleinschnitte liegen hinter uns“

Während in Großbritannien wie in den meisten anderen Ländern die Arbeitslosigkeit rapide steigt, hat sich der Arbeitsmarkt im europäischen Herzen der Finanzindustrie, dort, wo die Krise maßgeblich mit verursacht wurde, gedreht. Nach Berechnungen des Personalberaters Morgan McKinley stieg die Zahl der freien Stellen im Londoner Bankensektor im Juni gegenüber dem Mai um 20 Prozent. „Die großen Personaleinschnitte in der City liegen mit Sicherheit hinter uns“, sagt der Bankenspezialist Richard Snook vom Wirtschaftsforschungsinstitut CEBR. Londoner Banker, die jetzt ihre Stelle noch hätten, könnten relativ sicher sein, dass sie sie auch behalten. Der Kahlschlag in den vergangenen Monaten war allerdings furchtbar. Von den rund 350.000 Arbeitsplätzen im Londoner Finanzsektor Mitte 2007 sind nach Schätzung von CEBR bis heute mehr als 60.000 Stellen weggefallen.

Ob der britische Premierminister Gordon Brown, Barack Obama oder Angela Merkel – viele Regierungschefs versprechen ihren Bürgern, die Spielregeln in der globalen Finanzindustrie nach dieser Krise würden sich grundlegend ändern. Milliardenschwere Rechnungen für Bankenrettungspakete auf Kosten der Steuerzahler und exzessive Erfolgsboni, die Banker zu unbeherrschbaren Risiken verleiteten, dürfe es nicht mehr geben.

Wer sich mit Ben Barrat unterhält, bekommt Zweifel, dass Versprechungen der Politiker eingelöst werden. Barrat leitet beim Londoner Personalberater Alexander Mann Solutions die Abteilung für den Finanzsektor. Vor zwei Wochen hat Goldman Sachs bekanntgegeben, im ersten Halbjahr seien 11,4 Milliarden Dollar an Boni und Gehältern für die Mitarbeiter reserviert worden. „Das war eine starke Botschaft an den Markt“, sagt Barrat. Sie lautete: Kommt zu uns.

„In den Handelssälen herrscht immer noch der alte Geist“

Wenn andere Banken nicht ihre besten Leute verlieren wollten, müssten sie mitziehen, glaubt der Personalberater. Das Problem: Bei angeschlagenen Finanzkonzernen wie der Royal Bank of Scotland (RBS) und Lloyds, die vom Staat mit Milliarden gerettet und weitgehend verstaatlicht wurden, sind auf Druck der Politik Boni meist tabu. „Aber solche Banken erhöhen stattdessen die Basisgehälter von wichtigen Mitarbeitern um teilweise mehr als die Hälfte, um wettbewerbsfähig zu bleiben“, sagt Barrat.

Haben die Banker nicht selbst Besserung gelobt? „In den Verwaltungsräten der Banken gibt es Konsens, dass sich etwas ändern muss“, sagt der Headhunter. „Aber in den Handelssälen kommt diese Botschaft nicht an. Dort herrscht immer noch der alte Geist. Die Leute wollen das Geschäft wieder in Schwung bringen.“ Und das gehe nur mit finanziellen Anreizen für die Leistungsträger. Das Buhlen um Spitzenkräfte sei bereits wieder voll in Gang gekommen. „Hinter den Kulissen werben die Banken vor allem im Kapitalmarktgeschäft auf den Führungskräfte-Ebenen stark Personal an“, sagt Barrat.

Dass die City beginnt, an alte Zeiten anzuknüpfen, hat auch Clive Sutton schon bemerkt. Der Autohändler im feinen Londoner Bezirk St. John’s Wood hat sich auf Edelmarken spezialisiert. „Bis zum Frühjahr hatten wir praktisch gar keine Kunden aus den Banken mehr gesehen, jetzt kommen sie allmählich wieder“, berichtet Sutton. Noch vor wenigen Monaten hat er Bentleys, die eigentlich 150 000 Pfund kosten, mit 30 000 Pfund Rabatt verkauft. „Solche Preisabschläge kriegen Sie heute nicht mehr.“ Doch die Krise hat den Geschmack seiner Kunden verändert. Käufer, die sich früher zum Beispiel für einen Porsche Turbo entschieden hätten, nähmen jetzt lieber einen BMW und dazu für’s Wochenende einen Jaguar-Oldtimer. „Die Leute wollen jetzt lieber etwas unauffälligere Autos“, sagt Sutton.

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Jahrgang 1972, Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

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