22.03.2009 · Jetzt ist der Bundestagsbeschluss da: Christopher Flowers, Altaktionär der Hypo Real Estate, soll notfalls enteignet werden. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet er für eine Bankensanierung geopfert werden könnte. Schließlich ist Bankensanierung sein Kerngeschäft.
Von Christian SiedenbiedelEs kommt nicht alle Tage vor, dass ein leibhaftiger amerikanischer Milliardär vor einem Ausschuss des Deutschen Bundestages spricht. Entsprechend groß war am vergangenen Montag das Aufgebot an Fotografen und Kamerateams, die sich vor dem Saal 3001 des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses im Berliner Regierungsviertel drängten. Trotzdem haben viele Christopher Flowers verpasst. Einfach, weil er so unauffällig aussieht: grauer Anzug, blaue Krawatte, Hornbrille, das Haar über der hohen Stirn gescheitelt. Markant ist allenfalls der tragische Blick aus großen Augen, der immer ein bisschen an Woody Allen erinnert.
Doch das unauffällige Erscheinungsbild täuscht. Der 51 Jahre alte Flowers, Chef der gleichnamigen Investmentfirma an der legendären Fifth Avenue in New York, entwickelt sich gerade zur herausragenden Symbolgestalt der weltweiten Finanzkrise, Phase zwei. Schließlich könnte der Amerikaner der erste Bankeigentümer seit ziemlich langer Zeit sein, der in Deutschland enteignet wird. Für ein kapitalistisches Land ein Tabubruch, der sogar einen Verfassungskonflikt heraufbeschwören könnte.
Zwischen Mitleid und Schadenfreude
Zwar hat Deutschland mit der Enteignung von Kleingärtnern und bockigen Landwirten für den Bau von unverzichtbaren Umgehungsstraßen seit dem Krieg einschlägig Erfahrungen gesammelt. Doch die Bedingungen für die Vergesellschaftung einer milliardenschweren Großbank sind bislang eher wenig ausgelotet – weshalb über das Schicksal dieses unbekannten Finanzfachmanns von der amerikanischen Ostküste sogar in Talkshows von Maischberger und Illner abendfüllend und mit Leidenschaft diskutiert wird.
Christopher Flowers ist dabei zum Inbegriff jenes Aktionärs geworden, der sich in der Finanzkrise mit dem sehr viel mächtiger gewordenen Staat auseinandersetzen muss. Von Aktionärsschützern bedauert, von den meisten anderen eher mit Schadenfreude betrachtet. Der Bundestag hat am Freitag beschlossen, dass er im Notfall enteignet werden darf – auch wenn sich die Gelehrten noch streiten, ob das mit der Verfassung vereinbar ist. Sicher ist: Flowers besitzt Bankaktien, die an der Börse einen Wert haben. Ein Zocker, der den Staat ausnehmen will, ist er nicht. Selbst seine Gegner sagen, Flowers ist vor allem eines: ein höchst professioneller Geschäftsmann, der eine gehörige Portion Pech gehabt hat.
Sanierung auf Kosten der Steuerzahler?
Die Bank, um die es dabei geht, hat im Gegensatz zu ihrem introvertierten Großaktionär einen kometenhaften Aufstieg in der öffentlichen Bekanntheit erlebt. Hätten vor der Krise mit den Buchstaben „H-R-E“ allenfalls noch Afrika-Fans den Flughafencode von Harare verbunden, der Hauptstadt von Zimbabwe, so weiß heute jedes Kind, dass es sich um die Hypo Real Estate handelt, der gern das Attribut „maroder Münchener Immobilienfinanzierer“ vorangestellt wird. Als Katastrophenbank läuft sie längst allen Konkurrenten (zumindest in Deutschland) den Rang ab. Stolze 102 Milliarden Euro öffentliche und private Hilfen hat sie erhalten – und gilt trotzdem als stark umfallgefährdet.
Nun kommt die staatliche Rettungsaktion – und Flowers wird vorgeworfen, er wolle sich daran bereichern. Wenn der Staat die Bank stützt, sagen seine Kritiker, kann Flowers seine Aktien später teurer verkaufen. So saniert er sich auf Kosten der Steuerzahler. Dabei waren Flowers’ Ziele ganz andere: Als er im Juni 2008 die Aktien kaufte, hatte der Kurs zwar schon nachgegeben. Es war bekannt, dass die Bank Schwierigkeiten hatte. „Wer damals gesagt hätte, die HRE wird bald verstaatlicht, der wäre im Irrenhaus gelandet“, erinnert sich ein Mitarbeiter. Flowers hat auf eine privatwirtschaftliche Sanierung gesetzt. Und sich geirrt.
Ironie der Geschichte
Der Mann, der nun das erste Opfer des neuen Enteignungsgesetzes werden könnte, hat zumindest eine gewisse Hartnäckigkeit bewiesen. Sowie die Bereitschaft, die in seiner Branche gescheute Öffentlichkeit zumindest billigend in Kauf zu nehmen. Drei Stunden und 15 Minuten kämpfte Flowers in Berlin gegen die Regierungspläne: „Eine Enteignung würde Deutschland als Investitionsstandort schweren Schaden zufügen“, wurde er nicht müde, zu wiederholen. Letztlich ohne Erfolg. Enttäuscht flog er nach New York zurück.
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie der Geschichte, dass es ausgerechnet Flowers ist, der jetzt für eine Bankensanierung geopfert werden könnte: Schließlich ist Bankensanierung sein Kerngeschäft. Lange war der Harvard-Mathematiker damit überaus erfolgreich. Schon mit 31 Jahren hatte er es als Bankenexperte zum jüngsten Partner bei Goldman Sachs gebracht. Dort galt er als Globetrotter: So viel war er in aller Welt unterwegs, dass böse Zungen vorschlugen, Amerikas Vorzeige-Investmentbank in „Air Flowers“ umzutaufen.
Klassische Musik und Schach
Flowers selbst kultiviert das Bild vom introvertierten Genie. So sagte er mal, er liebe das Fliegen – weil ihn da niemand mit Telefonanrufen stören könne. Als Hobby gibt er Schachspielen an, das bekanntlich ebenfalls nicht zu den lauten Mannschaftssportarten gehört. In New York heißt es, er liebe klassische Musik, meide hingegen ausschweifende Partys – und auch die Politik. Normalerweise.
Ende der neunziger Jahre verließ Flowers Goldman Sachs. Wie es heißt, im Streit, weil ihm der Sprung in die höchste Managementebene verwehrt wurde. Seither konzentriert er sich auf seine eigene Firma: JC Flowers, eine Beteiligungsgesellschaft, die etwa das Geld von Pensionsfonds, Stiftungen und vermögenden Privatpersonen anlegt.
Eine „Heuschrecke“
Flowers wurde das, was Franz Müntefering eine „Heuschrecke“ genannt hat – wenn auch ohne die dieser Spezies nachgesagten Eigenschaften. Flowers investierte nur im Finanzsektor, da kannte er sich aus. Und er blieb in der Regel für mehr als vier Jahre.
Besonders erfolgreich war er mit einer japanischen Bank. Im Jahre 2000 stieg er bei der Long Term Credit Bank ein, die sich in einer schweren Krise befand. Er sanierte sie so radikal, dass in Japan von einem „Blutbad“ die Rede war. Doch Flowers gelang das Wunder: Er stellte die hochverschuldete Bank vom Kopf auf die Füße. Und brachte sie unter dem Namen „Shinsei“ an die Börse. Was nicht zu seinem Schaden gewesen sein soll: Es hieß, er habe seinen Einsatz mehr als verzehnfacht. David Rubenstein vom Konkurrenten Carlyle nannte das Projekt seinerzeit den „erfolgreichsten Deal in der jüngeren Geschichte von Private Equity“.
Innerhalb weniger Jahre auf die Forbes-Liste geschafft
Mit solchen und ähnlichen Deals wurde Flowers reich. Er schaffte es trotz wenig vermögender Eltern (Mutter Bibliothekarin, Vater Verwaltungsdirektor) innerhalb weniger Jahre auf die Forbes-Liste der 400 reichsten Amerikaner. Auf mehr als zwei Milliarden Dollar wurde sein Vermögen geschätzt – allerdings vor der Finanzkrise. Inzwischen dürfte einiges davon abgeschmolzen sein.
Gerade in Deutschland hat Flowers viel verloren. Auch wenn er anfangs als Held gefeiert wurde. Voll des Lobes waren Analysten und Politiker, als er 2006 als erster privater Anleger bei einer deutschen Landesbank einstieg: der HSH Nordbank in Hamburg und Kiel. Und auch im Juni 2008 lobten ihn alle noch, als er Anteile der Hypo Real Estate erwarb: sein erster Griff nach einem Dax-Konzern.
„Rückblickend sicherlich ein Fehler“
Doch beide Banken erwiesen sich als gewaltige Flops. Als Flowers und seine Investoren im Sommer 2008 HRE-Aktien kauften, zahlten sie 22,50 Euro je Stück. Heute ist die Aktie noch gut 80 Cent wert. Der Verlust dürfte bei mehr als einer Milliarde Euro liegen. „Unser Investment in die Hypo Real Estate ist rückblickend sicherlich ein Fehler gewesen“, gab Flowers kürzlich zu.
Jetzt stecken Flowers seine Investoren im Nacken. Es ist schließlich sein Geschäftsmodell, dass er nicht nur eigenes Geld investiert – sondern auch das Geld von Pensionsfonds oder Stiftungen. Die aber sind verpflichtet, mit ihren Mitteln sehr sorgfältig umzugehen – und wollen die großen Beträge nicht einfach abschreiben.
Verständlich, dass Flowers feilscht
Verständlich, dass Flowers mit der Bundesregierung feilscht, ob er und seine Investoren dabeibleiben dürfen – oder wie viel sie noch für ihre HRE-Aktien bekommen. Als „fairen Preis“ hat Flowers drei Euro je Aktie bezeichnet. Der Bund aber will offenbar nicht viel mehr als den Marktpreis von zuletzt weniger als einem Euro zahlen. Während Flowers argumentiert, erst die Gerüchte über eine drohende Enteignung hätten den Kurs abstürzen lassen, entgegnet die Regierung: Ohne die Hilfe des Staates wäre der Kurs längst bei null.
Zunächst hatte Flowers Erpressungspotential: Weil sich die Politiker einig waren, die Bank nicht untergehen zu lassen, konnte er pokern. Das hat sich umgekehrt. Seit klar ist, dass der Staat als Ultima Ratio enteignen wird, hat die Regierung die besseren Karten. Nun wartet Flowers mit Kompromissangeboten auf. Berlin winkt ab. In der Krise ist der Staat stärker – stärker selbst als ein Milliardär.
Christian Siedenbiedel Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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