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China : Wo man mit Sonnenenergie noch Geld verdienen kann

Warmes Wasser durch Sonnenkraft: Ein Arbeiter in China installiert eine Solarthermie-Anlage. Bild: AP

Überall befindet sich die Solarindustrie im freien Fall - das stimmt jedoch nur für die Photovoltaik, nicht für die Solarthermie. Diese ist vor allem in China erfolgreich. Deutsche Mittelständler profitieren.

          „Sonnenenergie ist eine feine Sache“, sagt Sebastian Steuer, Geschäftsführer des Mittelständlers Alanod aus Ennepetal. „Wir wachsen damit kräftig, vor allem dank China.“ Es klingt wie eine verkehrte Welt: Überall befindet sich die Solarindustrie im freien Fall, wegen China und auch in China selbst. Anleger haben Milliarden verloren, weil die Aktien zu Pfennigwerten verkommen sind. Aufgrund der Überkapazitäten, der Preisrückgänge, wegen falscher Anreize und unbezahlbarer Investitionen ist die Branche in eine schlimme Krise geraten.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          In Deutschland, dem mit Abstand größten Markt, sind viele Unternehmen insolvent gegangen. In China, dem mit Abstand größten Herstellerland, sieht es nicht viel besser aus. Selbst der einst führende Modulproduzent, die Suntech-Gruppe, hat Zahlungsunfähigkeit angemeldet. Das Thema ist politisch aufgeladen, seit klar ist, dass Peking seine Unternehmen subventioniert. Deshalb können sie ihre Produkte noch billiger anbieten. Erst haben die Vereinigten Staaten dagegen hohe Anti-Dumping-Zölle verhängt, kürzlich folgte die Europäische Kommission.

          Installierte Kapazitäten der erneuerbaren Energien und der Solarthermie

          Doch die Europäer sind gespalten, während die Chinesen mit Vergeltung drohen. Ein Handelskrieg ist nicht ausgeschlossen, Solar gilt als Trauerspiel. Ausgerechnet in diesen Zeiten preist der Oberflächenbeschichter Alanod aus dem Ruhrgebiet die Branche in hohen Tönen: Man erziele derzeit 12 Millionen Euro Umsatz in China, etwa 6 Prozent der Gesamterlöse, sagt Steuer, der zur Internationalen Lichtmesse nach Kanton gekommen ist. In wenigen Jahren sei eine Verdreifachung der Erlöse in China drin - wegen des florierenden Solargeschäfts.

          Passt das zusammen? Ja, denn zur Solarenergie gehört nicht nur die Erzeugung von Strom, sondern auch die Erhitzung von Wasser mit Hilfe der Sonne. Statt von Photovoltaik spricht man dabei von Solarthermie. Dieser Industriezweig ist viel weniger bekannt als die Elektrizitätsgewinnung, hat aber eine erhebliche Bedeutung. Das liegt vor allem an China. Nach Angaben des Renewable Energy Policy Networks (REN 21) in Paris, einem führenden Branchendienst, waren 2012 auf der ganzen Welt Solarthermieanlagen mit einer gesamten thermischen Leistung von 255 Gigawatt installiert. Gegenüber dem Vorjahr war das ein Anstieg um mehr als 14 Prozent.

          Nirgendwo ist Solarthermie so wichtig wie in China

          Anders als in der Photovoltaik, wo das Land zwar der Hauptproduzent ist, aber nur ein kleiner Abnehmer, ist die Solarthermie nirgendwo so wichtig wie in der Volksrepublik. Nach den Zahlen von REN 21 standen hier 2011 etwa 68 Prozent aller installierten Anlagen. An zweiter Stelle rangierten Deutschland und die Türkei mit je 4,6 Prozent. Mehr als 80 Prozent der international neu aufgebauten Leistung entfiel auf das Reich der Mitte. Seit 2009 nimmt das Wachstum zwar ab. Es herrscht Konsolidierungsdruck, schätzungsweise 1000 kleine Unternehmen mussten schließen. Die Marktführer heißen jetzt Sunrain - das 2012 als erstes an die Börse ging -, Linuo, Himin und Sangle. Trotz der Rückschläge ist die Branche aber weiterhin ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Sie gibt in China 800000 Menschen Arbeit, etwa so vielen wie alle anderen erneuerbaren Energien zusammen.

          Der jährliche Umsatz ist mit 40 Milliarden Yuan (5 Milliarden Euro) kleiner als in der Photovoltaik, legt aber verlässlich zu. Jedes Jahr werden Hunderttausende neuer Häuser mit den typischen schrägen Kollektoren und der darüber thronenden Wassertrommel ausgestattet. Selbst auf dem Land sind sie allgegenwärtig, 60 Prozent des Markts sind solche Dachanlagen. In China werden vor allem Vakuumröhren aus Glas eingesetzt. Das Verfahren ist preisgünstig, die Anschaffungskosten je Kilowatt beziffert REN 21 auf 150 bis 635 Dollar, statt der 950 bis 2200 Dollar in den OECD-Ländern. Doch da die Geräte anfällig sind, nicht sehr langlebig und weniger effizient, hat China eine Umrüstungsinitiative angestoßen. Es sollen mehr Flachkollektoren eingesetzt werden, die früher Kupfer verwendet haben und jetzt Aluminium nutzen.

          Genau darauf setzt der Beschichter Alanod, Weltmarktführer für die Veredelung von Aluminiumbändern. In China nutze die Solarthermie für diese Technik 40 Millionen Quadratmeter, weiß Steuer, in Deutschland kaum 1,5 Millionen. „Wenn wir in China nur 2 Millionen abbekommen, sind das 20 Millionen Euro zusätzlicher Umsatz für uns, ein Riesengeschäft.“ Kein Wunder, dass sich auch andere deutsche Anbieter für den Markt interessieren, darunter die Flachkollektoren-Hersteller Bosch Thermotechnik und Viessmann. Deutschland sei weiterhin führend, schreibt REN 21, habe aber an Bedeutung eingebüßt: 2007 kam fast die Hälfte der zwanzig größten Flachkollektorenhersteller von hier, 2011 noch ein Drittel.

          China ist der größte Energieverbraucher und Emittent von Kohlendioxid auf der Welt. Gleichzeitig verfügt das Land, das sich beim Strom zu 80 Prozent auf Kohle stützt, aber auch über die größten Kapazitäten für erneuerbare Energien. Es stellt etwa ein Fünftel dieser Anlagen. Führend ist China bei Wind- und Wasserkraft, der Solarthermie und der direkten Nutzung von Erdwärme.

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