Manchmal genügt der Blick in den Fremdwörterduden. "Manipulieren" bedeute ursprünglich "handhaben, geschickt zu Werke gehen", heißt es da. China manipuliert den Wechselkurs seines Yuan. Bis Sommer 2005 war er gebunden an den amerikanischen Dollar, seitdem rangiert er in einer Bandbreite gegenüber einem Korb aus Währungen, wird jedoch stark am Dollar ausgerichtet. Schlagartige Einbrüche im Kursniveau wie etwa Anfang Dezember lassen aber nur den Schluss zu, dass die Regierung in Peking "geschickt zu Werke geht", was den Yuan betrifft - auch wenn sie dies bestreitet.
Wirft aber nun der neue amerikanische Finanzminister Timothy Geithner den Chinesen Manipulation des Wechselkurses vor, so schwingt eine ganz andere, tiefer gehende Bedeutung mit: Der offizielle Vorwurf einer Manipulation führt zu Untersuchungen, Verhandlungen und am Ende womöglich zu Handelssanktionen. Auf seiner gerade zu Ende gegangenen Europa-Reise sah sich Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao daher immer wieder genötigt, den nun auch von der Regierung Obama erhobenen Vorwürfen entgegenzutreten.
China wird sich zu keiner schlagartigen Veränderung durchringen
Der Zwist um den Yuan könnte einen neuen Handelsstreit provozieren. Nichts aber braucht die Welt derzeit weniger als neuen Protektionismus, ganz gleich, in welchem Kleid er daherkommt. Ein Handelsstreit zwischen der größten und der drittgrößten Wirtschaftsnation der Erde bedeutete, noch mehr Öl in die Flammen der Weltwirtschaft zu gießen.
Zugegeben: Die Angst vor einer weiteren Verschärfung der Wirtschaftslage sollte kein Grund sein, vor China zu buckeln. Seit der Loslösung der festen Dollarbindung im Juli 2005 hat der Yuan 21 Prozent gegenüber dem Dollar gewonnen, seit Jahresbeginn 0,2 Prozent verloren. Ökonomen halten Chinas Währung für bis zu 30 Prozent unterbewertet. Und doch wird sich China zu keiner schlagartigen Veränderung durchringen - weder zu einer Abwertung, um die Ausfuhr zu steigern, noch zu einer Aufwertung. Zum einen muss es auf Druck nicht reagieren: China hält schließlich amerikanische Staatsanleihen in Höhe von rund 682 Milliarden Dollar - und droht unüberhörbar, diese nicht weiter aufzustocken. Zum anderen sieht sich Peking im Besitz guter Gründe.
Fraglos braucht China seinen Export, um ein Mindestwachstum zu erzielen, das die Regierung in diesem Jahr bei acht Prozent sieht. Fraglos hilft ein niedriger Außenwert des Yuan der Ausfuhr. Doch weisen Analysten zu Recht darauf hin, dass die Zurückhaltung der ausländischen Käufer weniger an den Preisen von Fernsehern, Waschmaschinen oder Handys liege als an der grundsätzlichen Sorge, angesichts der Krise zu viel Geld auszugeben. Auch ein leichterer Yuan dürfte daran wenig ändern. Eine Abwertung würde wenig helfen, aber Aggressionen bei den Handelspartnern schüren.
Eine tiefe Krise Chinas wäre ein Fiasko
Aber wird China, wie gewünscht, aufwerten? Wenn, dann allenfalls gering. Denn der heimische Konsum der Volksrepublik wird auf Jahre größere Verluste im Export nicht ausgleichen. Die Formel Pekings ist einfach: Wir helfen der Welt dadurch, dass China - auch politisch - stabil bleibt. Diese Stabilität sieht die chinesische Regierung durch sinkende Wachstumsraten gefährdet, die Gefahr sozialer Unruhen mit unabsehbaren Folgen steigt. Dies zu verhindern liegt aus Pekings Sicht nicht nur im Interesse der Parteihierarchen, die an Ämtern und Privilegien kleben, sondern auch im Interesse der Welt. Deshalb ist der Export so wichtig. Der einzig vertretbare Grund für eine Aufwertung liegt aus chinesischer Sicht darin, die Importe zu verbilligen. Da das aber erst mittelfristig dem Konsum helfen würde, richtet sich Pekings Augenmerk zunächst auf die Arbeitslosenrate. Und die ist in der Fabrik der Welt eng an die Ausfuhr geknüpft.
An dieser Einschätzung ist viel Wahres. Eine tiefgehende Krise Chinas zu diesem Zeitpunkt wäre ein Fiasko. Zwar halten viele eine solche Entwicklung immer noch für unwahrscheinlich. Doch sind das oft dieselben, die noch vor Monaten erklärten, eine weltweite Finanzkrise sei ausgeschlossen.
Auch Kritiker der chinesischen Regierung müssen zugestehen, dass sie in ihren wirtschaftlichen Entscheidungen die Welt selten enttäuscht hat. Statt das Wachstum über Wechselkurssprünge zu stabilisieren, dürfte sich die chinesische Regierung daher zunehmend auf das direkte Ankurbeln der heimischen Nachfrage konzentrieren. Der Schwerpunkt sollte auf wesentlich höheren Ausgaben für Gesundheitsvorsorge und Bildung liegen. Das mindert zugleich die Abhängigkeit der Chinesen von auf Dauer nicht aufrechtzuerhaltenden Wachstumsraten, und es dürfte die viel zu hohe Sparrate von 51 Prozent verringern und damit auf lange Sicht auch den Handelsüberschuss. Ausgeschlossen ist auch nicht, dass Peking Euro und Yen mittelfristig größeres Gewicht im Devisenkorb einräumt.
Zurück zum Duden: Der Begriff "Manipulation" wurde Ende des 18. Jahrhunderts zuerst als "Bezeichnung eines Heilverfahrens" angewendet. Zu erwarten, diese "chinesische Manipulation" werde ausgerechnet jetzt enden, ist naiv.