An diesem Mittwoch feiern die Chinesen das Qingming-Fest, den Tag der Totenehrung. Auf den Friedhöfen kommen die Angehörigen zu einer Art Familienfeier mit Frühjahrsputz zusammen. Sie fegen die Gräber, zünden Räucherstäbchen an, legen Blumen und die Lieblingsspeisen der Verstorbenen nieder und halten Zwiegespräche mit ihnen. Nach Schätzungen der Regierung besuchen jedes Jahr mehr als 120 Millionen Menschen zu Qingming die Ruhestätten ihrer Ahnen.
Der Überlieferung zufolge lassen sich an diesem Tag Gegenstände ins Jenseits übertragen. Dort versüßen sie den Toten die Zeit und stimmen sie milde gegen die Verwandten.
Die Transformation erfolgt am einfachsten durch das Verbrennen von Modellen und Abbildern. Am beliebtesten sind künstliche Banknoten. Wie in der richtigen Welt schlägt auch hier die Inflation zu. Internetangeboten zufolge wird in diesem Jahr erstmals Totengeld im Nennwert von 980 Milliarden Yuan (116 Milliarden Euro) angeboten. In wirklicher Währung kosten die Bündel je nach Aufdruck zwischen 20 und 30 Yuan (2,40 bis 4,80 Euro), 10 Prozent mehr als 2011.
Taiwaner und Kantonesen am spendabelsten
Mit der zunehmenden Kosumorientierung der Chinesen - vielleicht auch wegen der Geldentwertung - werden wertvolle Gegenstände als Totenbeigaben immer beliebter. Das können Autos aus Pappmaché sein, Fotoapparate, Uhren.
Mit Verweis auf den chinesischen Verbraucherverband melden Zeitungen, dass zu Qingming 1000 Tonnen Papierprodukte für 10 Milliarden Yuan (1,2 Milliarden Euro) verfeuert würden. Am spendabelsten begehen die Taiwaner das Totenfest sowie die Kantonesen in der Provinz Guangdong und im südlich angrenzenden Hongkong.
„Wir stellen alles aus Pappe her, was unsere Kunden verbrennen wollen“, sagt Joyce Mok, Marketingchefin des Bestattungsunternehmens Grand Peace in Hongkong, das zur taiwanischen Skea-Gruppe gehört.
326 Dollar für die „Leder“-Tasche
Die junge Frau empfängt Besucher in einem kleinen Konferenzraum, der als Präsentationsfläche dient. Urnen stehen hier, vor allem aber Luxusgüter. Diese sind alle aus Papier - der Preis indes ist nicht von Pappe: Eine nachempfundene Goldkette kostet 2270 Hongkong-Dollar (220 Euro), eine vermeintliche Ledertasche 3380 Hongkong-Dollar (326 Euro).
Miniaturbekleidung, etwa der Lieblingsanzug des Verstorbenen, ist schon für 65 Euro zu haben. Eine Musikanlage kostet fast 500 Euro - dafür bekommt man auch eine echte. Das gilt allerdings nicht für den Rolls Royce für 314 Euro oder für die Villa mit Außenpool für 870 Euro.
„Besonders gut laufen iPhones und iPads“, sagt Mok und zieht die Modelle aus dem Regal. Sie sind so naturgetreu, das man versucht ist, darauf herumzutippen. „Auf Wunsch können wir die Lieblings-Apps des Verblichenen auf der Oberfläche zeigen.“
Der Tabloid-Computer kostet 83 Euro, das Smartphone mit Ladegerät knapp 100. Da man es mit dem Markenschutz in Hongkong und Taiwan genauer nimmt als auf dem Festland, heißen die Geräte sPhone und sPad. Auch verwende man nur natürliche Stoffe, so dass bei der Verbrennung keine giftigen Gase entstünden, versichert Mok. Gegen den Ruß biete man Öfen mit Filtern an, die den Umweltrichtlinien entsprächen.
Der Katalog ist 100 Seiten dick
Den Familienbetrieb Skea gebe es seit 2007, erläutert die Managerin. Er entstand nach dem Tod des Großvaters und Familienoberhaupts, der sich zeit seines Lebens vergeblich ein Haus mit Badelandschaft gewünscht hatte. Als die Hinterbliebenen dieses nachmodellierten und ihm im Rauch hinterherschickten, habe die trauernde Großmutter zum ersten Mal seit Monaten wieder gelächelt.
Heute stellten zehn Familienmitglieder die Papiermodelle von Hand her, sagt Mok. Im Durchschnitt brauchten sie sieben Tage je Totengeschenk, länger für ein Haus, kürzer für ein iPhone. Das erkläre den Preis.
Noch seien die Umsätze aus diesem Geschäftszweig mit rund einer Million Hongkong-Dollar (97.000 Euro) bescheiden. „Aber die Nachfrage wächst ständig.“ Mok zieht einen Katalog hervor, der auf mehr als 100 Seiten die Spanne des Angebots illustriert: Konzertflügel, Billardtische, Golfschläger, Surfbretter, Klimaschränke für Weine, Motorräder, Sattelschlepper, Jachten, sogar Düsenflugzeuge.
Modell S4 ausverkauft
Für verstorbene Haustiere gibt es Hundehütten, Fressnäpfe, Kratzbäume. Besonders traurig stimmt das Kapitel mit den Spielsachen und Kinderzimmern.
Skea stellt vielleicht die liebevollsten Modelle her, ist aber nicht der einzige Anbieter ausgefallener Grabbeigaben. Auch auf der Onlineplattform Taobao, einer Art chinesischem Ebay, verkaufen sich die iPhones aus Karton gut.
Vor dem Totenfest Qingming stieg ihr Festpreis auf 999 Yuan (120 Euro). Bei vielen Internethändlern war das neue Modell S4 bald ausverkauft. Das ist in China nichts Ungewöhnliches: Für das echte Apple-Telefon gibt es im Diesseits Wartelisten.