Am Wochenende fliehen Pekings Einwohner vor der schlechten Luft gern in die nahegelegenen Berge. Im Norden, wo sich die Große Mauer malerisch über die Kämme schlängelt, kann man noch durchatmen, hier zwitschern Vögel, hüpfen Eichhörnchen, es gibt Wälder, Bergbäche, Plantagen mit saftigem Obst. Auf dem Weg in das hübsche Bergdorf Mutianyu unterqueren die Erholungssuchenden eine Eisenbahnbrücke, die fast rund um die Uhr befahren ist. Aus dem Norden schleichen vollbeladene Kohlezüge vorüber Richtung Peking. Die endlose Kette der Waggons kommt aus den Gruben der Inneren Mongolei und endet an den Kraftwerken rund um die Metropole.
Während in Rio de Janeiro noch bis Freitag mehr als 100 Staats- und Regierungschef auf dem Nachhaltigkeits-Gipfeltreffen der Vereinten Nationen über Umwelt- und Klimaschutz debattieren, erlebt in China der schmutzigste aller fossilen Brennstoffe eine bedrohliche Renaissance. Das Land ist der mit Abstand größte Kohleverbraucher der Welt. Jedes Jahr gehen in China dutzende neue Kohle-Kraftwerke in Betrieb. Die schwarzen Brocken sind der wichtigste Treibstoff der aufstrebenden Wirtschafts-Supermacht – und die Folgen für das Weltklima sind gravierend: Ein Kohlekraftwerk stößt mehr als doppelt so viel klimaschädliches Kohlendioxid aus wie ein modernes Erdgaskraftwerk.
Nach Schätzung der Internationalen Energieagentur (IEA) in Paris stiegen die globalen Kohlendioxid-Emissionen vergangenes Jahr – nicht zuletzt wegen der chinesischen Kraftwerksschlote - um 3,2 Prozent auf ein neues Rekordhoch. In China, das der größte Emittent ist, legten sie fast dreimal so stark zu. IEA-Chefvolkswirt Fatih Birol warnt vor „verheerenden Folgen für den Planeten.“
Chinas Energiehunger nach dem einstigen Auslaufmodell steigt immer weiter
Der in der vergangenen Woche veröffentlichte jährliche und an diesem Mittwoch vorgestellte Energy Review des britischen Ölkonzerns BP zeigt das Ausmaß des Kohlebooms: Der Anteil der Kohle am globalen Energieverbrauch war 2011 so hoch wie seit 1969 nicht mehr. Bei keinem anderen fossilen Brennstoff steigt die Nachfrage so rasant wie bei der Kohle. In den vergangenen zehn Jahren wuchs der Kohlebedarf der Welt um 56 Prozent und damit annähernd doppelt so stark wie die Erdgasnachfrage und viermal so stark wie der globale Erdöldurst. Die Hälfte der globalen Kohleförderung wird in China verheizt.
Der Aufstieg Chinas hat den globalen Energiemix auf den Kopf gestellt. Noch vor 15 Jahren schien der Brennstoff, der schon vor zwei Jahrhunderten die Dampfmaschinen der Industrialisierung befeuerte, ein Auslaufmodell zu sein. Inzwischen erwartet die Energieagentur in Paris dagegen, dass die Kohle in den kommenden Jahrzehnten das Erdöl als wichtigste Energiequelle der Welt verdrängen könnte. Selbst in der Europäischen Union ist 2011 die Kohleförderung erstmals seit 1995 wieder gewachsen. In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Kohlehunger Chinas weit mehr als verdoppelt, denn dieser Brennstoff ist noch immer vergleichsweise günstig. Anders als bei Öl und Gas verfügt China außerdem über große eigene Vorkommen. Das Reich der Mitte holt jedes Jahr so viel Kohle aus dem Boden wie kein anderes Land der Welt - und ist trotzdem seit 2009 auf zusätzliche Importe angewiesen.
Kein Sportunterricht draußen
Für die Klimabilanz Chinas sind die vielen Kohlekraftwerke Gift: Die Energieexperten der IEA prognostizieren, das Land werde für den Zeitraum zwischen 1900 und 2035 deutlich mehr Kohlendioxid ausstoßen als alle Länder der EU zusammen. Der Lebensstandard der Chinesen wächst unaufhörlich, was verständlich und wünschenswert ist. Aber die Kehrseite des neuen Wohlstands sind die verheerenden Auswirkungen auf die Natur und die Gesundheit. Das bekommen die Chinesen schon heute zu spüren. Laut Weltbank liegen sieben der zehn schmutzigsten Städte der Welt in China, 80 Prozent des Oberflächenwassers gelten als belastet.
In vielen Metropolen übersteigt die Feinstaubbelastung fast jeden Tag die Höchstwerte der westlichen Welt. Ab einem gewissen Niveau schränken internationale Schulen den Sportunterricht ein oder verbieten den Kindern ganz, die Gebäude zu verlassen. Kürzlich warnten Onkologen, die Gesundheitsgefahren seien so schlimm wie die durch das Rauchen. Trotz gleichbleibendem Tabakkonsum hätten Lungenkrebserkrankungen in Peking in den vergangenen zehn Jahren um 60 Prozent zugenommen.
Kein Ende in Sicht
Die Regierung in Peking sieht sich zum Handeln gezwungen. Nicht weil die Weltgemeinschaft das erwartet, sondern weil die Machthaber nichts mehr fürchten, als dass die eigene Bevölkerung auf die Barrikaden geht. China hat deshalb eine Art Erneuerbare-Energien-Gesetz erlassen und ist jetzt schon der größte Nutzer von Wind- und Wasserkraft. Im Fünfjahresplan für 2011 bis 2015 sollen die Umweltausgaben auf 3000 Milliarden Yuan (365 Milliarden Euro) verdoppelt werden. Der Anteil der Kohle an der installierten Kraftwerkskapazität soll von 75 auf 68 Prozent sinken.
Chinesische Fachleute halten eine Ende des Kohle-Booms für unwahrscheinlich: „Wir bleiben von der Kohle abhängig, andere Energieträger können sie nicht annähernd ersetzen“, sagt Lin Boqiang, Professor an der Universität von Xiamen und Mitglied im Nationalen Rat der Energieexperten. „Um den Verbrauch wirksam zu begrenzen, müsste der Strom viel teurer sein.“ Das gilt auch in andere Hinsicht: Da die Kohlepreise stärker gestiegen sind als die staatlich gedeckelten Stromtarife, fehlt Kraftwerksbetreibern oft das Geld, um in moderne Filtertechnik für ihre Dreckschleudern zu investieren.
Die Regierung will den Kraftwerkspark modernisieren. Die neuen Anlagen seien die saubersten der Welt, sagt Professor Lin. Rechnerisch geht jede Woche ein Block westlicher Größe ans Netz, im Monat beträgt die installierte Kapazität fast 4200 Megawatt. Gleichzeitig schließt China kleine und besonders schmutzige Meiler; nach Regierungsangaben werden jedes Jahr rund 22 000 Megawatt abgeschaltet. Aber angesichts des immensen Energiehungers in China sind die Verbesserungen kaum spürbar. Die Kohlezüge werden auch weiterhin tagaus, tagein in Richtung Peking rollen.
Böse, böse
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