Professor Rajan, der Einkommensabstand zwischen Reich und Arm wird überall immer größer. Woran liegt das?
Es gibt eine ganze Menge Ungleichheit, sie wächst vor allem in den Industrieländern. Wir sollten aber nicht vergessen, dass die Entwicklungsländer zuletzt sehr schnell aufgeholt haben. Deshalb bin ich mir nicht so sicher, ob die Ungleichheit wirklich auf der ganzen Welt zunimmt.
Okay. Zwischen den Ländern nimmt die Ungleichheit ab. Aber bei den Menschen innerhalb vieler Länder nimmt sie zu.
Ja, das gilt überall auf der Welt. Und zwar nicht nur innerhalb der Industrieländer, sondern sogar innerhalb von Entwicklungsländern. Schließlich sind dort auch schon viele Leute reich geworden.
Woher kommt diese neue große Ungleichheit?
Dafür gibt es gleich drei Gründe. Der erste ist, dass die technische Entwicklung unqualifizierte Arbeit oft überflüssig gemacht hat. Im Gegenzug ist die hochqualifizierte Arbeit wichtiger geworden: Dafür können die Menschen höhere Gehälter verlangen. Sehen Sie: Früher haben Leute im Büro Zahlenkolonnen zusammengezählt und damit ordentlich verdient. Heute macht das der Computer.
Und dazu kommt die Billigkonkurrenz aus China, die die Löhne drückt.
Viele Leute sehen die Schuld bei der Globalisierung. Die Schwellenländer haben nämlich viele schlecht ausgebildete Arbeitskräfte. Deshalb sind einige Jobs in die Schwellenländer abgewandert. Aber das sind nicht die einzigen Gründe für die Ungleichheit, schuld ist auch die Deregulierung.
Deregulierung ist unbeliebt, viele Leute machen sie für die Finanzkrise verantwortlich. Aber was hat das mit wachsenden Ungleichheiten zu tun?
Das kann ich Ihnen erklären. Denken Sie zurück an die fünfziger Jahre. Damals waren Banken und Industrie viel stärker reguliert als heute. Deshalb war die Konkurrenz zwischen den Firmen schwächer als heute, die Firmen haben mehr Gewinn gemacht, und diesen Gewinn haben sie mit den Arbeitnehmern geteilt, denn es gab starke Gewerkschaften. Das hatte nicht nur Vorteile. Für die Verbraucher wurde das Leben sogar schwieriger: Sie hatten weniger Auswahl und mussten hohe Preise zahlen. Aber andererseits hatten sie sichere und gut bezahlte Stellen in den Firmen.
Wie hat sich das geändert?
Es begann mit der Deregulierung der Arbeitsmärkte und von bisher geschützten Dienstleistungen - Fluglinien oder Telefongesellschaften zum Beispiel -, die in den achtziger Jahren in den Vereinigten Staaten begonnen hat. Dadurch wurde das Geschäft für die Firmen schwieriger. Sie mussten effizienter produzieren, konnten also weniger teure Mitarbeiter durchschleppen. Gleichzeitig mussten sie um die besten Leute hart konkurrieren und ihnen hohe Gehälter zahlen. Deshalb glaube ich, dass die Deregulierung den Trend zur Ungleichheit verstärkt hat.
Ist es nicht andersrum? Die große Deregulierung in Deutschland ist erst gekommen, als schon viele Leute arbeitslos waren und die Ungleichheit schon gestiegen war. Die Deregulierung hat dann neue Stellen gebracht.
Wenn Sie nur Deutschland angucken, stimmt das. Aber Sie müssen bedenken: Die Deregulierung hat ja nicht in Deutschland begonnen, sondern in Amerika und Großbritannien. Und als es losgegangen war, musste Deutschland nachziehen.
Und warum hatten die angelsächsischen Staaten mit der Deregulierung begonnen?
Sie wollten ihr Wirtschaftswachstum fördern. Das wurde nämlich zu jener Zeit immer langsamer. Dabei hatten die Amerikaner und Briten noch eine frische Erinnerung an die sechziger Jahre, in denen es noch richtig aufwärtsgegangen war. Damals hatten die Staaten ihre Wohlfahrt ausgebaut und ihren Bürgern große Wohltaten versprochen. Aber dann ging das Wachstum zurück, und das machte es auch schwieriger, den Wohlfahrtsstaat zu finanzieren.
Warum war das Wachstum plötzlich weg?
Weil das Nachkriegswachstum zu Ende ging. Bis in die sechziger Jahre hinein hatten die Kriegsfolgen das Wachstum hoch gehalten. Die Häuser mussten wieder aufgebaut werden, ehemalige Soldaten bekamen neue Arbeitsstellen, und der internationale Handel kam in Gang. Das war in den siebziger Jahren alles erledigt und konnte kein Wachstum mehr bringen. Selbst die technische Entwicklung stockte. Dann probierten die Regierungen den Keynesianismus aus: Sie machten Schulden, und die Notenbanken druckten viel Geld. Prompt entstand Inflation - auch das hatte also nichts genützt. So kam es zur großen Deregulierung von Reagan und Thatcher in Amerika und Großbritannien. In diesem Moment fing die Ungleichheit der Einkommen an zu wachsen.
Die Länder können also nur noch wachsen, wenn sie in Kauf nehmen, dass die Unterschiede zwischen Arm und Reich größer werden?
So ist es auch wieder nicht. Die Gesellschaft muss Ungleichheit nicht hinnehmen. Sie kann zum Beispiel versuchen, die benachteiligten Leute besser zu fördern, und so dazu beitragen, dass sich die Einkommen wieder angleichen.
Das Bildungssystem in Deutschland sieht bisher eher so aus, als würden zu viele Kinder chancenlos sein.
Ich bin optimistisch. Die Ungleichheit kann noch zurückgehen. Inzwischen gibt es ja auch den Druck von der Straße, den Abstand zwischen Arm und Reich wieder anzugleichen.
Sie meinen die „Ein Prozent“-Bewegung, die sagt, vor allem das reichste Prozent hätte sich vom Rest der Bevölkerung abgesetzt.
Diese Geschichte vom reichsten Prozent halte ich für übertrieben. Natürlich geht es dem reichsten Prozent heute besser als früher. Aber dass die amerikanischen Demonstranten sich darauf konzentriert haben, war letztlich nur politische Taktik. Schließlich entwickelt sich nicht nur das reichste Prozent immer weiter von der Mitte der Bevölkerung weg, sondern auch die reichsten zehn Prozent. Die klassischen Fabrikarbeiter dagegen werden abgehängt.
Was kann man dagegen tun?
Es gibt zwei Wege: Der eine ist, den Reichen das Geld wegzunehmen. Der andere Weg ist, den Schwächeren zu helfen, so dass sie mehr Geld verdienen können. Die Demonstranten wollen den ersten Weg, sie fordern höhere Steuern für die Reichen. Aber das hat auch seine Nachteile: Wenn man die Steuern zu hoch hebt, werden die Reichen auch nicht mehr so hart arbeiten.
Die arbeiten doch sowieso nicht fürs Geld, oder?
Täuschen Sie sich nicht. Die Reichen von heute sind ganz anders als die Reichen vor hundert Jahren. Damals waren die Wohlhabenden sogenannte „faule Reiche“, die ihr Vermögen von ihren Eltern geerbt hatten. Heute gibt es unter den Superreichen viel mehr Menschen, die sich das Geld tatsächlich erarbeitet haben...
...oder als Banker vor der Finanzkrise gut profitiert haben.
Das macht schon etwas aus. Niemand hat bisher richtig verstanden, warum die Finanzbranche so viel Geld verdient.
Dann sind die Banker die neuen Reichen?
Nein, nicht allein. Schauen Sie: Einen Großteil des Reichtums haben zum Beispiel Unternehmer gemacht - die Gründer von Facebook oder von Microsoft. Das ignorieren aber viele Leute, die auf die Banken schimpfen wollen. Dabei sind es nicht nur die Unternehmer, die Geld verdienen. Wenn Sie in die zweite Reihe schauen, dann finden Sie dort reiche Rechtsanwälte, Ärzte, Wissenschaftler oder Politiker. Sie alle arbeiten für ihr Geld. Aber heute können sie damit reich werden, weil Talente einfach besser bezahlt werden als früher. Ich würde trotzdem nicht deren Gehalt besteuern, um die Ungleichheit zu kämpfen, sondern die Chancen der Armen verbessern.
Und wie soll das gehen?
Bildung ist ganz wichtig. Man muss etwas können - denn wer etwas kann, der ist gefragt. In Amerika sehen wir schon, dass die Leute das selbst in die Hand nehmen.
Wie das?
Viele Frauen kündigen oder suchen, wenn sie arbeitslos sind, keine neue Stelle. Das tun sie nicht etwa, weil sie nicht mehr arbeiten wollen, sondern sie gehen zurück zur Universität und machen noch einmal ein Examen, damit sie danach eine bessere Stelle bekommen. Das ist meine Hoffnung für die Zukunft: Wenn wir solche gut ausgebildeten Leute nach ihrem Examen in die richtigen Arbeitsstellen bringen, dann kann auch das Wachstum wieder zulegen.
Treffen der Ökonomen in Chicago
Was hilft gegen Ungleichheit? Wie reguliert man Ratingagenturen? Und ist der Euro noch zu retten? All diese Fragen wurden an diesem Wochenende in Chicago erörtert. Dort kamen rund 14.000 Wirtschaftsforscher aus aller Welt zum Jahreskongress der American Economic Association (AEA) zusammen, um Lösungen für die großen Probleme der Zeit zu finden. Selten stand so viel Finanzkrise auf dem Programm wie in diesem Jahr. Denn inzwischen werden Forschungsprojekte fertig, die die ersten Lehren aus der Krise ziehen. Der angesehene Währungsökonom Maurice Obstfeld zum Beispiel glaubt, dass Handelsungleichgewichte gar nicht schlimm sein müssen - zumindest, solange sich nicht zu viele Kredite zwischen den beteiligten Ländern aufbauen. EZB-Ökonomen schätzen, dass die Konjunkturprogramme in der Finanzkrise das Bruttoinlandsprodukt um bis zu 0,5 Prozent verbessert haben. Und junge Bildungsökonomen zeigen, dass gute Bildungspolitik schon vor dem dritten Geburtstag ansetzen muss, weil diese Zeit für Kinder besonders wichtig ist. Am Rand der Tagung entstand auch unser Gespräch mit Raghuram Rajan, Professor an der Business School der Universität Chicago. Sein jüngstes Buch gibt es ab April auch auf Deutsch: „Verwerfungen: Warum sie noch immer die Weltwirtschaft bedrohen„. Finanzbuch Verlag. „Reiche werden reicher. Die Arbeiter in der Fabrik werden abgehängt.„ „Heute wird man schneller reich, weil Talente besser bezahlt werden.“
Die Finanzbranche hat das schon sehr wohl verstanden
Arno Nymos (a.nymos)
- 11.01.2012, 00:51 Uhr
Jeder nach seinen Fähigkeiten und jedem nach seinen Grund-Bedürfnissen
Dr. Ludwig Paul Häußner (wittigofranko)
- 10.01.2012, 15:05 Uhr
Kopfschmerzen
Karl May (kpdsu)
- 10.01.2012, 06:09 Uhr
Systemimmanente Umverteilung
Matthias Lehmann (Atzlar)
- 10.01.2012, 01:21 Uhr
Apologeten der Ungleichheit 2
Gregor Anselmann (starald)
- 09.01.2012, 23:14 Uhr