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Chicago-Ökonom Rajan „Ungleichheit müssen wir nicht hinnehmen“

Warum wird die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer? Was kann man dagegen tun? Darüber spricht der Chicago-Ökonom Raghuram Rajan im Interview - und über abgehängte Arme, faule Reiche und den Wert guter Bildung.

© Müller, Verena Vergrößern Raghuram Rajan, Professor an der Business School der Universität Chicago, hebt die Bedeutung von Bildung hervor

Professor Rajan, der Einkommensabstand zwischen Reich und Arm wird überall immer größer. Woran liegt das?

Es gibt eine ganze Menge Ungleichheit, sie wächst vor allem in den Industrieländern. Wir sollten aber nicht vergessen, dass die Entwicklungsländer zuletzt sehr schnell aufgeholt haben. Deshalb bin ich mir nicht so sicher, ob die Ungleichheit wirklich auf der ganzen Welt zunimmt.

Okay. Zwischen den Ländern nimmt die Ungleichheit ab. Aber bei den Menschen innerhalb vieler Länder nimmt sie zu.

Ja, das gilt überall auf der Welt. Und zwar nicht nur innerhalb der Industrieländer, sondern sogar innerhalb von Entwicklungsländern. Schließlich sind dort auch schon viele Leute reich geworden.

Woher kommt diese neue große Ungleichheit?

Dafür gibt es gleich drei Gründe. Der erste ist, dass die technische Entwicklung unqualifizierte Arbeit oft überflüssig gemacht hat. Im Gegenzug ist die hochqualifizierte Arbeit wichtiger geworden: Dafür können die Menschen höhere Gehälter verlangen. Sehen Sie: Früher haben Leute im Büro Zahlenkolonnen zusammengezählt und damit ordentlich verdient. Heute macht das der Computer.

Und dazu kommt die Billigkonkurrenz aus China, die die Löhne drückt.

Viele Leute sehen die Schuld bei der Globalisierung. Die Schwellenländer haben nämlich viele schlecht ausgebildete Arbeitskräfte. Deshalb sind einige Jobs in die Schwellenländer abgewandert. Aber das sind nicht die einzigen Gründe für die Ungleichheit, schuld ist auch die Deregulierung.

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Deregulierung ist unbeliebt, viele Leute machen sie für die Finanzkrise verantwortlich. Aber was hat das mit wachsenden Ungleichheiten zu tun?

Das kann ich Ihnen erklären. Denken Sie zurück an die fünfziger Jahre. Damals waren Banken und Industrie viel stärker reguliert als heute. Deshalb war die Konkurrenz zwischen den Firmen schwächer als heute, die Firmen haben mehr Gewinn gemacht, und diesen Gewinn haben sie mit den Arbeitnehmern geteilt, denn es gab starke Gewerkschaften. Das hatte nicht nur Vorteile. Für die Verbraucher wurde das Leben sogar schwieriger: Sie hatten weniger Auswahl und mussten hohe Preise zahlen. Aber andererseits hatten sie sichere und gut bezahlte Stellen in den Firmen.

Wie hat sich das geändert?

Es begann mit der Deregulierung der Arbeitsmärkte und von bisher geschützten Dienstleistungen - Fluglinien oder Telefongesellschaften zum Beispiel -, die in den achtziger Jahren in den Vereinigten Staaten begonnen hat. Dadurch wurde das Geschäft für die Firmen schwieriger. Sie mussten effizienter produzieren, konnten also weniger teure Mitarbeiter durchschleppen. Gleichzeitig mussten sie um die besten Leute hart konkurrieren und ihnen hohe Gehälter zahlen. Deshalb glaube ich, dass die Deregulierung den Trend zur Ungleichheit verstärkt hat.

Ist es nicht andersrum? Die große Deregulierung in Deutschland ist erst gekommen, als schon viele Leute arbeitslos waren und die Ungleichheit schon gestiegen war. Die Deregulierung hat dann neue Stellen gebracht.

Wenn Sie nur Deutschland angucken, stimmt das. Aber Sie müssen bedenken: Die Deregulierung hat ja nicht in Deutschland begonnen, sondern in Amerika und Großbritannien. Und als es losgegangen war, musste Deutschland nachziehen.

Und warum hatten die angelsächsischen Staaten mit der Deregulierung begonnen?

Sie wollten ihr Wirtschaftswachstum fördern. Das wurde nämlich zu jener Zeit immer langsamer. Dabei hatten die Amerikaner und Briten noch eine frische Erinnerung an die sechziger Jahre, in denen es noch richtig aufwärtsgegangen war. Damals hatten die Staaten ihre Wohlfahrt ausgebaut und ihren Bürgern große Wohltaten versprochen. Aber dann ging das Wachstum zurück, und das machte es auch schwieriger, den Wohlfahrtsstaat zu finanzieren.

Warum war das Wachstum plötzlich weg?

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Veröffentlicht: 09.01.2012, 13:44 Uhr

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