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Veröffentlicht: 20.03.2015, 12:34 Uhr

Jeremy Rifkin Der Herr der Dinge

Jeremy Rifkin schreibt in seinen Büchern, wie sich unsere Arbeitswelt durch den technischen Wandel verändert. Die vernetzte Welt fordere ein gewaltiges Investitionsprogramm - wenn die Arbeit getan sei, könne sich die Menschheit zurücklehnen.

von
© dpa Jeremy Rifkin auf der Cebit.

Der 70 Jahre alte amerikanische Ökonom und Bestsellerautor Jeremy Rifkin träumt. Wenn man ihm zuhört, erfährt man - spannend erzählt -, wie die Welt in 50 Jahren aussehen könnte: Alles wäre mit allem vernetzt, Maschinen produzierten munter nachhaltige Wirtschaftsgüter. Die Menschen lebten in einer Wirtschaft, in der sehr viel mehr Dinge von noch mehr Menschen gemeinsam benutzt würden.

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Die Energie, die man dazu braucht, die miteinander vernetzten Dinge zu produzieren, zu verteilen und zu benutzen, käme aus erneuerbaren Energiequellen. Die Zeit bis dahin würde wegen der hohen Investitionen, die für den Ausbau der dafür notwendigen, digitalen oder „smarten“ Infrastruktur notwendig wären, von einem Beschäftigungsboom gekennzeichnet sein. Danach könnten sich die meisten Menschen schöngeistigeren Dingen zuwenden, um sich zu beschäftigen.

Rifkin, ein freundlicher Intellektueller, der von seinen Gesprächspartnern Pünktlichkeit und eine akribische Vorbereitung verlangt, würde sich selbst niemals als Träumer bezeichnen. Selbst das Wort „Optimist“ ginge ihm zu weit. „Überall, wo man Hürden erkennen kann, sehe ich sie auch“, sagt er während einer Begegnung auf der Computermesse Cebit in Hannover. „Wenn überhaupt, dann bin ich kontrolliert hoffnungsvoll, aber auf keinen Fall naiv“, beschreibt Rifkin sich selbst.

Gewiss könne alles auch ganz anders kommen. Schließlich sei die Welt in den vergangenen Jahren immer unsicherer geworden. Aber eine Alternative zu dem von ihm beschriebenen Szenario sei zu unerfreulich, um sich so die Zukunft vorstellen zu wollen. Als Berater, der mit Vorstandsvorsitzenden und Politikern über die Zukunft nachdenkt, ist Rifkin jedenfalls sehr gefragt. Sein im vergangenen Jahr erschienenes, jüngstes Buch „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft - Das Internet der Dinge, kollaboratives Gemeingut und der Rückzug des Kapitalismus“ hat sich ebenfalls eine längere Zeit auf den Bestsellerlisten gehalten.

Weltumspannende Infrastruktur

Grundsätzlich verspricht Rifkin darin ein „Super-Internet der Dinge“, welches die weltumspannende Infrastruktur der Kommunikation, der Logistik und der Energie miteinander vernetzt. Technologiesprünge auf diesen drei Gebieten seien auch schon für die vorangegangenen industriellen Revolutionen kennzeichnend gewesen. Die Auswirkungen dieses Super-Internets seien weitreichend, schaffe es doch die Grenzkosten ab: „Eine neue Form des Wirtschaftens wird entstehen, weil technologische Umwälzungen die Grenzkosten vieler Produktionsprozesse auf nahezu null reduzieren“, sagt Rifkin. Das sind die Kosten, die für jede zusätzlich produzierte Einheit eines Guts anfallen. Wenn die Grenzkosten null sind, kann man demnach kostenlos produzieren, sobald die Fixkosten gedeckt sind. Langfristig führt das nach Rifkins Ansicht zum Rückzug des Kapitalismus.

Doch das ist die ganz große Vision. Im Hier und Jetzt fasziniert Rifkin das deutsche Experiment der Umstellung der gesamten Stromversorgung des Landes, die ja grundsätzlich seinen Vorstellungen von der Zukunft folgt. Dass bisher kein anderes Industrieland der Welt der deutschen Energiewende folgt, wirft Rifkin nicht aus der Bahn. Dass andere erheblich in den Neubau von Atomkraftwerken investieren? „Ein Fehler.“ Deutschland könne der Welt zeigen, wie es besser gehe. Das hören die deutschen Politiker natürlich gern, weshalb Rifkin kurz nach der Cebit schon wieder in Deutschland sein wird, als Redner auf der Energiewendekonferenz „Berlin Energy Transition Dialoge“ Ende März in Berlin, die von der Bundesregierung und dem Bundesverband Erneuerbare Energien veranstaltet wird.

Rifkin sieht Nachholbedarf bei Energiespeicherung

Dort wird Rifkin wieder von einem Land schwärmen, in dem jeder seine eigene erneuerbare Energie produzieren kann. Er wird sagen, dass die großen Energiekonzerne sich völlig umbauen müssen, dass Eon seine neue Strategie nicht zuletzt seiner Inspiration verdanke und dass auch im Energiewende-Vorzeigeland noch längst nicht alles Gold ist, was glänzt. „Vor allem in Fragen der Stromspeicherung hat Deutschland Nachholbedarf“, sagt Rifkin. Es müsse mehr in die Forschung von Wasserstoff- und anderen Speichertechnologien investiert werden, vor allem von der Industrie. „Auch beim Ausbau eines Energie-Internets hinkt Deutschland hinterher. Smart Meter, digitale Stromzähler, müssen und werden schneller kommen, als es bisher vorgesehen ist. Da sind ja selbst die Vereinigten Staaten schneller gewesen.“

Auf die Frage, ob das Geld für die notwendigen Investitionen in die Infrastruktur in den überschuldeten Staaten dieser Welt überhaupt zur Verfügung stehe, gebe es eine leichte Antwort: „Selbstverständlich. Es gibt angesichts der niedrigen Zinsen genug Geld auf der Welt, das lukrative Anlagemöglichkeiten sucht. Hinzu kommt, dass man das, was ohnehin laufend in die Infrastruktur investiert wird, schon heute intelligenter für digitale Netze ausgeben kann - und nicht in die Systeme stecken muss, die die Hinterlassenschaft der letzten industriellen Revolution sind.“

Die Umsetzung indes, sie hakt immer wieder. Aber Rifkin ficht das nicht an, in noch größeren Dimensionen zu denken. Europa habe eine große Zukunft, wenn es sich nur modernisiere, und dasselbe gelte für das Cebit-Partnerland China, das - nicht zuletzt durch seine Thesen inspiriert - ebenfalls erheblich in das Internet der Dinge investiere. Nicht auszudenken seien vor allem die Chancen einer „eurasischen High-tech-Seidenstraße“, welche die Märkte von Schanghai bis Dublin miteinander verbinden könne. „Technisch ist das möglich und wünschenswert. Politisch ist es schwierig, ich weiß“, sagt Rifkin. Aber auch zu dieser Vision sieht er langfristig nur eine Alternative, die so unattraktiv ist, dass sich die Menschen letztlich gegen sie entscheiden würden. Denn wenn Rifkins Visionen nicht Wahrheit würden, heiße die Realität weniger Wachstum, weniger Produktivität, hohe Arbeitslosigkeit und eine verschmutzte Umwelt. Und wer könne das schon wollen?

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