http://www.faz.net/-gqe-761mr
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 28.01.2013, 09:24 Uhr

Cyber-Spionage Digitale Jagd auf Roter Oktober

Eines der größten Spionagenetzwerke seit Ende des Kalten Krieges: „Roter Oktober“ spionierte mehrere hundert Regierungsrechner, Militärcomputer und Steuerungssysteme der Energiewirtschaft aus.

von Peter Welchering
© Peter Welchering Blick auf den Code: „Roter Oktober“ wird sukzessive entschlüsselt, eine schöne Herausforderung

Mehr als 60 Kontrollrechner haben das global arbeitende Spionagenetzwerk gesteuert. Über mindestens fünf Jahre hinweg sind Computer in Amerika, West- und Osteuropa, auf der Arabischen Halbinsel und in Teilen Asiens gezielt ausgespäht worden. Diplomatenpost, Forschungsergebnisse und sensible Daten, die Aufschluss geben über die Steuerung von Öl- und Gasförderanlagen und -pipelines, sind genauso erbeutet worden wie Regierungsdokumente und hochsensible virtuelle Blaupausen aus kerntechnischen Anlagen.

„In Washington, Moskau und Brüssel herrscht Alarmstufe Rot“, berichtet ein führender Cybercrime-Experte von Interpol. Und in den Schadsoftware-Laboratorien des Antivirenherstellers Kaspersky an der Volokolamskly-Passage in Moskau gehen seit Wochen die Lichter nicht mehr aus. Fieberhaft enttarnen die Netzspezialisten einen Kontrollserver des Spionagenetzwerks nach dem anderen, akribisch ermitteln sie, welche Sicherheitslücken die Trojaner und andere Angriffsprogramme sowie Schnüffelsoftware ausgenutzt haben, um auf so viele eigentlich hochgesicherte Computersysteme von Regierungen, Militärbasen und Forschungslabors zu kommen.

Kommentare in russischer Sprache

Bestürzend ist die Erkenntnis, dass ein Großteil der Spionageangriffe über bereits bekannte Sicherheitslücken lief. Teilweise waren die auf diese Lücken aufsetzenden Exploits genannten Angriffsprogramme bereits in den Jahren 2005 bis 2007 dokumentiert. Die bisher gefundene Schadsoftware ist enorm anpassungsfähig. Mehr als tausend teilweise miteinander vernetzte Schadprogramme haben die Virenjäger in der Volokolamskly-Passage bisher gefunden. Und noch immer stoßen sie auf neue digitale Spionagewerkzeuge.

Gut dreißig unterschiedliche Schnüffelmodule sind inzwischen rekonstruiert worden. „Dropper“ genannte eigens für ganz spezielle Angriffe programmierte Transport-Trojaner haben die Schadsoftware ins Ziel gebracht. Dabei haben die Täter Sicherheitslücken in Adobes Acrobat Reader und in Programmen der Office-Suite von Microsoft elegant ausgenutzt. Auch diese Programmfehlfunktionen und Angriffsmöglichkeiten waren seit langem bekannt und in Fachkreisen diskutiert.

Sowohl die Spionagemethoden als auch die Transporttechniken der Schadsoftware sind zum Teil bereits auf der Moskauer Sicherheitskonferenz im Dezember 2003 diskutiert worden. Selbst die Spionagewerkzeuge für Smartphones, die bisher identifiziert worden sind, wurden mehrfach auf verschiedenen Konferenzen vorgestellt und besprochen. Die Softwarewerkzeuge, um aus Smartphones Wanzen zu machen, sind beispielsweise im Jahr 2011 auf einer Sicherheitsmesse in Dubai von russischen und chinesischen Kunden geordert worden. Und nach Moskau und Peking zeigen denn auch im Falle von Roter Oktober einige Spuren. So tauchen im entschlüsselten Programmcode Kommentare in russischer Sprache auf. Außerdem sind einige Schadprogramme auf Computersystemen erstellt worden, auf denen ein chinesischer Zeichensatz installiert war.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Gundremmingen Computervirus in deutschem Atomkraftwerk entdeckt

Im Atommeiler im bayerischen Gundremmingen haben Techniker eine Schadsoftware im Computersystem entdeckt. Das Ziel des Virus: das Kraftwerk mit dem Internet zu verbinden. Mehr

25.04.2016, 22:30 Uhr | Wirtschaft
Video Prozess um Messer-Angriff auf Henriette Reker hat begonnen

Der Prozess gegen den mutmaßlichen Attentäter auf die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker hat begonnen. Dem Angeklagten Frank S. wird vorgeworfen im vergangenen Oktober bei einer Wahlkampfveranstaltung versucht zu haben, Henriette Reker mit einem Messer zu töten. Mehr

15.04.2016, 13:55 Uhr | Politik
Schadsoftware Die hinterhältigste Masche der Computerkriminellen

Diebstahl, Erpressung, Lösegeldforderung: Was im wirklichen Leben funktioniert, setzen Verbrecher auch im virtuellen um. Und richten damit für Privatleute und Unternehmen großen Schaden an. Mehr Von Thiemo Heeg

03.05.2016, 07:22 Uhr | Wirtschaft
Video Gefährliche Falle auf chinesischer Kreuzung

Bilder einer Überwachungskamera in der chinesischen Millionenstadt Hangzhou zeigen, wie ein Polizist auf einer belebten Kreuzung stehen bleibt und offensichtlich einen Riss in der Fahrbahn bemerkt. Wenig später fällt der Asphalt in sich zusammen, es entsteht ein 20 Quadratmeter großer Krater. Mehr

26.04.2016, 11:01 Uhr | Gesellschaft
Weltraumbahnhof Wostotschnyj Gagarins Bild ziert die erste Rakete

Russland eröffnet seinen neuen Weltraumbahnhof im Fernen Osten - aber die Ziele im All sind noch nicht ganz klar. Mehr Von Friedrich Schmidt, Moskau

26.04.2016, 19:48 Uhr | Gesellschaft