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Veröffentlicht: 12.03.2014, 20:08 Uhr

Cebit Die nach den Daten jagen

Auf der Computermesse Cebit stellen sich junge Unternehmen vor, die mit der massenhaften Datenanalyse Geld verdienen wollen. Beim Start-up-Wettbewerb gewann Viewsy.

von , Hannover
© Pilar, Daniel So leer ist die Code-N-Halle nur in den Morgenstunden: Die von den Künstlern Clemens Weisshaar und Reed Kram gestaltete Fläche ist ein Besuchermagnet.

Eigentlich sollten sich Bauingenieure an die Gesetze der Geometrie halten. Doch für den geschäftlichen Erfolg im Internet müssen sie manchmal auch Regeln der eigenen Zunft dehnen – so wie das Berliner Unternehmen Sablono auf der Computermesse Cebit in Hannover. Die Softwarelösung, die die drei Bauingenieure Lukas Olbrich, Felix Enge und Sven Richter auf den Markt bringen wollen, soll dank massenhafter Datenanalyse die Planung von Baustellen verbessern. Für die Vermarktung dieser Software gehen die drei Ingenieure dann auch gern über die bekannten Dimensionen Höhe, Länge und Tiefe hinaus.

Martin Gropp Folgen:

Gleich in fünf Dimensionen sollen Bauunternehmen, Bauprojektierer oder Architekten dank Sablono künftig denken, um Geld zu sparen. „Im Bauwesen ist alles möglich“, sagt Olbrich mit einem Augenzwinkern. Also ergänzen er und seine Partner die schon recht gängige dreidimensionale Bauterminplanung per 3D-Computermodell um Kosten und Zeit: „Vor allem die Zeit kann unsere Konkurrenz noch nicht wirklich abbilden“, ist Olbrich überzeugt, einen Vorteil gegenüber anderen Anbietern von dreidimensionaler Bauterminplanung zu haben.

Wettbewerb für Start-up-Unternehmen

Sablono ist eines von 50 jungen Unternehmen, die in diesen Tagen in der Halle 16 der größten Computermesse der Welt ihre Geschäftsmodelle vorstellen und nach Kunden oder Investoren suchen. Zum dritten Mal in Folge findet der von dieser Zeitung als Medienpartner unterstützte Start-up-Wettbewerb Code-N im Rahmen der Cebit statt. Vom Stuttgarter IT-Unternehmen GFT ins Leben gerufen, soll der Gründerwettstreit den Geist einfangen, der Menschen wie Lukas Olbrich antreibt, sich auf die eigenen Füße zu stellen statt vielleicht eine Karriere als angestellter Ingenieur einzuschlagen.

Cebit 2014 - Bundeskanzlerin Angela Merkel und Großbritanniens Premierminister David Cameron eröffnen in Hannover gemeinsam die weltgrößte Computermesse und machen den traditionellen Rundgang. © Pilar, Daniel Vergrößern Die Gründer von Sablono

Mehr denn je hängt die in Hannover zu besichtigende Selbständigkeit vom „Öl des 21. Jahrhunderts“ ab: Von Daten, die Menschen und auch immer mehr Maschinen im Internet abgeben und speichern. Das zeigt sich zum einen im Motto des Wettbewerbs: „Driving the Data Revolution“. Das beweist aber auch die Halle 16 selbst: An den Wänden haben die Designer Clemens Weisshaar und Reed Kram versucht, mit Hilfe von Daten das „Big Data“ genannte Phänomen der massenhaften Datenanalyse sichtbar zu machen. Genau diese Analyse liegt schließlich auch vielen Geschäftsmodellen der jungen Unternehmen zugrunde, die in Hannover um den mit 30.000 Euro dotierten Hauptpreis des Code-N-Wettbewerbs buhlen.

Software für Baustelle und Schaufenster

Das Berliner Unternehmen Sablono bohrt dabei ein dickes Brett, allein schon wegen der Branche, auf die es abzielt. Das Bauwesen sei immer noch geprägt von Papier, sagt Geschäftsführer Olbrich. Die Fortschritte auf einer Baustelle werden handschriftlich in Listen festgehalten, die Abstimmung finde oft von Mund zu Mund statt. In einem ersten Schritt soll Olbrichs Software diese Art der Kontrolle digitalisieren. Nutzt ein Polier später einmal die Software, soll er die Fortschritte nicht auf einer Liste abtragen. Stattdessen soll er am besten gleich mit einem Tabletcomputer beim Gang über die Baustelle angeben, ob eine Mauer fertig oder ein Boden gegossen ist. Doch bis dahin sei es ein weiter Weg. „Allein die mobile Ist-Erfassung des Fortschritts auf einer Baustelle wäre schon ein großer Schritt“, sagt Olbrich. Sollte der gelingen, will er aber dort auch nicht haltmachen: „Die Vision ist natürlich, später alles zu erfassen – von der Anlieferung des Materials bis dahin, wo es dann letztendlich verbaut wurde.“ Für sein Unternehmen geht es nun aber erst einmal darum, weitere Kunden zu finden. Ein Unternehmen nutze die Ist-Erfassung schon beim Bau von Einkaufszentren. Mit großen Bauunternehmen führe Sablono derzeit Gespräche, um dann tatsächlich auch die fünfdimensionale Vollversion in einem Probelauf auf einer Baustelle testen zu können.

Cebit 2014 - Bundeskanzlerin Angela Merkel und Großbritanniens Premierminister David Cameron eröffnen in Hannover gemeinsam die weltgrößte Computermesse und machen den traditionellen Rundgang. © Pilar, Daniel Vergrößern Odera Ume-Ezekoe von Viewsy, Gewinner des diesjährigen Wettbewerbs

Über die Testphase ist dagegen das Unternehmen Viewsy hinaus, dem die Jury am Mittwochabend den diesjährigen Code-N-Preis zusprach. Viewsy ermögliche es stationären Einzelhändlern, „die Methodiken des Online-Handels auf die reale Welt zu übertragen“, sagt Chika Mbonu. Sein Unternehmen nutzt dafür eine Datenquelle, die inzwischen die Mehrzahl der Menschen ständig mit sich herumträgt: das Smartphone. Einzelhändler, die mit Viewsy zusammenarbeiten, stellen in ihren Läden Sensoren auf, die erfassen, wenn ein Smartphonenutzer das Geschäft betritt. Die Erfassung funktioniert nur, wenn das Smartphone seine Funknetzverbindung (W-Lan) aktiviert hat, sie erfolgt über die sogenannte Mac-Adresse – eine Nummer, mit der jedes W-Lan-fähige Gerät auf der Welt ausgezeichnet und eindeutig identifizierbar ist.

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Der Händler erfährt so zum Beispiel, wie viele Menschen an seinem Laden vorbeigegangen sind, wie viele hereinkamen, wo sie sich aufhielten und ob sie am Ende auch etwas gekauft haben. Und er kann auswerten, ob bestimmte Menschen schon einmal in seinem Geschäft waren. Sollten ihm die Zahlen nicht gefallen, kann er ausprobieren, ob zum Beispiel ein umgeräumtes Schaufenster mehr Menschen in den Laden lockt.

Weil das für viele Menschen erst einmal unheimlich klingt, bemüht sich Viewsy-Mann Mbonu direkt, Datenschutzbedenken die Grundlage zu nehmen. „Wir geben nur aggregierte Daten an die Händler weiter, niemals personalisierte“, sagt er. Mbonu sieht sich damit auch im Kontrast zum herkömmlichen Online-Handel, der sehr viele sehr persönliche Daten sammele. „Die Identifikation über das Handy ist wie ein Haus ohne Namensschild, nur mit Hausnummer.“ Und für alle, die die Hausnummer Viewsy nicht mitteilen wollen, gebe es die Möglichkeit, ihre Mac-Nummer über die Internetseite des Unternehmens sperren zu lassen.

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