http://www.faz.net/-gqe-8w21t

Cebit 2017 : Was heißt hier Computer?

Cebit 2017 in Hannover Bild: AP

Desktops und Notebooks spielen in Hannover längst keine Rolle mehr. Der „Computer“ ist heute dennoch allgegenwärtig. FAZ.NET stellt die Schwerpunkte der diesjährigen Cebit vor.

          Die Cebit ist in den vergangenen Jahren mächtig geschrumpft. Von 755.000 Besuchern wie vor gut zwei Jahrzehnten, als Bill Gates in Hannover das Microsoft-Betriebssystem Windows 95 vorstellte, können die Veranstalter heute nur träumen. Die Deutsche Messe AG ist schon froh, wenn 200.000 Menschen das ausladende Messegelände bevölkern.

          Jonas Jansen
          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Trotzdem gilt die Cebit noch immer als die größte Computermesse der Welt. Der Begriff „Computer“ wird inzwischen jedoch sehr weit ausgelegt. Desktops oder Notebooks spielen allenfalls noch eine Nebenrolle. „Computer“ ist in Zeiten allumfassender Vernetzung eigentlich alles, was sich mit dem Internet verbinden lässt. „Elektronische Datenverarbeitungsanlagen“ – so die Wikipedia-Definition – haben inzwischen die Form von Automobilen, Smartphones und Zahnbürsten angenommen.

          Schutz smarter Systeme im Blickpunkt

          Und so gehört das Thema Internet der Dinge, nach der englischen Bezeichnung mit IoT abgekürzt, zu den ganz großen Themen der Cebit. Die konkreten Schätzungen liegen um viele Milliarden auseinander, aber ob es bis zum Jahr 2020 nun 20 Milliarden vernetzte Geräte sind oder 50 Milliarden, das ist letztlich nicht wichtig. Entscheidend ist die Erkenntnis, die sich von Halle 3 im Nordosten bis Halle 12 im Südwesten zieht: Alles ist online.

          Die einen betrachten diese Entwicklung als die größte Bedrohung der Menschheit überhaupt, als Datenschutz-GAU, als Ende der Privatsphäre, wie wir sie kennen. In Hannover stellt man naturgemäß eher die Chancen heraus. Die mit der Vernetzung entstehenden „unzähligen neuen Anwendungen und Geschäftsideen“ sollen die Besucher anregen und faszinieren – von der Straßenlaterne, die Schadstoffe misst, bis zum Weinberg, der dem Winzer den Reifegrad der Reben automatisiert mitteilt: „IoT ohne Grenzen“, jubelt die Industrie.

          Aber sie weiß auch: Unsicherheit kann das System rasch kollabieren lassen. Ein Blick auf die Cyberangriffe der jüngsten Zeit macht klar: Wenn Systeme durch Hacker angegriffen werden und stundenlang ausfallen, wird es teuer. Ganz zu schweigen von Angriffen auf reale Dinge wie Autos: Hier geht es um Menschenleben und um das generelle Vertrauen in die Technik. Entsprechend prominent wird das Thema Cybersecurity in Hannover behandelt. In einem eigenen Ausstellungsbereich präsentieren Unternehmen eine Bandbreite an IT-Sicherheitslösungen: angefangen bei der App für das Smartphone, die abhörsicheres Telefonieren über Software in Echtzeit gewährleisten soll, bis zur kostenlosen sogenannten Volksverschlüsselung. Auch der Schutz smarter Systeme steht im Blickpunkt. Wer schon einmal gesehen hat, wie leicht ungeschützte private Überwachungskameras über eine einfache Suchmaschine aufgespürt und beobachtet werden können, ist sofort davon überzeugt, wie akut das Thema ist.

          Größenordnung von 80 Milliarden Euro

          Einigen Beobachtern kommt es wohlbekannt vor, was der Cebit-Veranstalter Deutsche Messe Jahr für Jahr wieder als wichtiges Thema identifiziert. Zu den Dauerbrennern zählt die Auslagerung von Dateien, Services und Dienstleistungen in die sogenannte Cloud, also in externe Rechenzentren. In diesem Jahr ist etwas wirklich neu: Eine große Mehrheit von Firmen hat inzwischen an der generellen Sinnhaftigkeit der Technik keine Zweifel mehr. Zwei von drei deutschen Betrieben nutzen nun Cloudangebote, wie eine Umfrage im Vorfeld der Cebit ergeben hat. Sie geben ihre Daten also aus der Hand – und profitieren letztendlich davon, weil sie dadurch effizienter arbeiten können. Im Ausstellungsbereich Big Data & Business Intelligence wird erklärt, wie das geht. Der Besucher lernt: Die Cloud ist angekommen. Im Gegensatz zu früheren Jahren, in denen noch eine gehörige Portion Skepsis herrschte.

          Am meisten dürften Privatbesucher drei Topthemen interessieren: Wie leben wir künftig, begleitet von künstlicher Intelligenz (KI/AI) und virtueller Realität (VR), und welche Rolle spielen Drohnen? Auch darauf versprechen die Computermesse und vor allem die vielen innovativen Start-up-Unternehmen in der Halle 11 Antworten.

          Auf generelles Interesse dürften auch Technologien stoßen, die ein noch schnelleres Internet versprechen – allen voran der schnelle Mobilfunkstandard 5G. Er gilt als Voraussetzung für das Internet der Dinge. Aber auch der leitungsgebundene Breitbandausbau wird erörtert, zumal er politisch – Stichwort „Gigabit-Gesellschaft“ – einen hohen Stellenwert genießt. Langfristig, so sehen es die meisten Fachleute, führt am Glasfaserausbau kein Weg vorbei, wenn es um schnelles Internet geht. Doch Glasfaser flächendeckend in Deutschland zu verlegen käme extrem teuer – gerechnet wird mit einer Größenordnung von 80 Milliarden Euro.

          Das Image städtischer Depression

          Deshalb rüsten die Anbieter ihre vorhandene Infrastruktur auf. Ihre große Chance wittern vor allem Fernsehkabelanbieter wie Vodafone Kabel Deutschland oder Tele Columbus. Längst verdienen sie ihr Geld auch mit Internetanschlüssen – und präsentieren sich dabei gerne als die schnelleren Datentransporteure. Vodafone etwa will Bayern 2019 zum „ersten Gigabit-Land“ machen. Auf der Cebit prescht nun der Konkurrent Unitymedia vor.

          Das Unternehmen ruft nach Informationen der F.A.Z. am Montag im Beisein des Düsseldorfer Landeswirtschaftsministers Garrelt Duin die Ruhrpottstadt Bochum zur „ersten Gigabitcity Deutschlands“ aus. Im ersten Quartal 2018 sollen den Planungen zufolge den Bewohnern entsprechende Internetzugangsangebote gemacht werden. SPD-Oberbürgermeister Thomas Eiskirch spricht euphorisch von der „schnellsten Stadt Deutschlands“. Vergessen machen will er das Image städtischer Depression, verbunden mit den Namen von Nokia und Opel. Ein schönes Beispiel, wie Computer, Internet und Digitalisierung ganz neue Horizonte eröffnen.

          Unbenanntes Dokument

          Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

          Die ganze F.A.Z. in völlig neuer Form, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken, optimiert für Smartphone und Tablet. Jetzt gratis testen.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Grasland Video-Seite öffnen

          Cannabis-Anbau in Albanien : Grasland

          Albanien ist zum größten Marihuana-Lieferanten Europas geworden. Die Mafia verdient Milliarden, die Regierung in Tirana hat ihr wieder einmal den Krieg erklärt. Recherchen von der Front.

          Die Zukunft wird schlauer

          Künstliche Intelligenz : Die Zukunft wird schlauer

          Künstliche Intelligenz ist heute schon ein Riesenthema. In Zukunft trägt sie dazu bei, dass jeder für wenig Geld studieren kann, die medizinische Versorgung exzellent wird – und irgendwann Mensch und Computer verschmelzen.

          Topmeldungen

          Streit in der AfD : Kein Wort, zu niemandem

          Kurz vor der Bundestagswahl kann auch die AfD keinen Skandal mehr gebrauchen. Wie der Vorsitzende Jörg Meuthen verhindern will, dass Äußerungen von Frauke Petry weitere Kreise ziehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.