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Veröffentlicht: 15.03.2016, 17:40 Uhr

Cebit Die müde Kanzlerin schreitet voran

Eigentlich findet Angela Merkel die Themen auf der Cebit spannend. Aber dieses Jahr ist sie mit ihren Gedanken woanders.

von und , Hannover
© dpa Die Kanzlerin testet bei ihrem Rundgang einen biometrischen Handvenenscanner. Erkennt das Gerät die richtige Handfläche, öffnet er zum Beispiel eine Tür. Bei der Kanzlerin hat es nicht funktioniert.

„Sehr interessant, und viel Erfolg“: das ist der Standardsatz der Kanzlerin, mit dem sie einen Standbesuch auf der Cebit abschließt. Und das geht Schlag auf Schlag – im Rhythmus von fünf bis zehn Minuten. Das Programm ist anstrengend, und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sieht man an, dass sie in diesen Wochen mit größeren Problemen konfrontiert ist als mit einem Messerundgang.

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Manchmal, nämlich in den Momenten, in denen sie nur zuhört, ist ihr Gesicht im Vergleich zu den Bildern von ihr auf den Wahlplakaten der vergangenen Bundestagswahl um mehr als die rund zweieinhalb Jahre gealtert, die seither vergangen sind. Sie hört den Vertretern der Unternehmen in der kurzen Zeit zwar zu, sie stellt auch die richtigen Fragen – und scheint in Gedanken doch immer wieder woanders zu sein.

Mehr Videos und Texte von der IT-Messe Cebit finden Sie auf unserer Themenseite.

Neben den obligatorischen Besuchen von Unternehmen des diesjährigen Messe-Partnerlandes Schweiz stehen weitere elf Stationen auf dem rund zweistündigen Programm. Die ETH Zürich versucht sich mit Nähe einzuschmeicheln – bei der Frau mit der blauen Jacke und der schwarzen Hose. In der naturwissenschaftlich-technischen Hochschule sei „ein großes Stück Deutschland drin“, heißt es. Mehr als 150 der insgesamt 500Professorinnen und Professoren seien Deutsche. Doch nicht jeder Einwanderer ist heutzutage in seinem Gastland so willkommen. Keiner weiß das besser als Merkel. Im Verlauf des Besuchs erfindet die Bundeskanzlerin deshalb sogar ein neues Wort. Sie hatte launig etwas gezeichnet, was Umstehende für eine „Sorgenfalte“ hielten. In der Politik geht so etwas natürlich nicht, erst recht nicht in diesen Tagen: Wer hat schon Sorgen? In Wirklichkeit war es dem Diktum der Kanzlerin zufolge deshalb eine „Nachdenklichkeitsfalte“.

Cebit 2016 © dpa Vergrößern Die Kanzlerin bei ihrem Rundgang.

Zwischen die im Besuchsprogramm dominierenden Großkonzerne wie IBM, Intel, Microsoft oder SAP mischt der Cebit-Veranstalter Deutsche Messe gerne auch das eine oder andere Start-up. Mit solchen neu gegründeten Unternehmen war es schon am Schweizer Stand losgegangen. Später folgt der Frankfurter Sicherheitsanbieter Link11, der sich auf sogenannte „Ddos“-Attacken konzentriert hat, mit denen Cyberkriminelle Webserver und Netzwerke lahmzulegen versuchen. Geschäftsführer Jens-Philipp Jung hat schon Kontakte zur Bundesregierung geknüpft: Er arbeitet an der IT-Strategie des Forschungsministeriums mit. Merkel hat gleich mehrere Nachfragen und wünscht beim Abgang – natürlich: „Interessant, viel Erfolg.“

Am SAP-Stand erfährt die Kanzlerin schließlich von Entwicklungsvorstand Bernd Leukert, dass die Digitalisierung das Leben einfacher macht – für die Bürger und für die Behörden. Als es um intelligente Straßenlaternen geht, die rund 30 Prozent Kosten einsparen sollen, wird die Kanzlerin hellhöriger: Was diese Leuchten denn kosten, will Merkel wissen. 3000 Euro, sagt Leukert; den Preis für eine gewöhnliche Beleuchtung hat er zwar nicht parat. Aber 30 Prozent sind schließlich 30 Prozent. Überzeugende Argumente klingen anders.

 
Eigentlich findet Angela Merkel die Themen auf der Cebit spannend. Aber was ist diesmal los?

Solche etwas ernüchternden Momente gibt es auf dem Rundgang immer wieder: Merkel hört zu, ihr Gesicht erwacht zum Leben, dann kommt der entscheidende Hinweis, die Frage, die die Marketingspezialisten auf den Boden der Tatsachen zurückholt: „Warum so schwer?“ „Warum so teuer?“ „Haben Sie schon Kunden?“ Nein. Aha.

© AFP, reuters Merkel zeigt sich auf Cebit angetan von wirtschaftlichem Fortschritt

Die Deutsche Telekom präsentiert sich mit besonders viel Tamtam: „Gut, dass Sie da sind, willkommen bei der Deutschen Telekom“, ruft Konzernchef Tim Höttges ins Mikrofon, als begrüße er einen Popstar. Merkel lächelt – natürlich müde. Der Stolz der Bonner ist die neue „Open Telekom Cloud“ – ein Datenspeicher und Datenverarbeiter, der ausgehend vom Rechenzentrum Biere in Sachsen-Anhalt für hohe Sicherheit stehen soll. Etwas verloren steht Merkel mit Höttges neben einem der Computerschränke, von denen mehrere zehntausend ein Rechenzentrum füllen. Merkel zeigt sich auch hier als Kundenanwältin: „Was kostet es?“ Das ist sozusagen die Masterfrage des Rundgangs. Und: „Haben sie einen Tag- und Nachttarif?“ Nein, den gibt es nicht, sagt Höttges. Vielleicht wäre das, aber das sagt er natürlich nicht, für den Telekom-Vorgänger Deutsche Bundespost ein Geschäftsmodell gewesen. In solchen Momenten wirkt Merkel ein wenig wie aus der Zeit gefallen. So etwas wäre ihr auf früheren Cebit-Rundgängen nicht passiert.

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Am Ende macht sich die Anstrengung bei der Bundeskanzlerin auch für diejenigen bemerkbar, die sich zuvor nicht darauf konzentriert haben, in ihrem Gesicht zu lesen. Im Schluss-Statement bringt sie den Doppelnamen des schweizerischen Bundespräsidenten Johann Schneider-Ammann durcheinander. Gut, das kann einmal passieren. Schließlich macht in der Schweiz jedes Jahr ein anderer Politiker diesen Job.

Davon unabhängig, fällt ihr Fazit in Sachen Digitalisierung, dem allgegenwärtigen Thema der Cebit, so aus, wie sie es an allen Stationen gehört hat. Merkel formuliert das natürlich ein wenig staatsfraulicher: Industrie 4.0 und das Internet der Dinge „schreiten“, so die Regierungschefin, „voran“, und zwar in allen Bereichen des Lebens. Ob sie dabei zu sehr an ihren Rundgang gedacht hat?

Denn so gemächlich ist das Tempo der Digitalisierung im wahren Leben gar nicht. Sie selbst hatte doch zuvor gesagt, dass die Zeit dränge. Die Kanzlerin erwartet ein „beträchtliches Effizienzpotential“, und die Sicherheit spiele auch eine große Rolle. Der Bundespräsident der Eidgenossenschaft, die sich in Hannover als das IT-Land überhaupt präsentiert, sekundiert und lobt die Zusammenarbeit zwischen den beiden Nachbarn: „Supergut“ sei sie – und er weiß doch genau, dass das in den vergangenen Jahren wahrlich nicht für jede Sachfrage Gültigkeit hatte.

Dann noch ein Lächeln in die vor ihr aufgebaute Kamerafront, ein paar Schritte zum wartenden Wagen, und weg ist die Bundeskanzlerin. Es sind andere Themen, die ihr gerade auf der Seele liegen.

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