Das digitale, interaktive Fernsehen wird nun spruchreif. Die ersten Pilotprojekte sind gestartet, so in Schleswig-Holstein und in Berlin-Brandenburg. Bis Sommer 2003 sollen im Großraum Berlin alle analogen Sendeanlagen auf die digitale Verbreitung umgestellt sein. Der große Vorteil gegenüber Kabel und Satellitenschüssel sind deutlich niedrigere Kosten für die Nutzer.
Lediglich eine Set-Top-Box als Decoder zwischen Antenne und Fernseher und eine Stabantenne müssen angeschafft werden. Dann können ab Herbst theoretisch über fünf Millionen Brandenburger 24 Programme in digitaler Qualität empfangen. Bis spätestens 2010 soll das digitale terrestrische Fernsehen (DVB-T) die herkömmliche terrestrische Übertragung von Fernsehprogrammen im gesamten Bundesgebiet schrittweise abgelöst haben. Das hat das Bundeskabinett am 24. August 1998 beschlossen.
Ohne „konvergenten Verbraucher“ geht nichts
Das Rennen um die Massen-Multimedialität macht wohl aller Voraussicht nach der Fernseher, und nicht der Home Computer. Allerdings ist es für ein Großteil der Medienanalysten momentan noch schwer abzuschätzen, wie stark sich die interaktiven Dienste wirklich verbreiten lassen. Schließlich gilt das Fernsehen als Medium der Unterhaltung und Entspannung, bei dem sich die Interaktivität momentan noch auf das Anrufen bei eingeblendeten Service-Rufnummern beschränkt. Daher ist nach Ansicht der Experten von WestLB die aktive Kommunikation auch künftig eine Domäne des Internet. Die Vorteile des digitalen Fernsehens wären somit auf noch mehr Programm beschränkt.
Nach wie vor sitzen die Deutschen durchschnittlich 209 Minuten vor dem Fernseher, täglich. Hingegen beansprucht das Surfen nur durchschnittlich 29 Minuten am Tag. Voraussetzung für die multimediale Nutzung sind jedoch die „konvergenten Verbraucher“, die digitales Fernsehen, Mobilnetz, Internet sowie Computerspiele, E-Commerce und E-Mail in einem Gerät nutzen wollen. Bis 2005 erwarten die Analysten von Digiscope rund 70 Millionen konvergente Nutzer in Europa.
Digitaler Empfang auch per Antenne
Zwar sendet ein Großteil der Fernseh-Anstalten digital. Doch der Empfang im Wohnzimmer läuft meistens noch analog ab. Bis aber auch die Massen digital empfangen, dürften zumindest in Deutschland noch einige Jahre vergehen. Das Problem ist, den Fernseher mit einem Empfangsdecoder (Set-Top-Box) Internet gängig zu machen und zusätzlich mit einem Rückkanal für die Interaktion auszustatten. Sony stellt auf der diesjährigen Cebit den ersten Multimedia-Fernseher Wega für stolze 3.600 Euro vor. Panasonic konzentriert sich hingegen auf den Decoder und bietet die so genannte MHP-Box für 459 Euro auf der Computermesse an. „Integrierte Geräte dürften zur Zeit wenig Chancen haben“, heißt es bei Panasonic.
Momentan empfangen etwa elf Prozent der Deutschen terrestrisch - also über Antenne ihr TV-Programm - 43 Prozent über Satellit und rund 56 Prozent über Kabel. Folglich konzentrierten sich die Bemühungen bislang aufs digitale Fernsehen via Breitband-Kabel (Digital Video Broadcasting-C), da bisher davon ausgegangen wurde, dass das Kabel eine hohe und gleichzeitig störungsfreie Datenübertragungsgeschwindigkeit im Gegensatz zum Satellit (DVB-S) ermöglicht.
Mit Blick auf den geplatzten Verkauf des Kabelnetzes an Liberty und den ersten geplanten Massenanwendungen in Schleswig-Holstein und Berlin, werden nun Argumente für den alternativen terrestrischen Empfang laut. Heide Simonis hat im Kieler Landtag die Vorteile genannt: mobiler Empfang, leichte Installation und keine weiteren Übertragungskosten.
Napster-Virus bald bei Fernsehanstalten?
Ruckelige Bildfolgen im Internet-TV per Streamingverfahren (Real Player, Real Networks, QuickTime) in kleinen Ausschnittfenstern werden wohl niemals den Komfort eines Fernsehers erreichen und Nischenformaten wie Aktionärsversammlungen und Konferenzen weiterhin vorbehalten bleiben. Auch die Aufrüstung des PC zum regulären TV-Gerät über eine Einsteckkarte (TV-Tuner) hat sich bisher nicht durchgesetzt. So dürfte das Fernsehen als digitale, multimediale Plattform (Multi Media Home Platform) mit Online-Anbindung und interaktiven Diensten und E-Mail-Funktionen in den Vordergrund rücken.
Doch während die „Multimedia Home Platform“ (MHP) mühsam dieses Jahr den Verbrauchern präsentiert wird, ist bereits schon ein ganz anderes Zukunftsszenario im Gange: Die Vernetzung der Fernseher untereinander - das P2P-Fernsehen. Denn die neuen Fernseher beziehungsweise Decoder-Boxen wie Nokias Media Terminal können große Datenmengen von bis zu 40 Gigabyte speichern. Dadurch, dass sie ans Internet angeschlossen sind, könnten die Inhalte direkt von Fernseher zu Fernseher getauscht werden. Das Napster-Virus hätte dann nicht nur die Musik- und Filmbranche erfasst, sondern auch die Fernsehanstalten.