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Numerus Clausus : Hat die Uni-Hürde für Mediziner ausgedient?

In Karlsruhe wird über die Sperrhürde fürs Medizinstudium verhandelt. Bild: Wolfgang Eilmes

Das Bundesverfassungsgericht verhandelt über „Numerus Clausus“ und lange Wartezeiten für das Studium. Es mehren sich die Anzeichen, dass das Gericht die bisherige Regelung kippt.

          Ist es verfassungswidrig, wie Abiturienten derzeit auf Studienplätze verteilt werden? Die Wartezeiten betragen für Medizin aufgrund der Bewerberflut im aktuellen Jahrgang sieben oder acht Jahre, also länger als das Studium selbst gedauert hätte. Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen rief daher das Bundesverfassungsgericht an. Die Karlsruher Richter hakten nun nach: Am Mittwoch befragten sie Vertreter aus Politik, Verbänden, Hochschulen und der Studentenschaft. Der Erste Senat ließ dabei deutlich durchblicken, dass auch er – wie das vorlegende Gericht – die lange Wartezeit für verfassungsrechtlich problematisch hält. „Irgendwann kommen nur noch die Graubärte rein, irgendwann ist ja auch die Lebenszeit zu Ende“, sagte etwa der Vizepräsident, Ferdinand Kirchhof. Nach Ansicht von Beobachtern könnte Karlsruhe zumindest mehr Transparenz von den Hochschulen einfordern – was sich über den medizinischen Bereich hinaus auswirken dürfte.

          Hendrik Wieduwilt

          Redakteur der Wirtschaft in Berlin, zuständig für „Recht und Steuern“.

          Medizinstudienplätze werden in Deutschland auf vier Arten vergeben: Über eine Vorabquote können Bereiche besonderen Bedarfs abgedeckt werden, wenn sich die Kandidaten für den späteren Einsatz vorab verpflichten – etwa Truppenärzte. 20 Prozent der Plätze gehen an die Abiturbesten, 20 Prozent werden danach vergeben, wie lange das Abitur bereits zurückliegt – die „Wartezeitliste“. Die übrigen 60 Prozent vergeben die Hochschulen nach eigenen, allerdings teils recht unterschiedlichen Kriterien, wobei das Abitur eine prominente Rolle spielt – der „numerus clausus“.

          Dieses System stößt an seine Grenzen: Im Jahr 1994 lag das Verhältnis noch bei etwa 2 zu 1, zwanzig Jahre später beträgt es fast 5 zu 1 (43.000 Bewerber auf 9.000 Plätze). Hinzu kommt die Noteninflation: Immer mehr Abiturienten schließen mit Spitzennoten ab, so dass die Hochschulen immer strenger aussortieren – in vielen Bundesländern muss es ein Schnitt von 1,0 sein. Das Verwaltungsgericht sieht dadurch den Gleichheitsgrundsatz und die Berufsfreiheit verletzt: Die Abiturnoten in den Ländern seien nicht vergleichbar. Zudem würden aufgrund von Bewerberflut und Noteninflation weite Teile der Bewerber faktisch ausgeschlossen.

          Gerade in ländlichen Gebieten fehlen Ärzte

          Zugleich fehlt es auf dem Land an Medizinern. Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, forderte eine Erhöhung der Studienplätze für Medizin um 10 Prozent sowie bundesweite Assessmentcenter – auch, um mehr geeignete Kandidaten auch für ländliche Gebiete zu gewinnen. Ein zentraler Test solle menschliche, empathische und ärztliche Fähigkeiten prüfen. In diese Richtung weist auch der im Frühjahr beschlossene „Masterplan Medizinstudium 2020“ von Bund und Ländern.

          Zu hohe Hürden : Der Numerus Clausus für Medizin steht vor Gericht

          Unter den Schülern gibt es einigen Frust: Weil das Zugangssystem sich derart auf die Abiturnote fokussiere, suchten sie sich Schulfächer danach aus, ob sie den Notenschnitt heben – ob diese nun für Medizin sinnvoll seien oder nicht, wie etwa Musik. So berichtete es Isabel Molwitz von der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland. Ähnliches gelte für die Ortspräferenzen: Manche Universitäten forderten, dass ihr Sitz von den Kandidaten als Lieblingsort angegeben werde. „Die Ortspräferenzen haben absolut nichts mit dem Ort zu tun, an den die Studenten gehen wollen“, sagte sie, „Es ist ausschließlich taktisch“.

          Jeder bekommt einen Studienplatz – aber nur mit langen Wartezeiten

          Das System ist zudem wegen unterschiedlicher Prüfkriterien an Universitäten und einer kaum durchschaubaren Vergabe durch die Stiftung für Hochschulzulassung so kompliziert, dass sich etliche Anwälte darauf spezialisiert haben, Kandidaten bei diesem Verfahren zu begleiten. Der für die Stiftung für Hochschulzulassung sprechende Max-Manuel Gleis warnte: Das Grundgesetz verlange zwar Chancengleichheit, dem sei aber auch die „Möglichkeit des Scheiterns immanent“.

          Derzeit gebe es aber für besonders Geduldige eine Chance von 100 Prozent, sei es auch nach 14 Semestern. Geis argumentierte, die Universitäten dürften durchaus hohe und eigenständige Prüfkriterien aufstellen, denn das sei durch die Wissenschaftsfreiheit verfassungsrechtlich geschützt. Zudem seien sie dazu durch die Bologna-Reform angehalten. Er forderte eine Zeitenwende: Das heutige Vergabesystem fuße wie die frühere Karlsruher Rechtsprechung aus den siebziger Jahren auf sozialliberalen Ideen, nach dem Motto „Bildung für alle“. Daher stamme der Gedanke, dass jeder Medizin studieren können muss – und sei es nach jahrelangem Warten. Nun jedoch müsse das Gericht „den Zeitgeist updaten“.

          Quelle: F.A.Z.

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