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Bundesregierung besorgt : Reserven der Lebensversicherer schmelzen

Schwere Zeiten für die Lebensversicherer: Ist das Geld der Kunden in Gefahr? Bild: Rüchel, Dieter

Die Lebensversicherer geraten in Probleme, weil sich das dort angelegte Geld immer schlechter verzinst. Den schwächeren Unternehmen drohen sogar die Reserven auszugehen. Die Bundesregierung macht sich Sorgen um die Einlagen der Kunden.

          In der Bundesregierung wächst die Sorge um die deutschen Lebensversicherer. Für das schwächste Fünftel der rund 100 Unternehmen reichten die Kapitalanlagen vom Jahr 2018 an nicht mehr aus, um ihre Verpflichtungen und die erforderlichen Eigenmittelanforderungen zu erfüllen, heißt es in einem Papier des Bundesfinanzministeriums für den Finanzausschuss des Bundestags. Der Aussage liegt die Annahme zugrunde, dass zehnjährige deutsche Staatsanleihen dauerhaft mit rund 2,1 Prozent notieren. Aktuell rentieren sie nur mit 1,4 Prozent.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Manfred Schäfers

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Der Branchenverband GDV betonte, diese Aussage beruhe auf rein hypothetischen Betrachtungen. Die Finanzaufsicht Bafin berechne regelmäßig auf Basis von Kapitalmarktszenarien Risiken, um rechtzeitig gegensteuern zu können. So fragt sie etwa derzeit in den Unternehmen ab, ob sie in der Lage sind, die gesetzlich verpflichtende Mindestzuführung an die Kunden zu erfüllen. Im Krisenjahr 2008 gestattete die Aufsicht einigen Versicherern, diese Verpflichtung für ein Jahr auszusetzen. Allerdings mussten sie die Zahlungen in den Folgejahren nachholen. Berichte mehrerer Zeitungen, einige Unternehmen erwögen sogar einen Antrag bei der Bafin, die Garantien für bestehende Verträge nachträglich zu senken, wies der Verband entschieden zurück.

          Das Bundesfinanzministerium hob hervor, der überwiegende Teil der Kapitalanlagen der Versicherer erwirtschafte nach wie vor höhere Renditen, so dass kurz- bis mittelfristig keine Risiken für die Erfüllung der Leistungsversprechen bestünden. „Dies ist durch die von der Bafin wiederholt durchgeführten Stresstests und in Prognoserechnungen bestätigt worden.“ Angesichts der sehr langen Laufzeit der Verträge sei es sinnvoll, weitere Vorsorge für den Fall zu treffen, dass sich die für die Versicherer ungünstigen Verhältnisse an den Kapitalmärkten fortsetzten.

          Versicherer verpflichten sich, auf ihre privaten Renten-, Kapitallebens-, Riester- und Berufsunfähigkeitsversicherungen eine Zinsgarantie bis zum Laufzeitende zu erfüllen. Für aktuelle Verträge liegt diese bei 1,75 Prozent. Weil in der Vergangenheit aber auch Garantien von bis zu 4 Prozent gegeben wurden, liegt die durchschnittliche Garantie derzeit bei 3,2 Prozent. Aus dem Kapitalanlagezins von zuletzt 4,14 Prozent (30,7 Milliarden Euro) können die Versicherer dieses Versprechen derzeit noch erfüllen. Wegen der schwachen Renditen am Kapitalmarkt schmelzen diese Erträge aber Jahr für Jahr. Den durchschnittlichen aktuellen Wiederanlagezins schätzt die Ratingagentur Assekurata auf 3,3 Prozent. Dadurch sinkt der Anlageüberschuss um mehrere Milliarden Euro. Damit können die Unternehmen gerade noch ihre Verpflichtungen erfüllen.

          Der Zehnjahres-Durchschnitt als sicher geltender Anleihen ist im vergangenen Jahr unter 4 Prozent gerutscht. Deshalb verlangt das Finanzministerium seit vergangenem Jahr eine Zinszusatzreserve, damit die Unternehmen sicherstellen können, dass die Kundenversprechen von 4 Prozent aus den Jahren 1995 bis 2000 nachhaltig erfüllt werden können. Für die gesamte Branche ergab sich im vergangenen Jahr ein Betrag von 1,5 Milliarden Euro. Das entspricht etwa einem Zehntel des Rohüberschusses der Branche. Diese Reserve schränkt den Spielraum der Unternehmen ein, ihren Kunden über die Garantie hinaus eine Überschussbeteiligung zu gewähren. Diese Renditekomponente des Kunden hängt vom Geschäftserfolg der Unternehmen ab und ist variabel. Die durchschnittliche Verzinsung der eingezahlten Beiträge nahm im vergangenen Jahr für einen zwölf Jahre laufenden Vertrag gegenüber dem Vorjahr von 3,75 auf 3,48 Prozent ab. Wer also damals einmalig 50.000 Euro eingezahlt hätte, hätte seine Rendite dadurch um 2395 Euro gemindert.

          Der finanzpolitische Sprecher der Unionsfraktion Klaus-Peter Flosbach verwies gegenüber der F.A.Z. auf die aktuellen Gesetzesänderungen. Damit könnten Bewertungsreserven auf Kapitalanlagen unter bestimmten Voraussetzungen im Versicherungsunternehmen bleiben. Angesichts der niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt sind die älteren Zinstitel der Unternehmen aktuell höher bewertet als zum Zeitpunkt ihrer Anschaffung. So verbuchen die Versicherer eine Bewertungsreserve. Läuft ein Vertrag aus, mussten die Unternehmen Kunden bislang zur Hälfte an diesen Reserven beteiligen. Diese Pflicht ist nun ausgesetzt. Auch werde die Trennung der Überschussbeteiligung von vor und nach 1994 abgeschlossenen Lebensversicherungsverträgen aufgehoben. Damit gebe man den Lebensversicherern wirkungsvolle Instrumente an die Hand, „mit denen sie ihre Stabilität auch zukünftig sichern können“.

          Der Grünen-Abgeordnete Gerhard Schick mahnte mehr Transparenz im Gegenzug für die gewährten Erleichterungen an. „Man darf nicht Milliarden zwischen Versicherungsgruppen verschieben, ohne dass klar wird, wer gewinnt und wer verliert“, sagte er der F.A.Z. Man müsse bei den Überschussleistungen endlich Transparenz schaffen. Keiner könne heute nachvollziehen, wie diese zustande kämen.

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