20.02.2012 · Befeuert von günstigen Hypothekenkrediten steigen die Preise für deutsche Wohnimmobilien kräftig. Im vergangenen Jahr legten sie um 5,5 Prozent zu, doppelt so viel wie im Vorjahr. Die Bundesbank warnt: Die Demografie könnte den Boom stoppen.
Von Stefan Ruhkamp und Steffen UttichNach einer langjährigen Phase der Stagnation kommen die Preise auf dem deutschen Häusermarkt in Bewegung. Im vergangenen Jahr seien die Preise für Wohnimmobilien um rund 5,5 Prozent gestiegen, meldet die Bundesbank im jüngsten Monatsbericht, nach plus 2,5 Prozent im Vorjahr. Erstmals seit der Wiedervereinigung sei der wirtschaftliche Aufschwung mit einem kräftigen Anstieg der Preise auf dem Häusermarkt verbunden.
„Über die Belebung kommt der Impuls des starken Arbeitsmarkts endlich dem heimischen Konsum zugute“, sagt Carsten Brzeski, Ökonom der ING-Bank. Auch die Bundesbank hält den starken Arbeitsmarkt und steigende Einkommen für belebende Faktoren. „Noch bedeutsamer für langfristig angelegte Entscheidungen wie den Erwerb eines Eigenheims dürfte allerdings gewesen sein, dass die Zuversicht der privaten Haushalte im Hinblick auf Beschäftigungs- und Verdienstperspektiven nicht durch die gegenwärtige konjunkturelle Abschwächung beeinträchtigt wurde“, heißt es im Monatsbericht. Zudem seien die Finanzierungskosten derzeit besonders günstig. Im Durchschnitt liegt der Zins für einen Baukredit bei einer Beleihung von 60 Prozent des Kaufpreises auf dem Rekordtief von rund 3 Prozent. Vor zehn Jahren war noch ein doppelt so hoher Zins üblich.
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Die Liebe zu den eigenen vier Wänden ist in Deutschland ungebrochen. Doch zum jüngsten Preisanstieg von Wohnimmobilien haben Häuslebauer eher wenig beigetragen. Sachwerte entfalten angesichts von Inflationsängsten ihren besonderen Reiz. Folglich versuchen betuchte Privatleute, Vermögenssicherung mit Betongold zu betreiben. Ausländische Investoren wissen wiederum die vergleichsweise geringe Schwankungsanfälligkeit des deutschen Wohnungsmarktes zu schätzen.
Jan Bettink, Präsident des Verbandes deutscher Pfandbriefbanken, sieht als wesentlichen Grund für die steigenden Preise den Umstand, dass im zurückliegenden Jahrzehnt zu wenig gebaut wurde. Gleichzeitig sei die Nachfrage insgesamt leicht gestiegen. „In wirtschaftlich schwächeren Regionen haben sich dadurch Angebotsüberhänge abgebaut, in den wirtschaftsstarken, durch Zuwanderung geprägten Ballungszentren sukzessive Nachfrageüberhänge aufgebaut“, sagt er.
Als Preistreiber agierten nach Ansicht von Reiner Braun, Vorstand des Forschungsinstituts Empirica, vor allem Kapitalanleger auf der Suche nach stabilen und inflationssicheren Renditen. Gut vermietete Wohnungsbestände in wirtschaftsstarken Metropolregionen versprechen einen solchen Effekt. Felix von Saucken vom Maklerhaus Engel & Völkers Commercial in Hessen bestätigt die rege Nachfrage von Kapitalanlegern, die Mieteinkünfte erzielen wollen: „Unter ihnen finden sich immer mehr Privatleute, die sich erstmals in der Direktanlage mit Immobilien versuchen.“ Doch neben vermögenden Privatanlegern werden auch zunehmend große institutionelle Investoren auf dem deutschen Wohnungsmarkt aktiv. So kaufte erst in der vergangenen Woche ein von der Augsburger Patrizia Immobilien AG initiiertes Konsortium in- und ausländischer Versicherer und Pensionskassen für 1,4 Milliarden Euro die 21 500 Wohnungen der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) – die größte Immobilientransaktion in Deutschland seit dem Höhepunkt der Finanzkrise vor gut drei Jahren.
„Die Wohnimmobilie in Deutschland wird in Zeiten der Staatsschuldenkrise in der Eurozone und volatiler internationaler Finanzmärkte als Hort der Sicherheit betrachtet“, sagt Konstantin Lüttger, verantwortlich für Wohnungsinvestments beim internationalen Maklerhaus CBRE in Deutschland. Wohlwollend wird nun gerade im Ausland zur Kenntnis genommen, dass von den Übertreibungen auf dem spanischen oder britischen Wohnungsmarkt vor der Finanzkrise in Deutschland nicht einmal ansatzweise etwas zu sehen war. Dass sich die Wohnimmobilienpreise von Anfang der neunziger Jahre bis zum vergangenen Jahr im bundesweiten Durchschnitt kaum nennenswert nach oben bewegten, führen Marktbeobachter vor allem auf die vergleichsweise geringe Mietrendite von normalerweise 5 Prozent und weniger zurück. Das war für viele Kapitalanleger bis zum Aufkommen der ersten Inflationsängste im Zuge der europäischen Staatsschuldenkrise unattraktiv. Hinzu kommen ein restriktives Mietrecht und eine aufwendige Wohnungsverwaltung. Zudem zeigten offenbar auch die erlittenen Verluste mit Wohnungen in den neuen Bundesländern psychologische Wirkung, die steuerlich vergünstigt kurz nach der deutschen Einheit gebaut wurden.
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Steffen Uttich Jahrgang 1970, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Immobilienteil.
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