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Buchmarkt Die Geheimniskrämerei hat ein Ende

20.06.2003 ·  Ein Bild wie sonst nur zu Silvester: Auf dem New Yorker Times Square fiebern Menschenmassen Mitternacht entgegen. Der fünfte Band aus der Kinderbuch-Serie "Harry Potter" ist zu verkaufen.

Von Roland Lindner und Ulrich Friese
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Normalerweise kennt man dieses Bild vom New Yorker Times Square nur von Silvester: Menschenmassen fiebern dem Moment entgegen, wenn es 12 Uhr nachts wird. In der Nacht auf den heutigen Samstag dürfte es ähnlich zugegangen sein. Der Spielzeughändler Toys "R" Us hat angekündigt, seine Flaggschiff-Filiale am Times Square um Punkt Mitternacht zu öffnen, um den fünften Band aus der Kinderbuch-Serie um den Zauberlehrling "Harry Potter" zu verkaufen. Die englische Version des Buchs darf von heute an weltweit in den Regalen stehen. Die Party am Times Square, zu der Tausende von kostümierten Harry-Potter-Fans erwartet wurden, dürfte nur der Höhepunkt gewesen sein: Überall in New York, im Rest Amerikas, in Großbritannien und in vielen anderen Ländern hatten Buchläden versprochen, mitten in der Nacht ihre Türen zu öffnen. In London baute der Buchhändler Waterstone's für 150 000 Euro seine fünfstöckige Filiale am Piccadilly Circus in einen schrill-bunten Freizeitpark um - garniert mit Souvenir-Verkaufsständen und überdimensionalen Figuren aus der Kinderbuch-Reihe.

Das Buch "Harry Potter und der Orden des Phönix" der britischen Autorin Joanne K. Rowling bricht alle Rekorde. Der amerikanische Potter-Verlag Scholastic bringt das 896 Seiten dicke Buch in einer Rekord-Startauflage von 8,5 Millionen Stück auf den Markt. Dazu kommen noch einmal 575 000 Hörbücher auf entweder jeweils 17 Cassetten oder 23 CDs. Für den britischen Markt hat der Londoner Verlag Bloomsbury eine Startauflage von 2,5 Millionen Exemplaren produziert. Der Internet-Versender Amazon hat schon Anfang Juni mitgeteilt, daß weltweit mehr als eine Million Exemplare des Buches bestellt worden sind. Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits mehr als doppelt so viele Vorbestellungen wie beim Erscheinen des vierten Bandes vor drei Jahren. Die Auslieferung der Bücher wird nach Angaben von Amazon die größte Versandaktion für einen einzelnen Artikel, die es je gegeben hat.

Wahrscheinlich wurde noch um kein Buch so viel Marketing-Wirbel und gleichzeitig Geheimniskrämerei veranstaltet wie um den neuen Harry-Potter-Band. Die großen Buchhändler Amerikas haben ihre Lager bis zur Auslieferung an die Filialen zum Teil mit bewaffneten Sicherheitskräften bewacht. Um so mehr verblüffte am Mittwoch die New Yorker Zeitung "Daily News" mit Auszügen aus dem neuen Band. Angeblich hat ein Mitarbeiter der Zeitung das Buch im Schaufenster eines Geschäfts im Stadtteil Brooklyn entdeckt, das den Band schon vor dem Erscheinungsdatum verkauft hat. Die Autorin Rowling und der Verlag Scholastic haben die "Daily News" sofort verklagt und fordern einen Schadenersatz von 100 Millionen Dollar.

Scholastic heizte in der vergangenen Woche mit einer Pressemitteilung, die sich wie ein Polizeibericht las, den Mythos um Harry Potter weiter an: "Vergangene Nacht hat Scholastic unter strengen Sicherheitsvorkehrungen Amerikas erstes und einziges signiertes Exemplar von J.K. Rowling's mit Spannung erwartetem Buch von Schottland nach New York geflogen", hieß der erste Satz, und in der Folge wurde kein Detail ausgelassen: Das Buch sei am 11. Juni im Arbeitszimmer der Autorin in Schottland signiert worden, Führungskräfte von Scholastic hätten es über den Atlantik nach New York begleitet, der Pilot der British-Airways-Maschine habe es bei sich im Cockpit verwahrt, und um 16.10 Uhr sei das Flugzeug mit dem Buch schließlich auf dem Flughafen John F. Kennedy in New York gelandet - von wo aus man es natürlich an einen sicheren Ort gebracht hätte. Das signierte Exemplar sollte am gestrigen Freitag in einer Veranstaltung in der New York Public Library vorgestellt werden.

In Großbritannien wird die ansonsten sehr öffentlichkeitsscheue Rowling am Wochenende in der Royal Albert Hall vor 4000 handverlesenen Schülern auftreten. An dem Großereignis werden angeblich auch Madonna und Paul McCartney teilnehmen. Mit den beiden Popgrößen rangiert Rowling in einer Einkommensklasse: Das Privatvermögen der in Edinburgh lebenden Harry-Potter-Erfinderin wird neuerdings auf 280 Millionen Pfund taxiert.

Bloomsbury und Scholastic investieren jeweils Millionenbeträge in die Vermarktung des Buches. Für die beiden börsennotierten Unternehmen ist die Harry-Potter-Reihe ein finanzieller Glücksgriff. So hat Bloomsbury innerhalb der vergangenen sechs Jahre seinen Umsatz von 13,5 Millionen auf 70 Millionen Pfund gesteigert. Scholastic hofft durch die Neuerscheinung auf Impulse für das gerade begonnene Geschäftsjahr 2003/2004 (31. Mai). Im abgelaufenen Jahr, in dem es keine Potter-Neuerscheinung gab, mußte das Unternehmen seine Ergebnisprognosen mehrmals nach unten korrigieren.

Im Buchhandel löste die Neuerscheinung schon im Vorfeld Preiskämpfe aus. Da britische Buchhändler keiner gesetzlichen Preisbindung unterliegen, können heimische Massenanbieter den empfohlenen Verkaufspreis von 16,99 Pfund (24,40 Euro) getrost ignorieren. Die britischen Supermarktketten Tesco und Safeway bieten das Buch für jeweils 8,49 Pfund an. Ähnlich ist es in Amerika: Amazon verkauft das Buch zum Beispiel für 17,99 Dollar, der Listenpreis liegt bei 29,99 Dollar.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.06.2003, Nr. 141 / Seite 18
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