03.08.2008 · Rein formal betrachtet hat Verdi-Chef Bsirske nichts Unredliches getan, als er im Freiflug mit der Lufthansa in den Urlaub schwebte. Trotzdem werden sich nun viele fragen, ob der Arbeitnehmervertreter Bsirske noch die nötige Distanz zur Arbeitgeberseite hat.
Von Nicolas WolzNicht nur für den Boulevard war es ein gefundenes Fressen: „Verdi-Chef fliegt gratis 1. Klasse in die Südsee“, empörte sich die „Bild“-Zeitung. Die seriöse Presse legte nach: „Ein Fehler erster Klasse“, ja geradezu „frivol“ sei es, dass Gewerkschaftsboss Frank Bsirske just zu dem Zeitpunkt seine Privilegien als stellvertretender Vorsitzender des Lufthansa-Aufsichtsrats ausnutze, da seine Organisation das Unternehmen bestreike. Der Arbeitskampf ist mittlerweile beendet, doch die Aufregung um die beiden First-Class-Freiflüge im Wert von je 10.000 Euro, die Bsirske Anfang Juli für sich und seine Frau gebucht hatte, wird wohl noch eine Weile anhalten.
Fünf Wochen Urlaub unter Palmen, während zu Hause die Tarifbeschäftigten um Prozente feilschen, und das zum guten Teil auch noch gesponsert von dem Unternehmen, das durch die Streiks gefügig gemacht werden soll: Für einen Gewerkschaftsführer sieht so etwas in der Tat nicht gerade gut aus. Gewiss, rein formal betrachtet hat Bsirske nichts Unredliches getan. Die Flüge stehen ihm ebenso zu wie allen anderen Aufsichtsratsmitgliedern, und wie diese macht er davon angeblich freiwillig nur fünfmal im Jahr Gebrauch. Und selbstverständlich werden die Gratis-Trips ordnungsgemäß als geldwerter Vorteil versteuert.
Trotzdem werden sich nun viele fragen, ob der Arbeitnehmervertreter Bsirske noch die nötige Distanz zur Arbeitgeberseite hat und nicht längst selbst „einer von denen da oben“ ist. Sicher, um von seinen Gesprächspartnern in den Vorstandsetagen ernst genommen zu werden, muss Bsirske auch deren Spiel spielen können - nicht zuletzt zum Vorteil seiner eigenen Klientel. Vor allem muss er aber für die glaubwürdig bleiben, die ihn gewählt haben. Einstweilen wird Bsirske es in seinem Ferienparadies als Segen empfinden dürfen, dass der Streik so schnell zu Ende gegangen ist.