Wer glaubt, der Ron Sommer stünde unter außergewöhnlichem Druck, weiß nichts von der Situation, der sich derzeit das Management von British Telecom (BT) ausgesetzt sieht. Ein Schlaglicht auf die Stimmung warfen die Ereignisse vor einer Woche: Als am vergangenen Freitag die amerikanische Rating-Agentur Standard & Poor´s bekannt gab, dass sie die Kreditwürdigkeit des britischen Exmonopolisten erneut überprüfe, stieg der Aktienkurs des Telekomriesen um 9,5 Pence.
Der Grund: Gerüchte in der Londoner City hatten glauben lassen, dass der BT-Aufsichtsratsvorsitzende Sir Iain Vallance durch das wiederholte Misstrauensvotum der amerikanischen Kreditanalysten zum Rücktritt gezwungen würde. Standard & Poor´s hatte BT zuletzt im August 2000 herabgestuft, nun droht eine weitere Degradierung der Bonität. Die Agentur begründet ihre Skepsis mit der hohen Verschuldung von BT.
Schulden verdreifacht in einem Jahr
Innerhalb eines Jahres hat sich die Belastung des Konzerns mehr als verdreifacht: von 8,7 Milliarden Pfund (27 Milliarden Mark) im vergangenen März auf - so schätzt BT selbst - dreißig Milliarden Pfund (93 Milliarden Mark) in diesem März. Das Management des Konzerns habe es nicht vermocht, „in adäquater Weise die Strategien darzulegen, die zu einer Verminderung der Schulden führen sollen“, schreibt Standard & Poor´s.
Probleme im Mobilfunk
Unvermögen des Managements ist nach Ansicht der meisten Londoner Analysten auch Schuld an der Misere. „Sie haben sich zu lange damit aufgehalten, in den USA Fuß zu fassen und dabei den europäischen Markt vor ihrer Haustür übersehen“, meint etwa John Tysoe von WestLB Panmure. Fusionsversuche mit MCI und AT&T scheiterten. Mit letzteren kam es immerhin zu einem Joint Venture und der gemeinsam betriebenen Tochter Concert, die Geschäftskunden Kommunikationsdienstleistungen anbietet. Concert freilich liege bislang hinter den geplanten Gewinnen zurück, gestand AT&T-Vorstandsvorsitzender Michael Armstrong bei der Vorstellung der jüngsten Quartalszahlen.
Die Probleme des Managements zeigen sich vor allem im Mobilfunk. Die Milliardenschulden des Konzerns gehen überwiegend auf dieses Konto. Die Gegenleistung jedoch ist gering. Außerhalb von Großbritannien gelang es BT lediglich in Deutschland, Irland und den Niederlanden, die vollständige Kontrolle über ein Mobilfunkunternehmen zu gewinnen. Und auch in diesen Ländern mussten sich die Briten mit einem geringen Marktanteil begnügen. So liegt die Viag Interkom, die BT mittlerweile ganz gekauft hat, nach Kundenzahlen in Deutschland nur auf Platz vier.
Hohe Investitionen, kaum Marktanteil
Zwölf Milliarden Pfund (37 Milliarden Mark) rechnet der Konzern in seinem jüngsten Neunmonatsergebnis vor, habe die Investition in Deutschland gekostet - inklusive der von Viag Interkom für 16,5 Milliarden Mark erworbenen UMTS-Frequenz. In der eigenen Heimat droht BT mit 10,2 Millionen Mobilfunkkunden von Orange mit mittlerweile ebenfalls gut zehn Millionen Kunden auf Platz drei verdrängt zu werden.
Bei der italienischen Auktion ging BT ganz leer aus. Beteiligungen an französischen und spanischen Unternehmen, die eine Frequenz für die dritte Mobilfunkgeneration erwarben, wird BT nach Einschätzung des WestLB Panmure-Analysten Mark Davis veräußern, um wenigstens wieder etwas Geld in die Kasse zu bringen.
BT-Internetportal hinkt hinterher
Ebenfalls wenig beeindruckend wirkt BTs Versuch mit einem Internetportal. Mit 1,8 Millionen Besuchern liegt BT-Internet in Großbritannien auf Platz drei hinter den Portalen von Freeserve, mittlerweile aufgekauft von der France Telecom-Tochter Wanadoo, und AOL.
„Auf dem britischen Markt steht BT in jeder Hinsicht schwach dar“, meint Branchenanalyst Kevin Fogarty von der Forschungsagentur Teather Greenwood. Das schlechte Quartalsergebnis, das Vorstandsvorsitzender Sir Peter Bonfield vor zwei Wochen präsentierte, bestätigte den Eindruck: Trotz eines Umsatzwachstums von 4,7 auf 5,2 Milliarden Pfund hat sich im dritten Quartal 2000 der Gewinn pro Aktie vor einmaligen Einnahmen und Abschreibungen gegenüber dem dritten Quartal 1999 von acht auf 4,3 Pence nahezu halbiert. Der Aktienkurs der Konzerns verfiel innerhalb des vergangenen Jahres um rund zwei Drittel.
Erste Schritte zur Umstrukturierung
Die Krise hat das BT-Management im vergangenen April zur Handlung bewogen: Der Konzern trennte das Festnetzgeschäft in Privatkunden und Großkunden und schuf vier „Hochwachstumsbereiche“ für den Mobilfunk, die Datenübertragung, das Internet und kreierte zudem Yell, das die Bereiche Gelbe Seiten und elektronischen Handel abdeckt. Yell sollte eigentlich bis Ende 2000 an die Börse gebracht werden. Davon jedoch nahm BT wieder Abstand, als die Börsen zunehmend in den Keller gingen. Nun ist davon die Rede, Yell vielleicht ganz zu verkaufen. Außerdem sollen 25 Prozent des Mobilfunkgeschäfts BT Wireless an die Börse gebracht - oder vielleicht doch auch nur an die eigenen Anleger verkauft werden, wie es vor kurzem wieder hieß.
Führungswechsel gefordert
Branchenexperten bezweifeln, ob all das langt, um das selbstgesteckte Ziel zu erreichen, zehn Milliarden Pfund aus dem Schuldenberg bis Ende 2001 abzubauen. Vor allem die Großinvestoren scheinen zunehmend einen Führungswechsel zu fordern. Einen Vorgeschmack davon gab es im vergangenen Oktober. Damals trat der in der City unbeliebte Finanzdirektor Robert Brace zurück. Prompt stieg die BT-Aktie um zehn Prozent. Nachfolger Philipp Hampton hat bislang die Analysten beeindruckt. Manche sehen ihn bereits auf dem Stuhl des Vorstandsvorsitzenden. „Aber“, schränkt Branchenexperte Kevin Fogarty ein, „wir haben noch nicht wirklich gesehen, dass Hampton etwas erreicht hätte.“