10.07.2010 · Eine halbe Million auf Deutschland: Die Briten wetten gerne und viel. Gerade die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika war für die Buchmacher deshalb ein Riesengeschäft. Aber auch Asien ist ein großer Markt für Sportwetten.
Von Marcus Theurer, LondonAls am Mittwochabend in der südafrikanischen Stadt Durban das Halbfinale zwischen Deutschland und Spanien abgepfiffen wurde, platzte für Millionen deutsche Fans der Traum vom Weltmeistertitel. Doch am meisten Grund, sich über die Niederlage der Fußball-Nationalmannschaft zu ärgern, hat vermutlich ein Wettkunde des britischen Buchmachers William Hill. Per Telefon hatte dieser die Rekordsumme von einer halben Million Euro auf einen deutschen Sieg über die Spanier gesetzt - die höchste Wette, die William Hill je bei einer WM entgegennahm. Im Erfolgsfall hätte das dem Deutschland-Optimisten eine Auszahlung von genau 954.545 Euro eingebracht.
Zur Identität des großen Verlierers schweigt sich der Buchmacher diskret aus. „Es handelt sich um einen sehr guten Kunden von uns aus Kontinentaleuropa“, sagt Unternehmenssprecher Graham Sharpe nur. „Wir wollen ihn nicht unnötig verärgern.“ William Hill, einer der größten britischen Wettveranstalter, hatte vor der Partie noch drei weitere gewagte Wetten mit Einsätzen zwischen 75.000 und 100.000 Euro auf Deutschland entgegengenommen - auch diese Zocker sind nun ihr Geld los. Des Glücksspielers Leid ist des Buchmachers Freud. „Wir feiern, dass Deutschland nicht im Finale ist“, sagt Sharpe.
Wachstumsmotor der Branche ist das Internet
Fachleuten zufolge hat die zu Ende gehende WM in Südafrika den Wettanbietern eine beispiellose Sonderkonjunktur beschert. Das britische Beratungsunternehmen Global Betting and Gaming Consultants (GBGC) schätzt, dass rund um die 64 Begegnungen der WM-Endrunde auf der Welt umgerechnet 4,1 Milliarden Euro verzockt wurden. „Das ist etwa doppelt so viel wie bei der Weltmeisterschaft vor vier Jahren“, sagt GBGC-Geschäftsführer Warwick Bartlett. Das Beratungsunternehmen beliefert unter anderem Buchmacher, Investmentbanken und Regulierungsbehörden mit seinen Marktstatistiken.
Wichtigster Wachstumsmotor für die Branche ist das Internet, über das immer mehr Wetten abgeschlossen werden. Online und zunehmend auch über Multimedia-Handys wie das iPhone setzen noch viele Spieler, während das Spiel schon läuft. Im Netz machen große Wettbörsen den traditionellen Buchmachern Konkurrenz. Als größte Zockerbörse der Welt gilt das Londoner Unternehmen Betfair, das nach eigenen Angaben international jeden Tag mehr als 15 Millionen Sportwetten entgegennimmt. Kurz nach der Gründung im Jahr 2000 setzte Betfair jährlich nur einen einstelligen Millionenbetrag um. Vergangenes Jahr waren es rund 300 Millionen Pfund (360 Millionen Euro). Während Buchmacher in der Regel selbst teilweise ins Risiko gehen, indem sie Wettquoten stellen, agieren Börsen wie Betfair nur als Vermittler zwischen ihren Teilnehmern.
Ob auf den eigenen Tod oder den Weltuntergang
Zwar macht derzeit auch vielen Wettanbietern die Rezession zu schaffen. Aber die Marktforscher von GBGC schätzen, dass die Glücksspielbranche, zu der unter anderem auch Lotterien und Spielcasinos zählen, im vergangenen Jahrzehnt global jedes Jahr im Durchschnitt um rund 7,5 Prozent gewachsen ist. Allein mit Wetten fahren die Anbieter global Bruttoerträge von mehr als 40 Milliarden Euro ein. Vor allem Asien ist ein gewaltiger Wachstumsmarkt. „In Fernost werden inzwischen mehr Wetten auf die erste englische Fußball-Liga abgeschlossen als in Großbritannien“, sagt Bartlett. Die Briten sind freilich immer noch eines der wettbesessensten Völker. Große Buchmacher wie William Hill, Ladbrokes, Coral und Paddy Power betreiben auf der Insel rund 9000 Filialen und bieten selbst für skurrilste Wettwünsche Quoten an. Die Grenzen zur Realsatire können dabei fließend sein: Ob auf den eigenen Tod oder gleich den Weltuntergang - bei den „Bookies“, wie die Engländer ihre Wettstuben nennen, kann man auf fast alles setzen.
Allein auf den Ausgang der Parlamentswahlen im Frühjahr haben die Briten Wetten von insgesamt rund 40 Millionen Pfund plaziert. Ein Geschäftsmann aus Wales setzte vor der Fußball-WM in Südafrika 37.000 Pfund darauf, dass der englische Fußballstar Wayne Rooney Torschützenkönig des Turniers würde. Der Buchmacher Coral bot ihm dafür eine Quote von 11 zu 1. Nur war Rooney in Südafrika völlig außer Form und schoss kein einziges Tor. Manchmal zeigen sich die Buchmacher allerdings auch kulant: Das vom Schiedsrichter in Südafrika fälschlicherweise nicht gegebene Tor von Frank Lampard im Achtelfinale zwischen Deutschland und England wurde von den meisten Wettveranstaltern als Treffer gewertet. „Jeder hat schließlich gesehen, dass der Ball hinter der Linie war“, sagt William-Hill-Sprecher Sharpe. Nur eben der Schiedsrichter nicht.
Unpräzise
Heinrich Schuchardt (troja)
- 11.07.2010, 12:13 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.395,16 | +1,34% |
| Dow Jones | 12.584,30 | +1,04% |
| EUR/USD | 1,2483 | −0,47% |
| Rohöl Brent Crude | 106,74 $ | −0,48% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
Anonym bewerben? Ist das gut?