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Veröffentlicht: 06.06.2016, 10:36 Uhr

Expats in Deutschland Britischer Flirt mit dem deutschen Pass

Immer mehr in Deutschland lebende Briten interessieren sich für die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Unsicherheit, was ein Brexit für ihr Leben bedeuten würde, ist hoch. Und so mancher ist von seinem Heimatland peinlich berührt.

von Bernhard Clemm, Berlin
© Bernhard Clemm Hier hängt die Europaflagge noch: Der Brite Jon Worth (m.) moderiert die Diskussion unter Berliner Expats.

Auf die Frage, wer von den ungefähr dreißig anwesenden Briten in Erwägung zieht, eine deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen, hebt die überwiegende Mehrheit die Hand. Sie alle sind in die Kellerbar des Berliner „Aufsturz“ gekommen, um über die Ungewissheit der Zukunft zu reden: Am 23. Juni stimmt Großbritannien über den Verbleib in der EU ab, und der Brexit ist eine realistische Möglichkeit. Was das sowohl für Europa als auch die eigene Lebenssituation bedeutet, ist den Anwesenden unklar.

Berlin, Köln, Hamburg: In der ganzen Republik haben sich Briten in den vergangenen Monaten getroffen und diskutiert, ob der Brexit wohl kommt. Denn obwohl das Referendum eine vermeintlich einfache Frage stellt – Soll Großbritannien Mitglied in der EU bleiben? – ist sie eigentlich sehr kompliziert. Schon für in der Heimat lebende Briten sind die Konsequenzen eines Austritts nicht vorhersehbar. Nochmal komplizierter ist die Lage für die „Expats“, also britische Staatsbürger im Ausland, von denen gut 100.000 in Deutschland leben.

Von denen kannte Jon Worth, Pro-EU-Aktivist und Initiator der Treffen, bis vor kurzem noch wenige. Je heißer die Debatte im Heimatland wurde, desto mehr fragte er sich jedoch: Was denken die Briten in Deutschland eigentlich über den Brexit? Dass sie mehrheitlich den Verbleib Großbritanniens in der EU unterstützen, wurde schnell deutlich. Nicht erwartet hätte Worth das Bedürfnis der Expats, auch über ihre Staatsbürgerschaft zu sprechen und hatte sogar Angst, das vermeintlich sensible Thema anzusprechen. „Ich fand das große Interesse an der deutschen Staatsbügerschaft beeindruckend”, sagt Worth.

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In der Tat sind viele britischen Expats schon über einen bloß gedanklichen Flirt mit dem deutschen Pass hinweg. Im Januar 2013 hat David Cameron das Referendum zum ersten Mal ins Spiel gebracht, nach seiner Wiederwahl 2015 legte er sich auf den Termin fest – und schon wurde die deutsche Staatsbürgerschaft beliebter, wie die Zahlen lokaler Einbürgerungsbehörden zeigen (bundesweite Zahlen gibt es für die vergangenen zwei Jahre noch nicht).

So zum Beispiel im Berliner Bezirk Pankow. Der umfasst auch den Prenzlauer Berg, berühmt und belächelt für seine Hinzugezogenen nicht nur aus Schwaben, sondern der ganzen Welt. Hatten 2014 nur drei Briten die deutsche Nationalität beim Bezirksamt Pankow beantragt, waren es 2015 schon sechs. In der ersten Jahreshälfte 2016 sind es bereits acht. Die Behörde gibt auf Anfrage bekannt, „dass sich britische Staatsbürger explizit mit Verweis auf das anstehende Referendum vermehrt über eine Einbürgerung informieren”. Der Trend zeigt sich auch für gesamt Berlin: Verzeichnet die Statistik für das erste Quartal 2013 nur vier Anträge, waren es im ersten Quartal 2016 hingegen 13.

Briten gelten als Pragmatiker

Ähnlich stehen die Dinge in Frankfurt, das als großer Finanzplatzrivale Londons einen Brexit wohl mit der einen oder anderen Krokodilsträne beweinen dürfte: 2014 gab es in der Stadt 17 britische Einbürgerunsanträge, 2015 schon 20. Im laufenden Jahr sind es mit 21 bereits mehr als im ganzen Vorjahr. Für eine erfolgreiche Bewerbung muss man acht Jahre rechtmäßig und ununterbrochen in Deutschland gelebt haben, einen Einbürgerungstest bestehen und ausreichend Deutsch sprechen. Bei „besonderen Integrationsleistungen” verkürzt sich die Frist auf sechs Jahre.

Briten gelten als Pragmatiker, und für die Mehrheit der Briten im „Aufsturz“ ist eine deutsche Staatsbürgerschaft denn auch aus pragmatischen Gründen interessant. Als EU-Bürger kann man problemlos in Berlin leben, studieren, arbeiten. Viele Expats in Berlin sind selbständig, viele kommen als Studenten, oder suchen nach einem Job. Die meisten sind zwischen 25 und 40 Jahre alt, ein paar sind auch schon seit Jahren da und haben inzwischen Familie in Deutschland. „Sie fühlen sich nicht als Deutsche, aber sie wollen in Berlin bleiben“, fasst Jon Worth die Gefühlslage vieler Expats zusammen: „Es ist mehr Kopf- als Herzenssache“.

40436126 © Bernhard Clemm Vergrößern Nachricht an das Heimatland: In einer Broschüre erklären Auslandsbriten, warum sie gegen den Brexit sind.

Sollten es zu einem Brexit kommen, dann müsste ihr Status – wie auch der von EU-Bürgern in Großbritannien – neu verhandelt werden. Die wenigsten glauben zwar, dass sie am Tag nach einem Austritt rausgeworfen würden. „Selbständige und Studenten stehen bei solchen Verhandlungen aber immer an letzter Stelle“, befürchtet Worth, selbst freiberuflich hier. Einen möglichen Spießrutenlauf beim Ausländeramt will man sich ersparen.

Was den deutschen Pass sicherlich noch attraktiver macht: Solange das Vereinte Königreich EU-Mitglied ist, toleriert Deutschland die doppelte Staatsbürgerschaft. Wer kann, sichert sich also den deutschen Reisepass noch vor einem eventuellen Austritt, der allerdings frühestens zwei Jahre nach dem Referendum vollzogen sein dürfte.

Brexit wäre „eine Schande“

Doch auch hier besteht, wie bei allen Fragen rund um das Referendum, eine Restunsicherheit. Wird man langfristig wirklich beide Pässe behalten dürfen? Der schottische Mittfünfziger Gordon Milligan ist direkt von der Einbürgerungsbehörde zum Treffen gekommen. Die Unterlagen sind schon fertig, aber er hat sie noch nicht abgegeben, weil er Zweifel hat. Dass schottische Politiker bereits ein abermaliges Unabhängigkeitsreferendum im Falle eines Brexits angekündigt haben, macht die Sache in seinem Fall nicht einfacher.

Doch es gibt auch die idealistischen Argumente. Manche sind so peinlich berührt von der britischen Diskussion, dass sie eine Einbürgerung erwägen. Für den Dokumentarfilmer Daniel Tetlow, Familienvater in seinem Vierzigern, wäre der Brexit „eine Schande“ – und damit meint er nicht, dass es schade wäre, sondern dass er sich für sein Heimatland schämt. Den Erwerb einer anderen Staatsbürgerschaft sieht er also als Frage der Ehre. „Ob es dann eine spanische oder deutsche oder welche auch immer wäre, ist egal“. Ob es eine europäische Identität gibt, wird ja seit dem Bestehen des europäischen Projekts bezweifelt – zumindest im „Aufsturz” in Berlin manifestiert sie sich nun unter den Briten Berlins.

© afp Videografik Brexit: Die Briten und ihre Beziehungen zur EU

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