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Brauereien Brause statt Bier - wohl bekomm's

18.04.2005 ·  Eine Ökolimo aus der fränkischen Provinz avanciert zum Szenegetränk. Das rettet eine beinahe bankrotte Dorfbrauerei. Die Langeweile stand Pate bei der Erfindung der neuen Brause.

Von Catherine Hoffmann
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Ein Umzug kommt für Peter Kowalsky nicht in Frage. Hier ist er groß geworden, zwischen dem Sudhaus mit seinen Maischbottichen, der automatischen Abfüllanlage und dem Lager mit den klappernden Getränkekisten seiner Brauerei in Ostheim vor der Rhön. Es ist tiefste fränkische Provinz, ehemaliges Zonenrandgebiet, ein Luftkurort mit engen Gassen. "Wenn's hier nicht so langweilig wäre, hätten wir Bionade nie entwickelt", sagt Kowalsky.

Mit der Langeweile in Ostheim ist es allerdings vorbei, seit Braumeister Peter Leipold, Kowalskys Stiefvater, Bionade erfunden hat, das erste alkoholfreie Erfrischungsgetränk, das durch Gärung entsteht - ähnlich wie Bier. Das schmeckt völlig anders als gewöhnliche Limonaden, ist vor allem nicht so süß. Die Bio-Brause gibt es in ausgefallenen Geschmacksrichtungen: Litschi, Holunder, Kräuter und neuerdings auch Ingwer-Orange.

Biogroßhändler staunen - eine natürliche Alternative

"Wir haben das probiert und für gut befunden", sagt etwa Dirk Körner, Szenegastronom in der Frankfurter "Botschaft". "Bei den Kunden kommt Bionade an." Biogroßhändler staunen derzeit über ein Umsatzwachstum von 300 bis 450 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das schafft kein anderes Ökoprodukt.

Bereits in den achtziger Jahren suchte Leipold Ersatz für den schwindenden Bierkonsum, unter dem die Brauerei seiner Frau litt. Er experimentierte mit den Rohstoffen seiner Zunft, Wasser und Braumalz, und suchte nach Bakterien, die den Zucker nicht zu Alkohol vergären, sondern zu Gluconsäure. Leipold glückte, was bisher noch keinem gelungen war. Eine natürliche Alternative zur industriellen Limonade war gefunden, eine Fanta ohne Chemie.

Acht Jahre Tüftelei vom Labor zur Fabrik

Doch der Weg vom Erlenmeyerkolben im Labor zur funktionstüchtigen Fabrik war weit. Acht harte Jahre tüftelte Leipold gemeinsam mit einem Schlosser, bis die Anlage lief und das Verfahren patentiert werden konnte. Lange Zeit wurde er milde belächelt für soviel Einsatz. Die Skepsis wich auch nicht, als Bionade Mitte der neunziger Jahre auf den Markt kam.

Niemand glaubte, daß die Familienbrauerei Peter lange durchhalten würde, als sie 1995 die Bionade GmbH gründete. Heute gibt es sogar Wettbewerber, die das Unternehmen gerne kaufen würden. Doch Kowalsky folgt lieber dem Rat eines großen Kunden, einem Einkäufer des Einzelhändlers Rewe: "Ihr habt's so weit gebracht, jetzt würd' ich's nicht mehr aus der Hand geben."

1,5 Millionen Entwicklungskosten - beinahe der Ruin

Es sah nicht immer so gut aus. Rund 1,5 Millionen Euro hat die Entwicklung von Bionade gekostet. Das hätte die junge Firma und ihre vier Eigentümer beinahe in den Ruin getrieben. Die Banken saßen den Leipolds im Nacken und mußten beruhigt werden. Die amtlichen Lebensmittelchemiker verstanden das Produkt nicht und wollten beschwichtigt werden. Auch die Kunden mußten erst überzeugt werden.

Während Multis wie Coca-Cola mit gewaltigem Werbeaufwand und Listungsgeldern für die großen Einzelhandelsketten den Markt für ein neues Getränk wie Coca-Cola light Lemon erobern, fehlte der kleinen Dorfbrauerei das Geld dafür, den Deutschen ihre Innovation schmackhaft zu machen: Wo keine Werbung, da kein Markt. "Wenn wir das Geld eines Getränkemultis hätten, wäre Bionade heute ein Welterfolg", ist Kowalsky überzeugt. Unterkriegen ließ sich der Dickkopf nicht.

Den Franken gelang in Hamburg der Durchbruch

Bionade fand den Weg zum Verbraucher zunächst nur mühsam via Verkostungen in Sportzentren, Kurkliniken und Osteoporosegruppen. Aufwärts ging es, als Hamburgs größter Getränkehändler Göttsche 1997 Bionade entdeckte und Kneipen damit versorgte. Der Durchbruch gelang, als versehentlich Flaschen mit ungarischen Etiketten in Hamburg auftauchten - aus einem geplatzten Geschäft. "Bionade war plötzlich ein Szenegetränk, die Bestellungen nahmen zu", erinnert sich Kowalsky an den Überraschungserfolg.

Mittlerweile ist die Hansestadt die Hochburg der Bionade-Trinker. Von hier aus eroberte die Naturlimo langsam andere deutsche Großstädte. Eine Kooperation mit Rhönsprudel, die ihr landesweites Vertriebsnetz und Kapital zur Verfügung stellte, half. Inzwischen hat Coca-Cola, Deutschlands größter Getränkehändler, die Ökolimo auf die Pritsche genommen. Die haben allerdings "erst mal geschluckt", als sie die ärmliche Dorfbrauerei mit ihrer klapprigen Abfüllanlage gesehen haben.

Trotz Wachstumsschmerzen - Kowalsky will bleiben

20.000 Hektoliter Bionade wurden im vergangenen Jahr verkauft. "70- bis 80.000 Hektoliter schaffen wir in diesem Jahr", glaubt Kowalsky. "Das ist zehnmal soviel wie 2003." Verglichen mit Giganten wie Coca-Cola, sei Bionade freilich noch immer ein "Mückenschiß". Aber es geht voran. Bereits im vergangenen Jahr hätte man viel mehr verkaufen können, wäre genügend Leergut dagewesen.

Es ist nicht der einzige Engpaß. Wenn die Lastzüge mit ihren 40 Tonnen aus Hamburg anrollen, sind die kleinen Straßen in Ostheim schnell verstopft. Auf dem winzigen Bionade-Hof können nicht mehr Paletten verladen werden als bisher. Jetzt soll ausgebaut werden. Trotz der Wachstumsschmerzen steht für Kowalsky fest: "Wir bleiben auf jeden Fall hier."

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.04.2005, Nr. 15 / Seite 44
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