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Brasiliens Präsident Lula Ein selbstbewusster Besucher

03.12.2009 ·  Angela Merkel empfängt Brasiliens Staatspräsident in Berlin. Lula vertritt ein neues "Wirtschaftswunderland", das die Erschütterungen der globalen Krise erstaunlich schnell überwunden hat.

Von Carl Moses
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Deutschland empfängt in dieser Woche einen sehr selbstbewussten Gast. Brasiliens Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva kommt als Vertreter eines neuen "Wirtschaftswunderlandes", das die Erschütterungen der globalen Krise erstaunlich schnell überwunden hat. Schon nach wenigen Monaten kam die Konjunktur am Zuckerhut wieder in Fahrt. Für 2010 gelten fünf Prozent inzwischen als untere Grenze des Wirtschaftswachstums.

Noch vor ein paar Jahren hätte eine solche Finanzkrise Brasilien unweigerlich in schwere Turbulenzen gestürzt. Heute ist das Land so finanzstark, dass die Regierung die Konjunktur aus eigener Kraft anregen und dazu noch Geld für Problemländer an den Internationalen Währungsfonds verleihen kann. Brasilianische Konzerne gehören in vielen Branchen zur Weltspitze. Allein der lokale Ableger der spanischen Banco Santander ist an der haussierenden Börse von São Paulo mehr wert als die Deutsche Bank. Ausländisches Kapital fließt so umfangreich wie nie zuvor nach Brasilien. Das machte den brasilianischen Real dieses Jahr zur stärksten Währung des Globus.

Auf den Weltwirtschaftsgipfeln ist Brasilien nicht mehr nur zum Kaffee dabei. Die Brasilianer sind zu einer der tonangebenden Stimmen geworden, auch bei den stockenden Gesprächen über die Liberalisierung des Welthandels. Auch in der Klimadiskussion lässt sich ohne das Amazonasland kaum etwas bewegen. Einerseits gehört Brasilien aufgrund der Rodung des Regenwaldes zu den größten Klimasündern. Andererseits hat keine andere Wirtschaftsmacht eine so grüne Energiewirtschaft wie Brasilien, das seinen Strom vor allem aus Wasserkraft erzeugt und den Großteil seiner Autos mit Alkohol aus Zuckerrohr antreibt.

Lula kann zudem vorweisen, dass die Abholzung in den letzten zwölf Monaten auf den niedrigsten Umfang seit zwei Jahrzehnten gesunken ist. So überraschten die Brasilianer dieser Tage mit einseitigen Zusagen für die Reduzierung der Treibhausgase. Danach soll das Emissionsvolumen 2020 um fast 40 Prozent geringer ausfallen als bisher geschätzt und somit im Vergleich zu 2005 um 20 Prozent sinken. Lula erwartet allerdings, dass die reichen Länder, die ihre Wälder schon vor Jahrhunderten zerstört hätten, für den Erhalt des Waldes zahlen. Kein "Gringo" könne erwarten, dass Brasilien seine Amazonasbewohner unter den Bäumen verhungern lasse, stellt Lula klar.

Als Goldman Sachs vor sechs Jahren die Formel von den Bric-Ländern Brasilien, Russland, Indien und China als den künftigen Wirtschaftsmächten prägte, hatten viele noch Zweifel, ob Brasilien da wohl richtig eingestuft sei. Inzwischen gehört Brasilien zu den zehn größten Volkswirtschaften. In zehn bis fünfzehn Jahren dürfte es an Ländern wie Frankreich und Großbritannien vorbei auf Rang fünf vorstoßen. Tatsächlich strahlt Brasilien heute in vieler Hinsicht heller als die anderen Bric-Länder. Anders als China ist Brasilien eine Demokratie, das Land ist kein Konfliktherd wie Indien, und seine Wirtschaft ist breiter aufgestellt als die Russlands. Auch wenn der immense Rohstoffreichtum zu Recht als eine seiner großen Stärken angeführt wird - Brasilien ist nicht wie viele andere Schwellenländer von wenigen Exportprodukten abhängig. Das Land exportiert Autos und Passagierflugzeuge genauso wie Eisenerz und Sojabohnen. Die Abnehmer sind gleichmäßig über die Welt verteilt, der wichtigste Kunde ist nicht mehr Amerika, sondern China.

Brasiliens neues Selbstbewusstsein kommt von innen. In der jüngsten Krise hat sich der Vorteil des großen und dynamisch wachsenden Binnenmarktes gezeigt. Die durch langjährige Stabilitätspolitik gefestigte Kaufkraft hat ein starkes Anwachsen der überaus konsumfreudigen Mittelschicht ermöglicht. Lulas vielgelobte Sozialpolitik half zwölf Millionen Familien aus dem Elend. Ihr Multiplikatoreffekt hat den Nordosten, das bisherige Armenhaus des Landes, zur neuen Wachstumsregion für Handel und Investitionen gemacht.

In den Himmel ragen die Bäume freilich nicht. Die immer noch astronomisch hohen Realzinsen bremsen Konsum und Investitionen. Ohne Hilfe der mächtigen Staatsbanken kann kaum eine Maschine gekauft oder ein Haus gebaut werden. Die Regierung gefällt sich darin, Großunternehmen zu gängeln. Eine lähmende Bürokratie und die überhöhten wie ineffizient erhobenen Steuern drosseln die Wirtschaft. Der große Stromausfall, der vor kurzem 40 Millionen Brasilianer eine Nacht im Dunkeln ließ, hat in Erinnerung gerufen, wie fragil die Infrastruktur ist. Entscheidend ist jedoch nicht die Momentaufnahme, sondern der Entwicklungsprozess: Er folgt seit längerem einem positiven Trend, der kaum wieder kippen dürfte.

Die deutsche Wirtschaft, die in Brasilien Schlüsselpositionen hält, hofft auf neue Geschäfte bei den Vorbereitungen Brasiliens auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro. Der Termindruck dieser Großereignisse sollte dafür sorgen, dass die erforderlichen Investitionen in Stadien, Transport und Sicherheit nicht wie bisher auf die lange Bank geschoben werden.

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